Für den amerikanischen Bestsellerautor Dan Brown ist die Überbevölkerung das drängendste Problem überhaupt. In «Inferno», seinem neusten Thriller, will der verrückte Schweizer Wissenschaftler Bertrand Zobrist die Menschheit um mehr als drei Milliarden dezimieren. Die Inspiration dazu holt sich Zobrist aus der «Divina Commedia» des italienischen Dichters Dante Alighieri: «Der Weg zum Paradies führt direkt durch die Hölle, wie Dante uns gelehrt hat.»
Tatsächlich scheint sich die Menschheit unaufhaltsam zu vermehren. Soeben hat die «Stiftung Weltbevölkerung» in Berlin die neusten Schätzungen der UNO vorgestellt, die für das Jahr 2100 einen Anstieg von heute 7,2 Milliarden auf 10,9 Milliarden Menschen prognostizieren – 800 Millionen mehr als noch vor zwei Jahren vorausgesagt. Allein Afrika soll von heute einer Milliarde auf 4,2 Milliarden anwachsen. Pro Sekunde wächst die Weltbevölkerung im Schnitt um 2,6 Menschen; das sind über 220000 Menschen pro Tag oder knapp 83 Millionen pro Jahr – mehr als die gesamte Einwohnerschaft Deutschlands. Woher kommt dieser rasende Anstieg?
Siegeszug der Medizin
In der Vergangenheit dezimierten immer wieder Seuchenzüge im Verbund mit Kriegen und Hungersnöten die Menschheit – Bakterien und Viren sorgten für mitunter empfindliche Dellen in der ohnehin nur sanft ansteigenden Bevölkerungskurve des Homo sapiens. Dem «Schwarzen Tod» beispielsweise fielen in Europa von 1347 bis 1351 je nach Quelle 20 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer – mindestens ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents. In Florenz – Dantes Heimatstadt, in der Dan Brown seinen Helden Robert Langdon ermitteln lässt – starben vier von fünf Einwohnern. Diese demographische Katastrophe beendete die Blüte des hochmittelalterlichen Europas; es dauerte Jahrhunderte, bis der Erdteil seine frühere Bevölkerungsdichte wieder erreichte.
Doch ab dem 18. Jahrhundert schufen die Industrialisierung und in ihrem Gefolge der wissenschaftlich-technische Fortschritt – zusammen mit der verbesserten Hygiene und Nahrungsversorgung – die Grundlage für einen beispiellosen Siegeszug der Medizin. Nun war es der Mensch, der den Mikroorganismen den Garaus machte: Die Pocken, in Westeuropa schon längst besiegt, wurden 1980 offiziell für ausgerottet erklärt; Cholera und Typhus, die früher ganze Stadtviertel entvölkerten, sind zumindest in den entwickelten Ländern seit langem keine Geissel mehr. Die demographische Folge dieses Fortschritts war eine regelrechte Bevölkerungsexplosion: Von 1750 bis 1900 wuchs die Bevölkerung Europas von 163 auf über 400 Millionen. 1804 erreichte die Weltbevölkerung die erste Milliarde, 1927 die zweite, 1960 die dritte und schon 1974 die vierte. Mittlerweile sind es über sieben Milliarden.
Von Malthus zum Club of Rome
Das stürmische Bevölkerungswachstum rief schon früh Warner auf den Plan. 1798 veröffentlichte der britische Ökonom Thomas Robert Malthus (1766-1834) seinen wegweisenden «Essay on the Principle of Population» («Das Bevölkerungsgesetz»), in dem er die These aufstellte, dass die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mit der Bevölkerungszunahme Schritt halten könne. Die Bevölkerung, so Malthus, wachse exponentiell, während die landwirtschaftliche Produktion nur linear zunehme. In seinen Augen ergab sich aus dieser «Bevölkerungsfalle» ein naturgesetzlicher Zyklus, in dem die wachsende Bevölkerung immer mehr verelenden musste und durch Seuchen und Hungersnöte schliesslich wieder dezimiert wurde, worauf der Zyklus von neuem begann.
