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Sturm im Wasserglas

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Am 14. Juli fand in London der umstrittene Titelkampf zwischen den Box-Rüpeln David Haye und Dereck Chisora statt. Mittendrin statt nur dabei: der Luxemburger Box-Verband FLB.

Eine Bestandsaufnahme vier Monate später zeigt, dass die ganze damalige Aufregung umsonst war.

• Fakt Nr. 1 ist auch einige Monate später noch immer der gleiche: Chisora war nie gesperrt worden. Der Weltverband WBC hatte lediglich festgehalten, dass er nie mehr eine Lizenz erhalten werde; der britische Verband („British Boxing Board of Control“; BBBC) hatte ebenfalls keine Sperre ausgesprochen. Haye war bekanntlich zurückgetreten gewesen und demnach ohne Lizenz. Beide bekamen eine solche von der FLB; hätten sie keine vom Luxemburger Verband bekommen, wäre es eben ein anderer Nationalverband gewesen.

Statuten und Regeln

In puncto Statuten und gültige Regeln hat die FLB nie etwas Falsches oder Illegales gemacht.

„Es liegt keine Sperre gegen Chisora vor. Beantragt ein Profiboxer bei uns eine Lizenz, wäre das der einzige mögliche Grund, diese zu verweigern. Tun wir das ‚einfach so‘, zieht Chisora vor ein Gericht – Stichwort Berufsverbot, er ist Profi – und wird recht bekommen“, sagte FLB-Generalsekretär Toni Tiberi bereits Anfang Mai, als die „Affäre“ ihren Lauf nahm.

• Auch bei der FLB hält man keineswegs alles, was die beiden Boxer so tun und lassen, für gut. Hayes derzeitige Präsenz in der britischen Version des Dschungel-Camps quittiert Tiberi mit einem verzweifelten Kopfschütteln. Aber: „Wir sind durch diesen Kampf bekannt geworden“, so FLB-Präsident Pierre Back. Das war eines der Ziele.

• Zwei große Weltverbände, die WBA und die WBO, hatten nicht das geringste Problem mit dem Kampf. Sieger David Haye nennt nun die beiden vorher vakanten WBA-Interconti- und WBO-International-Titel im Schwergewicht sein Eigen. Beide Verbände bescheinigten der FLB übrigens eine einwandfreie Durchführung des Kampfabends.

• Was die WBC angeht, so gibt es nur die Aussage von deren Präsident Jose Sulaiman in einem Brief an den BBBC, den Luxemburger Verband aus der WBC ausschließen zu wollen. Offiziell von einem Ausschluss in Kenntnis gesetzt wurde die FLB nie.

• Anfang Juni wurde die FLB vom Kongress des europäischen Verbandes EBU mit der Drohung belegt, suspendiert zu werden, sollte die FLB den Kampfabend vom 14. Juli tatsächlich unter ihrer Aufsicht durchführen. Dies auf Bestreben des BBBC und des Bundes Deutscher Berufsboxer (BdB). Ein solcher Punkt war gar nicht auf der Tagesordnung vorgesehen, wurde auf Bestreben von EBU-Vorstandsmitglied Peter Stucki aber doch verhandelt. Die Suspendierung ist demnach nun in Kraft.

Die FLB wandte sich Anfang Oktober an die EBU mit der Bitte um Wiederaufnahme. Über Umwege erfuhr die FLB Folgendes: Der Brief sei in der EBU-Exekutive behandelt worden, könne aber nicht beantwortet werden, da die FLB derzeit ja kein EBU-Mitglied sei. Nur der Kongress, der sie ausschloss, könne die FLB wieder aufnehmen. Der FLB wurde quasi in Aussicht gestellt, beim Kongress 2013 würde dies nur eine Formsache sein …

• Am 29. September fand in Neuwied (D) ein Kampfabend unter Aufsicht der FLB statt. Drei EBU-Mitgliedsverbände – Slowakei, Österreich und … der BdB! – gaben Profi-Boxern unter ihrer Lizenz die Erlaubnis, dort anzutreten. Damit anerkannten sie de facto auch die FLB.

• David Haye wird nachgesagt, seine luxemburgische Lizenz wieder abgeben und für einen eventuell möglichen Klitschko-Kampf wieder eine britische annehmen zu wollen. Dem BBBC wird nachgesagt, rein gar nichts dagegen zu haben …

• Der BBBC hatte am 9. Mai gedroht, jeden BBBC-Lizenzierten, der am 14. Juli antreten werde, auszuschließen oder zu suspendieren. Am 1. Juni hieß es nur noch: Jeder britische Teilnehmer werde zu einer Anhörung vorgeladen. Dies geschah nie, es gab auch keine Sperren.

Zwei Beispiele: Matthew Hall, der am 14. Juli einen WBO-Titelkampf verlor, tritt … morgen in Manchester wieder in den Ring. Liam Walsh, der am 14. Juli einen europäischen WBO-Titel gewann, hätte am 15. Dezember in London um eine WBO-WM kämpfen dürfen (er ist derzeit aber verletzt).

Fazit

Die ganze Aufregung war umsonst, es war der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas. Alle Konsequenzen waren entweder halbherzig, wurden nicht befolgt oder ausgeführt.

Und die FLB ist zufrieden. Der erhoffte Image-Gewinn sei eingetreten, ein erster Vorschuss von Promoter Frank Warren ist auch eingetroffen. Während der ganzen „Affäre“ konnte die FLB bekanntlich einen neuen Sponsor präsentieren, und auch mit dem Sportministerium wurde ein klärendes Gespräch geführt: „Das eingefrorene Subsid wird Anfang 2013 freigegeben.“

„Traurig“ sei das Ganze gewesen, so Pierre Back, „aber auch wir haben unsere Lehren gezogen, unsere Kommunikationspolitik war nicht ideal.“ FLB-intern gab es zweifache Kritik: vom inzwischen – auch wegen anderer Aussagen – als Vizepräsident des BC Rümelingen zurückgetretenen Nascimento Monteiro (das „T“ berichtete) sowie vom Düdelinger Manager Raymond Goy. „Wir haben dessen Rücktritt zur Kenntnis genommen, was sollten wir sonst tun?“, sagt Back dazu; „schade, dass es so kam“, sagt Tiberi, „wir hätten wohl alle seine Boxer am 14. Juli ins Programm bekommen.“

Die Frage, ob es denn nun dank Image- und finanziellem Gewinn wieder mit dem Boxen in Luxemburg bergauf gehen würde, beantwortet FLB-Präsident Pierre Back wie folgt: „Es ging nie bergab. Ich würde eher von einer Stagnation reden. Wir machen unsere Meetings, so gut es geht. Fortschritte sind unverkennbar. Es gibt neue Vereine; ab dem nächsten Kongress werden es deren 10 sein. Aber in puncto Jugend haben wir es schwer, wie alle Sportarten. TV, Computer, die Eltern haben keine Zeit, du brauchst schon fast Vereinsleute, um Kinder zum Training zu fahren, … Das ist eben nicht so einfach.“