Der Friedhof Sankt Joseph beherbergt aber auch Werke von anerkannten Künstlern. So hat der 1883 in Fossembrone (I) geborene Bildhauer Duilio Donzelli im Jahr 1917 ein einzigartiges Grabmonument für die Installateur-Familie Reckinger geschaffen. Es handelt sich um die Skulptur einer fast lebensgroßen gebeugten Trauernden im Witwenschleier (b). Ein überraschendes Mohnblumendekor – der Mohn steht für ewigen Schlaf und Vergessen – greift von der eigentlichen Skulptur auf die Grabplatte und auf ein steinernes Pflanzgefäß aus. Donzelli wurde 1924 wegen „kommunistischer Umtriebe“ des Landes verwiesen. Er wirkte lange Zeit in Lothringen und starb 1966 in Valence in Südfrankreich.
Der 1877 in Machtum geborene und 1932 in Paris verstorbene Bildhauer Jean Mich hat ein nicht weniger beeindruckendes Grabdenkmal für die Kaufmannsfamilie Scheidweiler geschaffen. Das Monument in Gestalt eines Obelisken ist ein klarer Hinweis auf die freidenkerische Gesinnung der Scheidweilers. Für verschiedene Familienmitglieder wurde ein damals eher unübliches Zivilbegräbnis ausgerichtet. Die Arbeit von Jean Mich zeigt eine junge, von Efeu umrankte Trauernde. So wie bei Donzelli werden auch hier die Blumenkästen mit in das Dekor einbezogen (d).
Die beiden bekannten Architekten Nicolas Schmit-Noesen (1899-1964) und Laurent Noesen (1924-2002) ruhen ebenfalls unter einem Obelisken. Dieser weist Motive auf, die auf die Vergänglichkeit der weltlichen Ehren hinweisen, wie geknickte Palmwedel oder zu Boden gefallene Orden (d).
An die Mitglieder der Familie Hammerel, einer Dynastie von Escher Möbelschreinern und Innenarchitekten (Michel und Lou, 1877 bzw. 1909 geboren), erinnert ein Art-déco-Grabmal (c). Sieht man von dem zweiten Escher Friedhof Lallingen ab, so ist diese Stilrichtung in der luxemburgischen Friedhofslandschaft eher selten vertreten.
Die Grabmonumente erlauben es uns auch, die Gesellschaft zu lesen. Einige Grabkapellen entsprechen dem Wunsch ihrer Besitzer, auch im Tode auf ihre gehobene gesellschaftliche Stellung hinzuweisen. So ist auf der linken Seite der Längsachse die neogotische Kapelle (Spitzbogenfenster) der Juristen- und Unternehmerfamilie De Wacquant-Brasseur zu sehen (a). Links der Querallee liegt das klassizistische Bauwerk (korinthische Säulen) der Grubenbesitzerfamilie Tabary-Schintgen. Man bemerke das geschwungene Monogramm TS über der Kapellentür (b).
Rechts neben der Längsachse erkennt man die aufwändige neobyzantinische Kapelle der Ingenieurs- und Unternehmerfamilien Knepper-Thiry und Kersch-Thiry (c). Die Seitenfenster weisen schöne kleine Glasfenster auf. Sie zeigen links die trauernde Gottesmutter, rechts den gegeißelten Christus. Die Grabstätte wird durch eine massive Bronzetür mit zarten Blumenmotiven verschlossen.
Das Milieu der Grubenbetreiber ist durch die Gräber von Franz Xaver Leesberg, Minenverwalter in Esch/Alzette, und Grégoire Barblé, Inspektor bei der Arbed, vertreten. An den 1808 in Amsterdam geborenen Leesberg, einen Pionier der niederländischen Ostindien-Armee, erinnert ein steinernes Grabmal in der eher seltenen Form eines Katafalks (c). Über Barblé, der 1868 in Athus (B) das Licht der Welt erblickte, wacht ein weißer, von der Firma Jacquemart gefertigter Marmorengel (d). Dieses hauptstädtische Unternehmen war im Erzbecken eher selten tätig.
Auch die Welt der Politik ist auf dem Sankt-Joseph-Friedhof vertreten. Das Grab des 1877 in Echternach geborenen Caspar Mathias Spoo versteckt sich hinter zwei mächtigen Thujen (d). Spoo, der aus bescheidensten Verhältnissen stammte, brachte es gegen jede Sozialprognose zum Unternehmer. Er betrieb in Esch/Alzette und andernorts mehrere Gießereien. Spoo – eine Persönlichkeit mit vielen Facetten – war als Mitglied des Escher Gemeinderates (1893) und der Abgeordnetenkammer (1896) ebenfalls in der Politik tätig. Er gilt nicht nur als Pionier des Sozialismus in Luxemburg, sondern setzte sich auch frühzeitig für den Gebrauch der luxemburgischen Sprache in Parlamentsdebatten ein.
Fast gegenüber, links der Längsallee, erinnert ein von einer Urne gekrönter Obelisk aus seltenem karamellfarbenen Marmor an den Escher Bürgermeister Jean-Pierre Michels (1912-1917) (b). Am Trauerzug des Stadtoberhauptes, das 1915 auch in die Abgeordnetenkammer gewählt worden war, hatte eine Delegation des Freidenkerbundes teilgenommen.
Abschließend sei auf die Grabstätten von zwei Söhnen italienischer Einwanderer hingewiesen, denen der Sport den Weg in die luxemburgische Gesellschaft geebnet hat. Louis Pilot (1940-2016) war Mitglied der Luxemburger Fußballnationalmannschaft und kickte als Profispieler für den renommierten Standard Club de Liège (B). Aldo Bolzan (1933-2016) nahm als Berufsradfahrer sechsmal an der Tour de France teil. Man findet die Gräber rechts (d) bzw. oben links (b) an der Friedhofsmauer.
Die Serie
Von April bis Juli 2020 lädt das Tageblatt seine Leser zu einem Spaziergang durch die Geschichte einer außergewöhnlichen Stadt ein: Esch/Alzette, Hauptstadt des luxemburgischen Erzbeckens. Als Vorschau auf die Veröffentlichung des „Guide historique et architectural Esch-sur-Alzette“ im Juli 2020 stellt das Tageblatt jeden Tag eines der rund 150 für das Buch ausgewählten Gebäude vor. Georges Büchler, Jean Goedert, Antoinette Lorang, Antoinette Reuter und Denis Scuto sind die Autoren. Die Fotos stammen von Christof Weber. Der Stadtführer wird vom Luxembourg Centre for Contemporary History (C2DH) und der Gemeinde Esch herausgegeben und vom Verlag capybarabooks veröffentlicht. Die Texte und Fotos stellen nicht nur die verschiedenen Architekturstile vor, sondern gehen auch auf den historischen Kontext der Wohn- und Geschäftshäuser, Verwaltungs-, Industrie-, Sakral- und Kulturbauten ein. Die Herangehensweise ist chronologisch: Gezeigt werden Gebäude aus dem 18. Jahrhundert bis heute, vom Turm des Berwart-Schlosses zur Cité des Sciences, von Al Esch zu den Nonnewisen, vom Friedhof Sankt Joseph zum Café Pitcher. Der Führer beschreibt die Entwicklung der Stadt Esch und ihres Kulturerbes nicht nur aus der Perspektive der Kunst-, Architektur- und Urbanismusgeschichte, sondern auch aus jener der Sozial- und Industriegeschichte.

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