Elizabeth Holmes wollte einst die Welt retten – oder wenigstens das amerikanische Gesundheitswesen. Ein kluger Chip sollte mit der Analyse eines winzigen Bluttropfens alle Krankheiten des Patienten finden. Doch diesen Chip gab es nicht. Holmes steht bald vor Gericht.
Von unserem Korrespondenten Sebastian Moll
Es ist eine eigenartige Erfahrung, sich dieses Video anzuschauen, das gerade einmal vier Jahre alt ist. Elizabeth Holmes betritt darin die Bühne, um einen Vortrag zu halten. Dabei erklärt sie, dass die Lösung aller Probleme des amerikanischen Gesundheitswesens mit dem Individuum anfange.
Überfliegerin an Elite-Universität
Heute redet Holmes nur noch selten, das nächste Mal wird man wahrscheinlich bei ihrem Prozess von ihr hören. In der vergangenen Woche ist gegen sie Anklage erhoben worden, sie wird beschuldigt, einen der größten Betrugsskandale in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte verursacht zu haben. Der Name ihrer Firma, Theranos, wird in einem Atemzug mit dem gescheiterten Energiehändler Enron genannt.
Holmes kommt aus einer Unternehmerfamilie. Ihr Vater reiste als Angestellter des Außenministeriums in der Welt herum. Der familiäre Hintergrund hatte zweierlei Auswirkungen auf Holmes. Durch das Vagabundendasein war sie nie in der Lage, feste Bindungen einzugehen, sie sei eine „glückliche Eremitin“ gewesen, sagte sie einmal in einem Interview. Zugleich wurde im Haus Holmes oft darüber gesprochen, wie wichtig es sei, in seinem Leben etwas Bedeutsames zu schaffen. „Mir war früh klar, dass ich etwas Außergewöhnliches leisten wollte.“
Tests und Therapie für den SARS-Virus
Holmes hat dabei keine Zeit verschwendet. Sie war eine Überfliegerin in der Schule, schon mit 16 nahm sie Sommerkurse an der Elite-Universität Stanford. Sie wurde schließlich dort mit Ehren und einem Stipendium angenommen und spezialisierte sich auf das chemische Ingenieurswesen.
Während eines Praktikums am Genom-Institut in Stanford entwickelte sie die Idee, Tests und Therapie für den SARS-Virus, der gerade in China ausbrach, zu vereinfachen und von einem einzigen Chip erledigen zu lassen. Es war die Geburtsstunde von Theranos. Holmes ließ sich die Idee patentieren, Labortests, Diagnose und Medikation von einem einzigen Mikroprozessor besorgen zu lassen. Und innerhalb von Monaten wuchs diese Idee zu einem Plan, das gesamte marode amerikanische Gesundheitswesen umzukrempeln.
Die Idee war attraktiv. Mit ihrer neuen Technologie wollte Holmes es möglich machen, eine Vielzahl von Diagnosen aus einer Nanomenge an Blut zu stellen. Das würde die Kosten für die ärztliche Grundversorgung in den USA dramatisch senken. Holmes und ihr Partner, der Software-Ingenieur Sunny Balwani, stellten sich als hervorragende Vermarkter der Idee heraus. Zwischen 2003 und 2015 sammelten sie 700 Millionen Dollar (600 Millionen Euro) an Venture-Capital, die Firma wurde zwischenzeitlich auf einen Wert von zehn Milliarden Dollar geschätzt.
Nicht so gut funktionierte hingegen die Entwicklung der Technologie. Als der Wall-Street- Journal-Reporter John Carreyrou begann, an der Oberfläche zu kratzen, entdeckte er Schockierendes. Der Wunderchip existierte nicht. Stattdessen verwendeten Holmes und Balwani, die zwischenzeitlich auch romantisch verknüpft waren, fingierte Maschinen anderer Hersteller, um Investoren und Geschäftspartner zu düpieren.
So war der Sturz von Holmes auch ein Triumph für den Recherchejournalismus. Für Innovationen in der Gesundheitstechnologie ist er jedoch eine Katastrophe. Im Trümmerfeld des Theranos-Kollapses werden sich Investoren dreimal überlegen, ob sie Geld für vermeintlich revolutionäre Ideen ausgeben.
Den größten Bärendienst hat Holmes jedoch den Frauen in den sogenannten STEM-Berufen getan – den Betätigungsfeldern Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswesen und Mathematik. Hier sind Frauen ohnehin dramatisch unterrepräsentiert. Die Vorurteile, dass Frauen für diese Dinge einfach nicht geeignet sind, haben durch Holmes reichlich neue Nahrung erhalten.
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