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Hat Assad gewonnen?

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Vor einem Jahr prognostizierten Beobachter ein schnelles Ende von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Der zeigte sich gestern siegesgewiss am TV. Dazu hat er auch gute Gründe.

Seine Zuversicht im Tv-Interview am Montagabend mit libanesischen Medien ging über Propaganda hinaus. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad deutete an, gerade eben eine erste Lieferung russischer S-300-Abwehrraketen erhalten zu haben. Er drohte Israel mit Krieg inklusive Rückeroberung der Golanhöhe und bestätigte erstmals die Unterstützung seiner Truppen durch libanesische Hisbollah-Kämpfer. Man merkte: Baschar al-Assad sprach aus einer neuen Position der Stärke heraus.

Tatsächlich hat sich das Blatt in Syrien gewendet. Assad ist vorerst nicht zu besiegen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Veränderte Kriegstaktik

Das Regime hat seine Kriegsstrategie erfolgreich geändert. Es setzt seit einigen Wochen stärker auf Milizen statt auf seine regulären Truppen. Dazu lässt Assad seine Soldaten von darauf spezialisierten libanesischen Hisbollah-Kämpfern in dem unterrichten, was die Rebellen zu Beginn des Bürgerkrieges erfolgreich praktizierten: Guerillataktiken. Wo Assad und seine Generäle die Aufständischen erst grossflächig angriffen, gehen sie jetzt punktuell vor: Strategische Knotenpunkte und Nachschubwege der Rebellen werden zerstört und Korridore für die eigenen Truppen geschaffen.

Derzeit verfügen Assads Truppen wieder über voll funktionsfähige Nachschubwege für ihre Waffen. Auch nicht zu unterschätzen: Die vielen Desertierungen, mit denen Assads Armee anfangs zu kämpfen hatte, haben aufgehört. Das stärkt die Moral der Soldaten.


Rückeroberung Al-Kussairs als Wendepunkt im Krieg

Eine direkte Folge der angepassten Militärstrategie ist unter anderem die sich abzeichnende Rückeroberung der seit gut zwei Jahren in Rebellenhand befindlichen Stadt Al Kussair. Gelingt den Assad-Truppen hier wirklich der Sieg, sehen Beobachter dies als Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg. Kussair liegt zwischen Damaskus und alawitischem Gebiet und dient den Rebellen als Nachschubweg für Waffen und Nahrung. Wer Kussair besitzt, kontrolliert auch die Autobahn M5 – und damit den Zugang zur Rebellenhochburg Homs. Auch die Autobahn M1 liegt in diesem Einflussbereich. Sie verbindet Damaskus mit dem Mittelmeerhafen Tartus, wo Assad russisches und iranisches Kriegsgerät in Empfang nimmt.

Vor zwei Tagen eroberten Regimesoldaten den nahe bei Kussair gelegenen Militärflughafen al-Dabaa. Dadurch schnitten sie den Truppen der Freien Syrischen Armee FSA den Rückzugsweg ab. Gestern marschierten sie im Nordwesten von Kussair ein. So wichtig ist die Stadt, dass die FSA jetzt beschloss, alle zu entbehrenden Einheiten, rund 1.700 Mann, nach Kussair zu schicken.

Zerstrittene Opposition

Die syrische Opposition ist seit jeher gespalten. Das schränkt ihren Handlungsspielraum empfindlich ein und spielt letztlich in Assads Hände. Viele Aufständische haben sich in grösseren Gruppen zusammengetan, was aber lediglich die Rivalität zwischen ihnen vergrösserte. So stehen etwa die Al-Kaida-treuen Anhänger der Nusra-Front zunehmend den moderaten Kräften gegenüber.

Während Assad sich auf seine traditionellen Verbündeten Russland und Iran und die Hisbollah verlassen konnte, mussten die Rebellen um Waffenlieferungen regelrecht betteln. Angesichts der zunehmend radikalen Strömungen innerhalb der Opposition zögern die Golfstaaten, allen voran Katar und Saudi Arabien, weiter Waffen nach Syrien zu schicken. Zu gross ist die Angst der Herrscherfamilien vor einer von aussen herein getragenen Revolution im Stil des arabischen Frühlings oder vor einer Machtübernahme der in der syrischen Opposition tonangebenden Muslimbruderschaft. Auch vom Westen war bislang kaum Hilfe zu erwarten, das eben erst aufgehobene Waffenembargo der EU nützte vor allem Assad.

Es lagen alle falsch

Nahostexperten wie Erich Gysling oder Ulrich Tilgner sahen Machthaber Assad vor einem Jahr am Ende. Mit dieser Einschätzung waren sie nicht alleine.

Auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND stufte das Assad-Regime letzten Herbst als verloren ein. Zu viele Soldaten desertierten, zu prekär gestaltete sich die Versorgungslage des Militärs, zu erfolgreich waren die Rebellen zunächst mit ihrer Guerillakriegsführung. Heute schätzt der BND nach Informationen von Spiegel Online, dass Assad und sein Militär mittlerweile wieder fest im Sattel sitzen. «Assad», so auch ARD-Nahostkorrespondent Carsten Kühntopp, «ist vorerst nicht zu besiegen.»

20 Minuten /Ann Guenter/ Tageblatt.lu