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WeißrusslandLukaschenko erschreckt seine Nachbarn mit AKW – Litauen will Jodtabletten verteilen

Weißrussland / Lukaschenko erschreckt seine Nachbarn mit AKW – Litauen will Jodtabletten verteilen
Weißrusslands Präsident im Jahr 2019: Lukaschenko kam einst auch als Atomgegner an die Macht, bald hat das Land sein erstes eigenes AKW – direkt an der Grenze zu Litauen  Foto: Reuters/Vasily Fedosenko

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In Litauen werden bald Jodtabletten verteilt. Das hat man dem Nachbarn zu verdanken. Nur 40 Kilometer von Vilnius geht bald der erste Atommeiler Weißrusslands ans Netz. Dessen Präsident Lukaschenko kam im Tschernobyl-geschundenen Staat einst mit einem besonderen Versprechen an die Macht: nie ein AKW in Weißrussland zu bauen. 

Im weißrussischen Städtchen Astravets wird an der Stadtausfahrt Richtung Vilnius ein komplett neues Quartier gebaut. Wohnblocks, Kinderspielplätze und Supermärkte werden für Tausende von AKW-Mitarbeitern hochgezogen. Bald soll Astrawets von 8.000 auf über 30.000 Einwohner anwachsen.

„Uns hat keiner gefragt, ob wir das alles überhaupt wollen“, klagt Iwan Krug. Der ehemalige Lokalpolizist ist heute einer der bekanntesten und einer der letzten AKW-Gegner vor Ort. Der Autokrat Alexander Lukaschenko habe sich in Astravets durchgesetzt, wie er es immer mache. „Einschüchtern und isolieren, manchmal auch mit lukrativen neuen Stellen ködern“, fasst Krug in seiner schlichten Wohnung zusammen.

Gut 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl will ausgerechnet Weißrussland, wegen der damals herrschenden Nordwinde das größte Opfer des sowjetischen GAU von 1986, bald sein erstes eigenes AKW in Betrieb nehmen. Direkt bei der Explosion des vierten Reaktorblocks von Tschernobyl waren 1986 zuerst nur 28 Todesopfer zu vermelden gewesen. Doch schwerer wiegen die Langzeitfolgen. So sterben auch heute noch damals der enormen Strahlendosis ausgesetzte Bewohner rund um Tschernobyl sowie die von den Sowjets bis zu 600.000 für die Aufräumarbeiten eingesetzten sogenannten Liquidatoren an Krebs. Alleine bis 2010 sollen es in Weißrussland mindestens 4.000 gewesen sein.

Seitdem allerdings wird nicht mehr so genau gezählt, da man in Minsk seither selbst offiziell auf Atomstrom setzt. Um die Opferzahl des GAU von Tschernobyl tobt weiterhin ein heftiger, weltweit ausgefochtener Expertenstreit. Die angenommenen Opferzahlen liegen zwischen 4.000 Toten laut UNO und 1,4 Mio. Toten, von denen radikale Umweltgruppen ausgehen. Teile des AKW Tschernobyl waren am 26. April 1986 bei einem Sicherheitsexperiment explodiert. In der Folge mussten Hunderttausende Bewohner evakuiert werden, ein Drittel der angrenzenden Weißrussischen SSR (BSSR) wurde kontaminiert.

Spezielle Mentalität an spezieller Grenze

Drohend erheben sich 15 Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Astravets hinter drei Stacheldrahtzäunen die Kühltürme. Die dazugehörigen Reaktorblöcke sind im dichten Nebel kaum auszumachen. „Dieser Schrott bringt uns nur Unglück“, sagt Iwan, der vor Ort empfohlene Fahrer, und startet seinen rostigen Diesel-Audi durch. Wer hier langsam unterwegs ist, fällt nur unnötig auf.

