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Die letzten Notizen von Erich Honecker

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Es ist das Vermächtnis eines alten, schwer kranken Mannes. Reue oder kritische Einsichten finden sich nicht in den letzten Aufzeichnungen von Erich Honecker. Jetzt erscheint das Gefängnis-Tagebuch.

Im Mercedes wird Erich Honecker ins Berliner Untersuchungsgefängnis Moabit gebracht. Es sei ein großer Empfang mit Rufen von «unseren Berlinern» gewesen, schreibt der frühere SED-Parteichef und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am 29. Juli 1992. Es ist der Tag, an dem er zum Untersuchungshäftling wurde. 20 Jahre später kommen seine letzten Aufzeichnungen als Buch heraus.

Nach der Wiedervereinigung sollte sich Honecker mit fünf weiteren Spitzenfunktionären wegen der Todesschüsse auf DDR-Flüchtlinge vor Gericht verantworten. Zuvor mussten die Honeckers ihre letzte Fluchtstation Moskau verlassen, er wurde nach Berlin gebracht, sie flog nach Chile. Im November 1992 begann der als historisch eingestufte Prozess, doch bald überwogen die medizinischen Probleme der Angeklagten. Zu einer Bewertung der Rolle Honeckers kam das Gericht nicht mehr.

Exil in Chile

Anfang 1993 ordnete das Berliner Verfassungsgericht die Einstellung des Prozesses gegen den krebskranken Honecker an. Nach 169 Tagen Haft verließ der frühere Spitzenfunktionär am 13. Januar Deutschland für immer und flog zu seiner Frau sowie zu Tochter Sonja und den Enkeln nach Chile. Erich Honecker starb am 29. Mai 1994 im Alter von 81 Jahren im Exil in Santiago de Chile.

Die letzten Notizen aus der Berliner Untersuchungshaft zeigen neben dem sturen Ex-Funktionär einen alten Mann, der sich Sorgen um die Familie und seinen hohen Blutdruck macht. «Meine Kleine», nennt er überraschend seine Frau Margot. «Liebe Margot – ich denke viel an Dich», notiert Honecker. Zum Prozess «hierher in diese Hölle» solle sie aber nicht kommen.

Verschollenes Manuskript

Nach Verlagsangaben wusste von dem Manuskript bis zum September 2011 niemand außer Margot Honecker. Sie habe lange gezögert, die Tagebuch-Notizen ihres Mannes aus der Hand zu geben, sagt die frühere DDR-Ministerin für Volksbildung. Die Aufzeichnungen könnten einige Wahrheiten ins Licht rücken «inmitten der Lügen, Fälschungen und Verleumdungen»., schreibt die 84-Jährige im Vorwort.

Unerschütterlich sind die Koordinaten des Weltbildes von Erich Honecker. So schreibt er: «Eine Diktatur, wie man sie der DDR unterstellt, hat so nicht existiert.» Die Perestroika sei ein Unglück, Michail Gorbatschow ein Verräter. Und: «Die BRD ist kein Rechtsstaat, sondern ein Staat der Rechten», ist sich der Untersuchungshäftling sicher. Honecker schreibt von Klassenjustiz, «die sich nicht von der der Nazis unterscheidet».

Der Prozess gegen ihn sei Rache und Fortsetzung des Kalten Krieges, geprägt von Siegermentalität. «… man entledigt sich der politischen Gegner mit den Mitteln des Strafrechts, aber natürlich ganz rechtsstaatlich.» Die DDR habe keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, schreibt der einstige Dachdeckergehilfe. Die Maueropfer? «Dass an der Grenze geschossen wurde, war nichts Besonderes. An fast allen Grenzen wird geschossen, wenn diese verletzt werden», so Honecker. «Wir haben mit der DDR gezeigt, dass Sozialismus möglich ist. Das wird bleiben.»