Von Sonne noch immer keine Spur und auch die Temperaturen sind alles andere als angenehm. Fast wünscht man sich, man könne sich das schöne Wetter herbeizaubern, oder zumindest die Realität ausblenden und einfach nur das glauben und sehen, was man sich vorstellen will.
Genau diese Idee liegt dem Roman „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem zugrunde. Die Illusion der Wirklichkeit, erreicht durch die Einnahme von modernen Drogen, das ist hier der rote Faden.
An der Schwelle einer neuen Entwicklung
Der israelische Regisseur Ari Folman („Waltz with Bashir“) nimmt sich sehr viele Freiheit bei seiner Umsetzung: wichtigste Veränderung ist die Verbindung der Roman-Elemente mit Kinoinhalten. Im Buch geht es um pharmazeutische Firmen, die dank neu entwickelter Drogen das Volk ruhig stellen und ihm, Matrix lässt grüßen, eine bessere Welt vorgaukeln. Das Kino, das Folman hier zeigt, steht an der Schwelle einer völlig neuen Entwicklung. Schauspieler aus Fleisch und Blut werden abgeschafft und existieren nur noch als eingescannte Bilder. Das Kino hat seine Seele eingebüßt, wird allerdings nicht abgeschafft, da die Produktionsfirmen immer weiter neue Filme drehen können, da sie auf immense Bilderdateien zurückgreifen können.
Ganz am Rande bietet „The Congress“ aber auch eine philosophische Debatte zum Thema: Gibt es einen freien Willen. Um den Bruch zwischen altem und neuem sichtbar zu machen, wechselt Folman im zweiten Teil der Story zum Animationsstil mit einer klaren Präferenz für den US-Zeichenstil der 30er und 40er Jahre wie etwa die Fleischer Studios, bekannt für Betty Boop oder auch Popeye Comics. Eine kongeniale visuelle Umsetzung des geschriebenen Inhalts. „The Congress“ ist eine luxemburgische Koproduktion (Paul Thiltges Distributions) und Teile der insgesamt 55-minütigen Animationssequenzen wurden in den Studios 352 in Contern realisiert.
Hommage an die Originalvorlage
In der Pressekonferenz gleich im Anschluss an die 9-Uhr-Vorstellung am gestrigen Morgen zeigte Ari Folman sich sehr gesprächig. Er outete sich als großer Science-Fiction-Fan und als noch größerer Bewunderer des Romans „Der futurologische Kongress“.
Das Buch habe er im Alter von 17 Jahren gelesen und sei davon fasziniert gewesen. An der Filmhochschule habe er versucht, das Material filmisch umzusetzen, doch lange Jahre habe er keinen Zugang finden können. Die Jahre des Wartens haben sich gelohnt, das Endresultat ist eine Hommage an die Originalvorlage, eine futuristische Fantasie, aber eben auch ein nostalgischer Rückblick auf das alte Kino, so wie wir es kannten und liebten.
In den nächsten Tagen steht Kino aus China und Japan auf dem Programm des offiziellen Wettbewerbs, während eine luxemburgische Produktion uns nach Afrika entführen wird.
(Martine Reuter/Cannes/Tageblatt.lu)
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