Er las den „Steppenwolf“ erst mit Mitte zwanzig – während seine Kommilitonen an der Uni Bamberg Hesse längst als „Literatur für Pubertierende“ in die hinteren Reihen ihrer Bibliothek verbannt hatten. „Angesichts des verpassten Lesepensums in meinen Jugendjahren muss ich wohl von einem unfassbaren Defizit ausgehen“, sagt er und schmunzelt.
Er schmunzelt ohnehin recht viel, der neue Direktor des „Centre national de littérature“. Er schmunzelt, wenn er die Pressedokumentation „Guy Rewenig“ aus dem Archiv zieht und erzählt, dass sie aus Platzgründen bald in einen Archivkasten „umgetopft“ werden müsse, er schmunzelt, wenn er berichtet, wie er nachts manchmal ins Archiv kommt, da er glaubt, sofort unbedingt etwas nachschlagen zu müssen, er schmunzelt, wenn er sich an die arbeitsaufwendigen Monate während der Forschungen für das Autorenlexikon erinnert und er schmunzelt, wenn er über Literatur spricht.
„Die ästhetische Erfahrung der Literatur scheint mir körperlich anstrengender zu sein als andere Formen der ästhetischen Wahrnehmung.“ Solche Sätze sagt er dann. Und weiter: „Durch das ausschließliche Empfinden über Wörter steigt jedoch auch der Grad der Gratifikation, der Belohnung.“
Verankerung des ästhetischen Denkens
Lesen wird belohnt, Literatur lohnt sich. Deshalb hat Claude D. Conter entschieden, seine Arbeit in ihren Dienst zu stellen. Nach dem Abitur am „Lycée Michel Rodange“ in Luxemburg geht er nach Bamberg, um an der Otto-Friedrich-Universität Germanistik und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Mit einer Arbeit über Bruno Apitz schließt er 1998 sein Magisterstudium ab. Er bleibt an der Universität, wird wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent und promoviert 2003 mit der Dissertation „Europa-Inszenierungen im 19. Jahrhundert. Europabilder und -ideen zwischen Wiener Kongress und Reichsgründung“. Ab dem Jahr 2003 arbeitet Conter dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an diversen Universitäten und ab 2008 wieder im „Centre national der littérature“.
Als Direktor des Instituts möchte er nun verstärkt dazu beitragen, das ästhetische Denken in der Gesellschaft zu verankern. Er ist davon überzeugt, dass das ästhetische Denken jene Denkweise ist, die das „In-Bezug-Setzen“, das Denken in Relationen fördert. Das mag hochtrabend, nahezu romantisch klingen, deshalb schiebt Claude D. Conter auch sofort eine Reflexion hinterher: „Es handelt sich hierbei natürlich um eine Idealvorstellung, die mir jedoch persönlich als Regulativ dient und all die Arbeiten, die ich mache, zusammenhält.“
Kein Missionar für die Literatur
Denn eine große Herausforderung, aber gleichzeitig auch den besonderen Reiz an seiner Arbeit im CNL sieht Claude D. Conter darin, nicht nur in der Forschung und im Archiv tätig, sondern gleichzeitig auch Bestandteil des Literaturbetriebs zu sein. Im Gegensatz zur Universität und ihrer akademischen Lehre hat er es im CNL besonders bei der Literaturvermittlung meist mit einem sehr gemischten Publikum zu tun. Statt sich im universitären Elfenbeinturm zu verkriechen, erlaubt ihm die Arbeit im CNL den direkten Kontakt mit der Gesellschaft. Dennoch sieht er sich nicht als Missionar für die Literatur. „Wir müssen nicht jeden für Literatur begeistern“, sagt er, vielmehr möchte er Neugierde wecken und vor allem interessierten Menschen den Zugang zur Literatur erleichtern.
Lesen mit dem analytischen Blick
Claude D. Conter bezeichnet sich selbst als professionellen Leser, ein Buch ohne Bleistift in der Hand zu lesen, fällt ihm immer schwerer. Er kommt auf Raymond Queneaus „Exercices de style“ zu sprechen, ein Buch, in dem der französische Schriftsteller ein und dieselbe Geschichte neunundneunzig Mal erzählt. Mal als Monolog, mal als Dialog, mal als Satire. Nicht das „was“, sondern das „wie“ interessiert einen Literaturwissenschaftler. Es geht ihm um das Freilegen unterschiedlicher Strukturen und die Analyse der Darstellung. Doch das Bedauerliche an seinem Beruf als professioneller Leser sei, dass er es kaum noch fertigbringe, in seiner Freizeit zu lesen – einfach so, ohne ein bestimmtes Projekt im Hinterkopf zu haben. Außerdem verändere der analytische Blick auch das Lesevergnügen: Eine falsche Metapher hier, Ungereimtheiten in der Struktur dort, Schlampereien im Stil oder historische Ungenauigkeiten – all das kann auffallen. An den damals noch „Schuld und Sühne“ und heute „Verbrechen und Strafe“ betitelten Roman von Dostojewski, den er vor vielen Jahren mit Begeisterung gelesen hatte, traut er sich heute nicht mehr heran; aus Angst vor Enttäuschung – nicht über das Buch, sondern über die eigene Leseerfahrung.
„Es gibt immer weniger Bücher, von denen ich wirklich beeindruckt bin“, sagt er. Manche Bücher legt er nach ein paar Seiten auch weg. Er hat kein Problem damit, Bücher nicht zu Ende zu lesen. Er halte es gerne mit Daniel Pennacs „Die zehn Rechte des Lesens“.
Auf die Frage, was nun ein gutes Buch ausmache, möchte Claude D. Conter nicht antworten. Er beschreibt und analysiert. Das Urteilen überlässt er anderen. Eine Entscheidung mit Weitblick für den Literaturbetrieb in Luxemburg. Und eine Entscheidung, die ihn als den am besten geeigneten Nachfolger für Germaine Goetzinger qualifiziert.
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