Natürlich war in dem Zusammenhang auch der Kettenabsprung bei der letztjährigen Tour ein Gesprächsthema, genauso wie Alberto Contador. Der Spanier könnte demnächst wegen eines Dopingvergehens gesperrt werden, was Andy Schleck als Betrug an seiner Person ansieht.
" class="infobox_img" />Andy Schleck: «Im Radsport handeln viele Teams noch wie Amateure. Leopard-Trek nicht.»
Tageblatt: Du und dein Bruder, ihr seid in diversen Filmen auf der Webseite von Sponsor und Radhersteller Trek zu sehen. Dort verfolgt ihr den Aufbau eurer Rennmaschinen. Was genau habt ihr da gemacht?
Andy Schleck: „Wir haben eigentlich nicht an der Entwicklung teilgenommen. Es war eher, dass Trek uns vor Ort seine verschiedenen Departments, Sales, Design usw. gezeigt hat. Wie die Räder handgebaut werden, wie die Firma aussieht. Natürlich haben sie uns nach unserem Feedback gefragt. Ist auch logisch, niemand fährt mehr mit ihren Rädern als wir. Die Idee dahinter ist, dass wir ihnen sagen, wie sich das Rad in verschiedenen Situationen verhält, und sie daraufhin Veränderungen vornehmen können. Ich vertraue diesem Rad zum Teil auch mein Leben an. Manchmal geht es ja mit mehr als 100 Sachen einen Berg runter. Sie haben auch neue Räder gemacht – in diesem Sinn haben wir dann doch etwas mit der Entwicklung zu tun. Wir haben Ideen und die realisieren sie.“
Wann wurden diese Filme gedreht?
A.S.: „Gegen Ende des letzten Jahres. Es war wirklich interessant, zu sehen, wie alles funktioniert. Auch die Tests im Windkanal. Das, was man immer auf Fotos sieht, also dieser Windstrahl, das ist alles Blödsinn. Das wird immer nur für die Fotos so hergestellt. In der Realität sieht man gar nix. Da sind eigentlich nur Maschinen, die deinen Luftwiderstand messen. Weiter bekamen wir erklärt, wie sich Carbon verhält, wie man eine gewisse Steifigkeit ins Rad bekommt.“
Ben Coates von Trek ist extra aus den Staaten nach Luxemburg umgezogen, um näher an eurem Team dran zu sein. Wie wichtig ist euch diese Nähe?
A.S.: „Soweit ich weiß, ist das die erste Firma, die das macht. Trek identifiziert sich ja mit unserem Team. Zuvor war man ja eigentlich immer in der Nähe von Lance Armstrong. Bereits bei US Postal, dann bei RadioShack. Jetzt sind sie halt bei uns. Die Hierarchie hat sich verändert. Ich habe noch sie solch ein Vertrauen gespürt wie jetzt bei Trek. Die sind einfach mit allem auf dem absolut letzten Stand.“
Wie groß ist der Unterschied zum vorherigen Hersteller Spezialized?
A.S.: „Ein Beispiel: Wir kamen in Amerika an und wurden gleich ins beste Hotel gefahren. Innerhalb von acht Tagen haben wir zehnmal den Flieger genommen. Sie haben uns alles gezeigt. Da wurde ‚business‘ gemacht. Man hat richtig gespürt, wie sehr die sich um uns gekümmert haben. Wir wollen die beste Mannschaft sein, dann muss auch unser Material das beste sein. Unsere Philosophie ist, anders zu sein. Im Radsport handeln viele Teams noch wie Amateure. Ich nenne als Beispiel Brice Feillu. Der hat zuvor noch nie mit einem Pulsmesser trainiert. Heutzutage stehen einem so viele Sachen zur Verfügung, die dir weiterhelfen können. Angefangen bei der Ernährungswissenschaft, der Trainingswissenschaft … Und trotzdem trainieren immer noch Mannschaften wie vor 20, 30 Jahren. Die brauchen sich nicht zu wundern, dass die Resultate nicht folgen.“
Wenn über Material gesprochen wird, kommt man automatisch auch auf deinen Kettenabsprung bei der Tour de France 2010 zu sprechen. Die Frage „Hättest du die Tour ohne dieses Missgeschick gewonnen?“, wird die erst „gelöscht“ werden, wenn du tatsächlich mal als Erster auf dem Podest stehen wirst?