Der Einheimische kennt die Gegend wie seine Jackentasche. Und er versteht die Mentalität im weißrussisch-litauischen Grenzgebiet. „Sich ducken, ja nichts gegen die Macht sagen, denn das bringt nur Unglück“, brummt der Fahrer. „Was sollen wir schon aufbegehren, nun, wo das AKW gebaut ist?“, räsoniert er. Acht Jahre lang wurden hier, 15 Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Astravets, mit einem Moskauer Neun-Milliarden-Euro-Kredit zwei Reaktorblöcke russischen Typs NPP-2006 gebaut. Bauherr ist der staatliche russische Konzern Atomstroiexport, der gerade auch im Iran, in Indien und in China AKWs baut.

Der erste Reaktorblock soll spätestens im Juli in Betrieb genommen werden und im September ans Netz. „Dies ist ein großer Schritt, um unsere energetische Sicherheit zu garantieren, ein Motor des Fortschritts, der innovativen Entwicklung“, schwärmt Staatspräsident Alexander Lukaschenko über das AKW Astravets. Der Autokrat hat Astravets zur Chefsache erklärt, nachdem er vor 26 Jahren mit dem Versprechen, „nie ein AKW in Weißrussland zu bauen“, an die Macht gekommen war.

Wir fühlen uns bedroht

Gitanas Nauseda, Litauens Staatspräsident

Über Fortschritt und Innovation gehen die Meinungen in der Reaktorstadt auseinander. Hinter vorgehaltener Hand erzählen alteingesessene Einwohner von Astravets von Bränden und haarsträubenden Unfällen. Mindestens zehn Todesopfer soll der Bau laut der Minsker Umweltschutzgruppe „Ekodom“ bisher gekostet haben. 2016 war gar die Reaktorhülle aus Stahl vom Kran gefallen. Ohne dabei Schaden zu nehmen, wie es in Minsk geflissentlich mit gehöriger Verzögerung hieß.

Alles sicher, sagt der AKW-Chef

„In unserem Werk ist alles absolut sicher“, überzeugt dagegen Edward Swirid, der Chef des AKW-Informationszentrums in Astravets, „wir Weißrussen haben aus Tschernobyl und Fukushima gelernt.“ Swirid hat gut gestylte Infogramme und eine eindrückliche Unfallsimulation auf Video, die seinen Standpunkt untermauern und die Bedenken der Opposition ebenso kontern wie jene Litauens, das seit Jahren gegen das auffallend grenznahe AKW protestiert.

Gerade einmal 20 Kilometer sind es von den beiden Reaktorblöcken in den Baltenstaat, nur 40 Kilometer entfernt ist die Hauptstadt Vilnius. Die helvetischen AKWs Gösgen, Beznau und Leibstadt direkt an der Grenze zu Deutschland seien schließlich auch nur je etwa 30 Kilometer von der Großstadt Zürich entfernt, erklärt Swirid lachend. Die Schweiz wird auf den Infotafeln als Vorbild zitiert, natürlich ohne den per 2050 geplanten Atomausstieg zu erwähnen.

Der Atommüll werde direkt neben den Reaktoren gelagert, lobt Swirid das Entsorgungskonzept des AKW Astravets. „Hier haben wir nämlich die besten Fachleute gleich alle versammelt“, sagt der Funktionär mit einem entwaffnenden Lächeln. Unter den Teppich gekehrt wird dagegen die Tatsache, dass das AKW russischer Bauart natürlich nur auf Uran aus Russland ausgelegt ist, auch wenn Lukaschenko im laufenden Rohöllieferstreit mit Moskau gerade wieder vermehrt von energetischer Unabhängigkeit von Russland schwadroniert.

Zum Schluss seiner Führung durch das Info-Pavillion zieht Swirid gar noch eine Raketenabwehrstaffel „zum Schutz vor Terroristen“ aus dem Ärmel: „Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.“ Auch Vilnius rüstet derweil auf. Millionen von Jodtabletten hat das nahe Litauen bereits gekauft. Sobald der erste Reaktorblock in Astravets ans Netz geht, sollen sie landesweit an die Bevölkerung verteilt werden. Litauen und auch Polen haben bereits versprochen, keinen Atomstrom aus Weißrussland kaufen zu wollen. Litauens Staatspräsident Gitanas Nauseda fasst die Stimmung in seinem Lande so zusammen: „Wir fühlen uns bedroht.“