Als Star der russischen Gegenwartsliteratur findet Ljudmila Ulizkaja nicht nur mit Prosa Gehör. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren gehört zu den Moskauer Intellektuellen, die bei Kritik an Kremlchef Wladimir Putin auf die Kraft des Wortes setzen. Vor ihrem 70. Geburtstag an diesem Donnerstag (21. Februar) reibt Ulizkaja sich an Russlands Zuständen. Zuletzt erschien 2012 ihr Band «Das grüne Zelt».
" class="infobox_img" />Als Star der russischen Gegenwartsliteratur findet Ljudmila Ulizkaja nicht nur mit Prosa Gehör. Sie gilt auch als profilierte Gegnerin von Kremlchef Putin. (Bild: dpa)
In einer neuen Textsammlung «Heiliger Müll» («Swjaschtschenny Mussor») – bisher nur auf Russisch – spricht sie erstmals über ihre Krebskrankheit und das desolate russische Gesundheitswesen. In dem Band findet sich auch ein Briefwechsel mit Putins schärfstem Gegner: Michail Chodorkowski. Dass der einst reichste Mann Russlands nach Kritik an Putin seit gut neun Jahren im Gefängnis sitzt, hat sie immer wieder als Skandal staatlicher Willkür angeprangert.
Scharfe Kritik an Inhaftierung von Pussy Riot
Scharf kritisierte sie zuletzt die Inhaftierung von Frauen der kremlkritischen Punkband Pussy Riot. Es sei ein «staatliches Verbrechen», Künstler zu verfolgen. Auch das gesetzliche Verbot von «Homosexuellen-Propaganda», wie es das Parlament plant, lehnte sie in einer Kolumne der oppositionsnahen Zeitschrift «The New Times» als Menschenrechtsverstoß ab. Die mit dem Bildhauer Andrej Krassulin verheiratete zweifache Mutter ist für ihre Leser eine «Stimme des Gewissens» – und inzwischen als Schullektüre empfohlen.
Literaturexperten loben Ulizkajas «nuancenreiche Prosa». Sie beschreibe mit einem ganz besonderen Weltgefühl feinste Regungen der menschlichen Natur in gründlichster Tiefe. Für ihre Geschichtstreue erhielt sie 2008 auch den Aleksandr-Men-Preis im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Ulizkaja, die das Schreiben aus politischen Gründen erst spät zum Beruf machte, beschrieb sich selbst einmal als «lebendige und nicht konstruierende Autorin», immer auch getrieben von Selbstzweifeln und einem «Gefühl des Dilettantismus».
In Zeiten Stalins aufgewachsen
Am 21. Februar 1943 in Dawlekanowo am Ural geboren, wuchs sie in einer Familie auf, die die Zeiten der Repression unter Sowjetdiktator Josef Stalin erlebt hatte. Die Familie kam nach dem Krieg nach Moskau, wo Ulizkaja Biologie studierte, Genetikerin wurde, dann aber ihre Arbeit verlor, weil sie im Eigenverlag – «Samisdat» – illegale Literatur vervielfältigte.
Ihr künstlerisches Schaffen begann Ulizkaja in den 1980er Jahren, der Zeit von «Glasnost» (Transparenz) und «Perestroika» (Umbau) unter Kremlchef Michail Gorbatschow. Sie arbeitete am Jüdischen Kammertheater in Moskau, schrieb Radiohörspiele, Drehbücher für Filme, Kinderstücke und Rezensionen.
Inzwischen sind ihre Bücher in mehr als 30 Sprachen übersetzt, wie der Carl Hanser Verlag in München mitteilt. Darunter sind auch die Titel «Daniel Stein» (2009) und «Maschas Glück» (2007). In einem Dokumentarfilm aus Anlass ihres Geburtstags meint die begeisterte Zugfahrerin im Rückblick, sie habe ein erfülltes «Leben im goldenen Jahrhundert» gehabt. Vielleicht werde es für Einzelne noch besser werden, «aber die Natur wird es dann schon nicht mehr so geben».
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