A.S: „Ja. Ich bin wohl nur Zweiter geworden, für mich hat sich dieser zweite Platz dennoch wie ein Sieg angefühlt. Weil es ist nun mal so: Ohne diese Sekunden, die ich da verloren habe, hätte ich die Tour gewonnen. Es wäre knapp geworden, ich hätte die Tour aber gewonnen. Um als Erster in Paris anzukommen, muss auch dein Material zu hundert Prozent in Ordnung sein. War es aber nicht.“
Und mit Frank an deiner Seite?
A.S.: „Ja, ich bin der Meinung, dass ich mit ihm an meiner Seite gewonnen hätte. Wir hätten ihn zu zweit angreifen können. Alberto Contador hatte schon Schwierigkeiten, mir allein im Berg zu folgen. Das Rennen hätte sich anders entwickelt. Stürze gehören aber nun mal leider zum Rennen dazu. Aber es hilft nichts, immer nur zurückzublicken.“
Blicken wir also nach vorne. Nehmen wir an, Alberto Contador darf die Tour 2011 nicht fahren. Was voraussetzt, dass er wegen Dopings gesperrt ist und dich um den Tour-Sieg 2010 betrogen hat. Würdest du es genauso sehen?
A.S.: „Ich weiß nicht, wie seine Sache ausgeht. Ich weiß aber, dass nicht nur einer dahinter steckt, der entscheidet, ob er gesperrt wird oder nicht. Sollte er gesperrt werden, ist er guilty, also positiv. Dann verdiene ich den Tour-Sieg. Wird er aber nicht gesperrt, dann gibt es auch für mich keine Diskussion: Dann ist er die Tour sauber gefahren und hat den Sieg verdient. Dazwischen gibt es sonst nichts.“
Wenn positiv, also Betrug an deiner Person?
A.S: „Ja.“
Würde das auch was an eurer Beziehung ändern?
A.S: „Wir haben bislang eine ganz normale Beziehung gehabt. Wir sind nicht Freunde, ich rufe ihn nicht an. In einer gewissen Weise arbeiten wir zusammen, daher würde ich unsere Beziehung als normal umschreiben.“
Ein Wort zu deiner neuen Mannschaft. Ihr seid in der Breite sehr stark aufgestellt. Was ist von euch zu erwarten?
A.S.: „Das Team ist perfekt und sehr stark. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass wir auch ganz neu sind. Es muss alles erst anrollen. ‚Ech soen et sou: D’Strooss ass gemaach, mee lo mussen d’Coureuren och weisen, dass se do sinn an d’Resultater brénge mussen.‘ Wir wollen nicht wie andere Teams auftreten, die denken, sie hätten den Radsport erfunden, und am Saisonende mit leeren Händen dastehen. Ich habe keine Zweifel, dass dem nicht so sein wird, man sollte aber Vorsicht walten lassen.“
Ein Wort zu den Fahrern, welche in der zweiten Reihe stehen. Was ist von denen zu erwarten?
A.S: „Die Auswahl der Fahrer, die nicht in der ersten Reihe stehen, war eine Top-Wahl. Ein paar Beispiele: Bei Daniele Bennati war die Zeit eines Wechsels ganz einfach reif. Bei Liquigas war alles zur Routine für ihn geworden. Man merkte ihm an, dass er unzufrieden war. Daher denke ich ganz ehrlich, dass er dieses Jahr aufblühen wird, genauso wie ein Maxime Monfort. Das Gleiche gilt auch für Linus Gerdemann und Fabian Wegmann. Beide habe ich letztes Jahr bei der Tour de France gesehen. Ich hatte den Eindruck, dass sie selbst gar nicht so recht wussten, warum sie da überhaupt mitfahren würden. Sie hatten keinen wirklichen Leader, keine Ziele, das Team war am Ende. Von ihnen allen können wir uns viel erhoffen. Nicht zu vergessen Fabian Cancellara, der, wenn er in Form ist, seine Rennen gewinnen wird. Auch Jakob Fuglsang kann eine sehr gute Rolle spielen. Und natürlich Frank und ich selbst.“
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