Gioni hat eine Bilderbuchkarriere hinter sich, die mit dem Ritterschlag, sprich der Ernennung zum Kurator der Kunstbiennale von Venedig im Januar vergangenen Jahres ihren vorläufigen Höhepunkt erfahren hat. Die Art-Review-Liste der weltweit wichtigsten Akteure der Welt der Kunst beförderte ihn daraufhin raketenmäßig gleich von Rang 80 auf Rang 19, das Wall Street Journal ernannte ihn zum „Kronprinzen der Kunstwelt“.
Er wusste es schon mit 13 Jahren
Gioni wurde 1973 nahe dem Mailänder Flughafen, bei Malpensa, geboren und wusste schon als 13-Jähriger, was er einmal werden wollte: Kunstkritiker! Damals war ihm ein Buch über Pop-Art in die Hände gefallen und das hat den Teenager dermaßen begeistert, dass fortan für ihn feststand, dass er sein Leben den „belle arti“ widmen würde. Hatte er schulfrei, dann setzte er sich in den Zug und fuhr nach Mailand, um dort seine Freizeit in Museen und Galerien zu verbringen, von denen es dort mehr als genug gibt. Familiär vorbelastet war er nicht: Die streng katholischen Eltern scheren sich keinen Deut um die schönen Künste. Massimiliano kam demnach zur zeitgenössischen Kunst wie die Jungfrau zum Kind.
Später studierte Gioni an der Universität Bologna Kunstgeschichte. Im Jahr 2002 wird er vom künstlerischen Leiter der Nicola-Trussardi-Stiftung in Mailand entdeckt. Mit 24 geht er nach New York und wird dort gleich zum Direktor für Sonderausstellungen im Museum for Contemporary Art ernannt. Gioni arbeitet als Kurator in der Folge mit Künstlern wie Pawel Althamer, John Bock, Anri Sala (der zurzeit Frankreich in Venedig vertritt), Maurizio Cattelan und anderen zusammen.
Eine Traumkarriere nimmt ihren Lauf: Massimiliano Gioni ist erst 27, als er zum jüngsten Chefredakteur des US-Kunstmagazins Flash Art avanciert!
2003 wird ihm die Ehre zuteil, die Ausstellung „La Zona“ anlässlich der Venedig-Biennale zu kuratieren, er ist gerade mal 28 Jahre alt. Zeitgleich stellt ihn die Modedynastie der Trussardis als Leiter ihrer Kunststiftung ein. Und das Karussell dreht sich immer weiter: Mit 29 ist er Co-Kurator der „Manifesta 5“ in San Sebastian, im Jahr danach kuratiert er zusammen mit Cattelan und Subotnik die Berlin-Biennale. 2010 schließlich wird er zum Direktor des New York Museum of Contemporary Art ernannt. Ganz nebenbei wird ihm die Ehre zuteil, als erster europäischer Kurator die Biennale Gwangju in Korea auszurichten. Und als ob das immer noch nicht genug wäre, nimmt er sich noch vieler anderer Projekte weltweit an. Und das stets mit großem Erfolg.
„Il palazzo enciclopedico“
Ganz egal, was dieser Gioni anpackt: Die Kritiker applaudieren! Meistens jedenfalls, auch wenn einige ihm vorwerfen, zu konservativ zu sein, wenig zu wagen und sich auf ein „museal-bürgerliches Kunstverständnis“ zurückzuziehen. Das lässt der Italiener jedoch nicht auf sich sitzen und kontert: „Persönlich bin ich einer Gegenwartskunst überdrüssig, die sich nur selbst gefällt. Einer Kunst, die sozusagen durch das Trojanische Pferd des ’Meisterwerks‘ lediglich eine marktorientierte Hierarchie vertritt. Indem ich aber Gegenwartskunst mit anderen Materialien verbinde, kann ich mehr über den Ort der Gegenwartskunst lernen wie auch über unseren Umgang mit Bildern. Für mich ist das die Kernfrage unserer Kultur heute.“
Ein buntes Sammelsurium hat Gioni im Hauptpavillon in den Giardini zusammengestellt. Unter dem Titel „Il palazzo enciclopedico“ (der Enzyklopädische Palast) präsentiert er Arbeiten von 150 Künstlern weltweit, darunter zahlreiche Autodidakten. Und mehr als 40, die bereits tot sind. Die Idee stammt indes nicht von ihm selbst, sondern von seinem Landsmann Maurino Auriti, der längst das Zeitliche gesegnet hat. Auriti war in den 1950er-Jahren in die USA ausgewandert. Der Automechaniker hatte eine Vision: Er wollte in Amerika ein riesiges Museum errichten lassen. 136 Stockwerke sollte es hoch sein und das Wissen der Welt, alle Dinge, die es gibt, an einem einzigen Ort versammeln. Auritis Traum wurde niemals Realität: Es blieb beim maßstabgerechten Modell.
Massimiliano Gioni hat nun – zumindest teilweise – die Vision des Automechanikers umgesetzt. Im zentralen Hauptpavillon in den Giardini präsentiert er eine Unzahl an Objekten, die im Laufe der letzten gut 110 Jahre von Menschen aus der ganzen Welt – von denen die wenigsten gelernte Künstler waren bzw. sind – realisiert wurden.
So findet man u.a. 176 Modelle von Gebäuden, die der Wiener Versicherungsbeamte Peter Fritz im Laufe von Jahrzehnten in seinem Hobbykeller schuf und die irgendwann beim Trödler landeten, wo der österreichische Künstler Oliver Croy sie wiederentdeckte. Im Nebenraum findet man selbstgefertigte Puppen des bereits 1977 verstorbenen US-Amerikaners James Castle. Gleich im Eingangsbereich sieht man das „Rote Buch“, das Tagebuch des 1961 verstorbenen Schweizer Psychiaters und Begründers der analytischen Psychologie, C.G. Jung, das wie eine mittelalterliche Handschrift gestaltet ist und in dem der Analytiker Visionen des kollektiven Unbewussten auf seine ganz eigene Art festgehalten hat.
Wie werden die Kritiker Gionis Venedig-Biennale wohl bewerten? Noch hört man nichts Negatives. Aber auch nichts Positives. Vielleicht ist es auch noch zu früh. Schließlich sind die Professionellen der internationalen Kunstwelt erst seit drei Tagen in der Lagunenstadt unterwegs, wobei es am Dienstag in den Giardini und im Arsenale noch sehr ruhig war. Doch am Mittwoch herrschte hier bereits ein kunterbuntes Treiben. Am Samstag wird der Gewinner des Goldenen Löwen bekannt gegeben. Bis dahin werden auch die wichtigsten Kritiker bereits ihre Machtworte gesprochen haben.
Zu Demaart
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