Tageblatt: In «Für ein Lied und hundert Lieder» berichten Sie von Folter im Gefängnis. Wie konnten Sie während Ihrer Zeit im Gefängnis überhaupt schreiben?
Liao Yiwu: «Im Gefängnis habe ich meine Würde verloren. Um diese Schande zu bereinigen, musste ich meine Erfahrungen niederschreiben. Alles aufschreiben, das war der einzige Sinn, den ich in meinem Leben noch sah. Das Manuskript wurde mir natürlich weggenommen, dreimal. Jedes Mal habe ich von vorne angefangen, alles aufzuschreiben. Die Angst, vergessen zu werden, im Stich gelassen zu werden, hat mich auch dazu bewogen, ‚Die Kugel und das Opium‘ zu verfassen, ein Buch in Interviewform, Gespräche, die ich mit anderen Gefängnisinsassen geführt habe.»
Was sagen Sie dazu, dass Ihr Landsmann Mo Yan den Literaturnobelpreis bekommen hat?
«Vor genau zwei Jahren, am 8. Oktober 2010, saß ich mit Freunden im Zug von Berlin nach Frankfurt, um die Buchmesse zu besuchen. Dort im Abteil erfuhren wir, dass der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo gehen sollte. Unsere Freude war riesig. Die Entscheidung ermutigte uns, sie zeigte uns, dass es eine Moral in dieser Welt gibt. Schriftstellern in China und Aktivisten im Untergrund machte diese Auszeichnung Mut. Mut, zu kämpfen. In diesem Jahr, genau zwei Jahre später, saß ich wieder im Zug zwischen Berlin und Frankfurt, als ich erfuhr, dass sich das Komitee in Stockholm für Mo Yan als Literaturnobelpreisträger entschieden hatte. Er ist sicher ein guter Autor, aber die Entscheidung verwirrt mich total. Mo Yan ist Vertreter des chinesischen Regimes, ihn auszuzeichnen, lässt mich an dem Moralstandard, den das Nobelpreiskomitee für sich beansprucht, zweifeln. Vielmehr zeugt diese Entscheidung in meinen Augen von einem diffusen Wertesystem des Westens.»
Kann man ein guter Schriftsteller sein, auch wenn man moralisch verfehlt hat?
«Es gibt sehr viele verschiedene Maßstäbe, an denen man einen guten Schriftsteller messen kann. Doch China ist eine Diktatur, ein Regime, in dem das einzelne Leben nichts zählt und Menschen, die eigenständig denken, systematisch unterdrückt werden. In solch einem System darf ein Schriftsteller sein Gewissen und seine Moral nicht verlieren, egal welche Techniken und welchen Stil er benutzt. Noch in diesem Jahr hat sich ein Vater bei der Gedenkveranstaltung an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz aus Verzweiflung das Leben genommen, weil die Mörder seines Sohnes nie eine gerechte Strafe bekommen haben und weil sich heute viele nicht mehr erinnern wollen. Mo Yan muss sich nicht an das Massaker erinnern, er kann auch ohne diese Erinnerung schreiben, aber es gibt viele Menschen, die diesen Tag niemals vergessen werden. Moral ist für mich als Mensch, aber auch als Schriftsteller sehr wichtig. Wahrheit steht für mich an erster Stelle, danach kommt erst die Literatur. Bei Mo Yan ist das anders. Darin unterscheiden wir uns.»
Nachdem Helmut Schmidt zuletzt Verständnis für die Reaktionen der Soldaten am 4. Juni 1989 geäußert hatte, haben Sie ihn im Focus dafür heftig kritisiert …
«Ich weiß, dass Herr Schmidt eine sehr hohe, moralische Instanz für Deutschland ist und dass er hier als China-Versteher gilt, aber es gehört zur Allgemeinbildung, zu wissen, dass man Menschen nicht tötet. Herr Schmidt gehorcht einer gewissen Doppelmoral, man darf für wirtschaftliche Interessen keinen höheren Wert ansetzen als für Menschenleben. Ich muss widersprechen, wenn jemand Verständnis dafür hat, wenn Soldaten Demonstranten niedermetzeln.»
Wie sehen Sie das Verhältnis von Politik und Literatur?
«Ich verstehe nicht viel von Politik und ich habe auch keine großen Erwartungen an sie. Meine Stärke ist, mich mit Menschen zu unterhalten und zu dokumentieren. Ich höre zu und schreibe auf, was ich sehe und was ich erlebe. Denn ich habe großen Glauben in die Zivilgesellschaft, in die Meinungs- und in die Pressefreiheit. Egal, wie gesund ein politisches System auch sein mag, ich halte Abstand.»
(Das Interview ist im Rahmen einer Pressekonferenz entstanden und setzt sich aus Fragen mehrerer Journalisten zusammen.)
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