Sonntag1. Februar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

Das Land bleibt unruhig

Das Land bleibt unruhig

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Seit Monaten erschüttern gewalttätige Arbeitskämpfe Südafrika. Nun stehen die Parteitage der Regierungspartei ANC und der Opposition DA an. Ausgerechnet DA-Chefin Zille ist derzeit mit "Anarchie" in ihrer Provinz konfrontiert.

Zum Ritual südafrikanischer Proteste gehören Gesang, Tanz und Knüppel. Auch bei den Streiks der Landarbeiter in der Provinz Westkap sind viele Demonstranten mit Stöcken und Stangen bewaffnet. «Marikana hat die Farmen erreicht», so der fragwürdige Jubel des Gewerkschaftsverbandes Cosatu – denn Marikana steht nicht nur für eine entschlossene Arbeiterschaft, sondern auch für den blutigsten Arbeitskampf der jungen südafrikanischen Demokratie. Bei den Platinminen im Norden des Landes erschossen Polizisten im August 34 Streikende, militante Arbeiter töteten Sicherheitsleute und angebliche Streikbrecher.

Noch ist die Lage in der Provinz Westkap weniger dramatisch. Dennoch warnte Ministerpräsidentin Helen Zille in ihrer Not vor einer drohenden «Anarchie» und forderte von Präsident Jacob Zuma die Entsendung der Armee in die Kap-Region. Denn seit Monaten toben hier blutige Proteste und Arbeitskämpfe. Mal geht es um fehlende Toiletten, mal um die Müllabfuhr, dann wieder um Löhne und Taxitarife.

Barrikaden brennen

Fast täglich brennen auf den Straßen Reifen und Barrikaden. Polizisten gehen regelmäßig mit Tränengas und Gummigeschossen gegen zornige Demonstranten vor – diese Woche dann in dem Örtchen Wolseley nahe Kapstadt auch mit scharfer Munition. Ein 28-Jähriger wurde tödlich getroffen, mindestens fünf andere Menschen wurden verletzt.

«Es ist recht ungewöhnlich, dass nur eine Person gestorben ist», kommentierte Zille, die auch Chefin der Demokratischen Allianz (DA) ist. Eine Woche vor dem Parteitag der stärksten Oppositionspartei in Johannesburg sieht sich die deutsch-stämmige Politikerin in der einzigen DA-Hochburg Südafrikas mit kaum zu bändigenden Unruhen konfrontiert. Schon lange beschuldigt die DA die Regierungspartei ANC , alles zu tun, um die wirtschaftlich besonders erfolgreiche Provinz am Kap «unregierbar» zu machen.

Proteste bedrohen Farmen

Die jüngsten Proteste bedrohen nun manche der blühenden Farmen und berühmten Weingüter am Kap – vor allem aber zeigen sie das aktuelle Dilemma Südafrikas. Das einzige Schwellenland Afrika befindet sich nach monatelangen Arbeitskämpfen wirtschaftlich in der Defensive. Deutlich ist das am Tiefstand der Währung Rand seit drei Jahren abzulesen. Afrikas größte Volkswirtschaft wird 2012 laut des Finanzministeriums wohl nur um 2,5 Prozent wachsen; 2011 waren es noch 3,1 Prozent.

Die energische DA-Chefin Zille beschuldigt Zumas ANC, die Proteste am Kap aus parteipolitischen Gründen weiter anzufachen. Schließlich stehen 2014 Wahlen an – für die die DA am kommenden Wochenende und dann der ANC im Dezember die Weichen vor allem in der Führungsfrage stellen will.

Soziale Probleme

Allerdings verkennt kaum jemand die sozialen Probleme der Farmarbeiter. Denn die – staatlich vereinbarten – Mindestlöhne von 70 Rand (6,30 Euro) für die Beschäftigten auf den Obstplantagen und Weingütern sind auch für örtliche Verhältnisse erbärmlich niedrig. Die keineswegs im Luxus lebenden Minenarbeiter Südafrikas verdienen bis zum achtfachen dieser Hungerlöhne. Dazu klagen die Farmarbeiter über miserable Arbeitsbedingungen und elende Unterkünfte.

In der Provinz Ostkap forderte der ANC nun sogar einen Boykott südafrikanischer Weine. «Wer demnächst Wein vom Westkap trinkt, sollte wissen, dass er die Ausbeutung schwarzer Arbeiter unterstützt», wetterte ANC-Sprecher Mlibo Qoboshiyane.

Allerdings ringen viele südafrikanische Farmer und Winzer mit Absatzproblemen. Die Nachfrage aus Europa ist spürbar gesunken, nicht zuletzt weil südafrikanischer Wein trotz bester Qualität kaum noch Preisvorteile gegenüber anderen Regionen bietet. Nachdem nun Lagerhallen und Weinfelder abgebrannt wurden, die Arbeiter auf den Gütern fehlten, sind manche Betriebe in ihrer Existenz gefährdet. «Kleinere Weingüter müssen ums Überleben kämpfen», betonte kürzlich der Landwirtschaftsexperte Ernst Janovsky in Kapstadt.