Vor allem dank Bonvinis besonderem Gespür für eine Ästhetik der Gegensätze gelingt die Inszenierung. Höhepunkte sind die Szenen, in denen sich Bonvini traut, von der Vorlage abzuweichen. Schade nur, dass Claire Thill nicht immer mit dem hochwertigen Spiel ihrer Kollegen mithalten kann.
Late: A Cowboy Song
Sarah Ruhl• Regie: Linda Bonvini
• Bühne: Anouck Schiltz
• Musik: Claude Schlim
• Mit: Jenny Beacraft, Claire Thill, Jules Werner
• Eine Produktion in englischer SpracheVorstellungen:
6. und 7. November um 20 Uhr im Théâtre national
194, route de Longwy
L-1940 LuxemburgTickets und Info:
Tel.: (+352) 47 08 95 1
[email protected]
www.tnl.lu
Die Handlung ist relativ einfach: Mary und Crick lieben sich, seit sie acht Jahre alt sind. Als Marys Periode ausbleibt, beschließen sie, zu heiraten, mit dem gesamten Nestbau-Brimbamborium drum herum: Blümchensofa, Kamin in der Ecke, gemeinsame Essenszeiten. Zu denen Mary jedoch immer öfter zu spät kommt.
Unabhängigkeit
Denn sie hat sich mit Red angefreundet, einer eher starken und unabhängigen Frau, die ein Leben als Cowgirl führt. Die Szenen bei Mary und Crick zu Hause einerseits und die Treffen der beiden Frauen auf der Ranch andererseits sind die beiden Gegenwelten, zwischen denen Mary hin- und hergleitet. Und die anscheinend, wie zwei sich abstoßende Magnete, nicht miteinander vereinbar sind. Doch das Stück begnügt sich längst nicht damit, den Entscheidungsfindungsprozess einer Frau zu beobachten, die sich nach einem kuscheligen Nest und einer eigenen Familie sehnt, sich gleichzeitig aber auch davon eingeengt und zu dem freiheitlichen, selbstbestimmten Leben ihrer Freundin hingezogen fühlt.
Beauvoir-Baby
Sarah Ruhl geht es vielmehr um das Infragestellen von Schubladendenken und um die Umstände der Konstruktion unserer Geschlechteridentitäten. Das Baby, das Mary zur Welt bringt, ist der Schlüssel zur Tiefenstruktur des Textes: Es hat zweideutige Geschlechtsmerkmale, es ist ein Zwitter, es muss erst operiert werden, um zu dem Mädchen zu werden, das seine Mutter dann auf den Namen Blue tauft. Durch die Rolle des Babys treibt Ruhl den Beauvoir-Satz „On ne naît pas femme: on le devient“ ins Extreme.
Doch bereits in einer der ersten Szenen stellt Ruhl klare Identitätskonstruktionen infrage. Sie spielt mit dem Tausch der Geschlechterrollen: Wie gesagt, Mary kommt zu spät zum Abendessen, sie hat zu lange zugesehen, wie Red ihre Gitarre stimmt. Crick schmollt, ist verärgert. Mary will ihre Verspätung wiedergutmachen – und zwar durch Streicheleinheiten. Doch Crick grunzt ihr nur entgegen: „Ich habe Kopfschmerzen!“
Jules Werner mit seinem Wohlstandsbäuchlein, seinen lichten Haaren und seinem meist gutmütigen, aber treudoofen Blick, der seine Angst, Mary und damit seine gewohnte Lebenswelt zu verlieren, immer wieder neu entlarvt, ist die perfekte Besetzung für diese Rolle. Es hätte der Figur allerdings gutgetan, wenn Bonvini auch ihr etwas mehr Komplexität zugestanden hätte.
Komplexität
Denn während Mary in all ihrer Komplexität erfasst wird und es Jenny Beacraft wunderbar gelingt, zwischen der hausmütterlichen Mary und den exotischen, manchmal sogar erotischen Ausflügen auf die Ranch hin- und herzuwechseln, bleiben die anderen Figuren eher prototypisch. Jules Werner hätte sicherlich auch einen glaubwürdigen Crick abgegeben, wenn dieser etwas weniger eindeutig und durchschaubar angelegt gewesen wäre. Claire Thill hingegen hätte selbst aus ihrer Figur mehr herausholen können. Auch die Cowboy-Stiefel und der kess auf den Rücken gespannte Lederhut können über ihre Unsicherheit nicht hinwegtäuschen.
Wenn nicht die gesamte Vorstellung, so wird sich doch zumindest ein Bild ganz sicher in das kollektive Gedächtnis der TNL-Besucher brennen. Mary und Red hoch zu Ross. Orangenes Licht, Sonnenuntergang, Freiheit. Ein Glücksmoment zwischen den beiden Frauen, die sich in Zeitlupe zu der von Claude Schlim zusammengestellten Musik hin- und herwiegen. Ein mutiger Regieeinfall von Linda Bonvini, der belohnt wird, da die Szene der Versuchung widersteht, ins Kitschige abzurutschen, sondern zu einem Moment voller Poesie wird.
Anouck Schiltz war bei diesem Bühnenbild sichtlich in ihrem Element: Das überdimensionale Pferd aus Stahl ist der Inbegriff von der Unabhängigkeit, einfach drauf los zu reiten. Denn „Late: A Cowboy Song“ ist ein Stück gegen Konformismus und für die Freiheit, sich nicht für Rot oder Blau entscheiden zu müssen. Violett ist doch auch schön.
Zu Demaart
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