Malthus‘ Ideen begründeten eine mächtige misanthropische Denktradition, die Menschen letztlich als Problem betrachtet. Zumindest in Teilen hat Malthus damit spätere ökologische Strömungen beeinflusst. Besonders nach dem Abklingen der Wachstumseuphorie zu Beginn der Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts beherrschten neomalthusianische Vorstellungen das Feld. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen legendären ersten Bericht («Die Grenzen des Wachstums»), in dem vorausgesagt wurde, die wachsende Menschheit werde die Ressourcen zum guten Teil bis zur Jahrtausendwende aufgebraucht haben. Im Jahr darauf erschien «Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit» des österreichischen Zoologen Konrad Lorenz. Und bereits 1968 hatte Paul R. Ehrlich, ein amerikanischer Biologe, sein alarmistisches Werk «The Population Bomb» («Die Bevölkerungsbombe») auf den Markt geworfen.
Ehrlich prophezeite in seinem Bestseller, dass bald hunderte von Millionen Menschen verhungern würden. Schuld daran war für Ehrlich vor allem das Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern, das er mit repressiver Geburtenkontrolle einschränken wollte. Doch die Bevölkerungsbombe explodierte nicht – im Gegenteil; just in diesen Jahren begann die «Grüne Revolution‘, die die landwirtschaftlichen Erträge in die Höhe trieb. Seine offensichtliche Fehlprognose hielt Ehrlich nicht davon ab, anlässlich der Überschreitung der Sieben-Milliarden-Marke im Oktober 2011 erneut vor der Apokalypse zu warnen: Nur zehn Prozent der Menschheit würden die Bevölkerungsexplosion überleben, orakelte der Biologe damals.
Anderthalb, zwei, drei, viele Erden?
Heutige Warner weisen die Schuld nicht mehr wie Ehrlich einseitig dem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern zu. Die Umweltorganisation WWF mahnt in ihrem «Living Planet Report 2012», dass der ökologische Fussabdruck der Einwohner in den reichen Ländern viel grösser ist. Gegenwärtig verbraucht ein Amerikaner so viel Ressourcen wie 13 Afghanen. In ihrer Gesamtheit konsumiert die Menschheit jetzt schon die Ressourcen von anderthalb Erden. Bis 2030 werden es laut WWF bereits zwei Erden sein, bis 2050 sogar drei. Wie viele Erden eine auf fast elf Milliarden Menschen angeschwollene Bevölkerung 2100 benötigen wird, ist kaum vorstellbar. Ist die Menschheit also zum Untergang verurteilt?
Sinkende Geburtenraten, steigende Produktion
So düster ist das Bild nicht. Zwar wächst die Weltbevölkerung nach wie vor rasant, doch das Wachstum hat sich verlangsamt. In Europa kündigen sich die Auswirkungen einer schrumpfenden Bevölkerung gerade erst an. Aber der demographische Übergang, also die Angleichung von Sterbe- und Geburtsrate auf niedrigem Niveau, wird aller Voraussicht nach auch jene Entwicklungsländer wie Niger oder Afghanistan erfassen, die derzeit noch nahezu ungebremst wachsen. Bereits weisen Staaten wie Thailand, Algerien oder der Iran Geburtenraten auf, die nicht höher liegen als jene von europäischen Ländern. Bevölkerungswachstum ist zudem von kulturellen Faktoren abhängig – besonders das Bildungsniveau und die gesellschaftliche Stellung der Frauen beeinflussen entscheidend die Zahl der Kinder, die sie in die Welt setzen.
Auch eine weiter wachsende Weltbevölkerung kann mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Die Produktion müsste nach Berechnungen der FAO beinahe verdoppelt werden. Das Problem ist jedoch nicht so sehr die Menge, sondern die Verteilung. Immerhin mehr als ein Drittel der Lebensmittel verdirbt, wird weggeworfen oder von Schädlingen gefressen. Ein effizienterer Umgang mit diesem wertvollen Gut könnte laut deutschen Experten die verfügbaren Kalorien pro Person um beinahe 50 Prozent steigern. Nur schon der Einsatz von besser angepassten Sorten und Anbaumethoden könnte zudem die Nahrungsmittelproduktion um fast 60 Prozent erhöhen. Schon Allgemeingut ist die Erkenntnis, dass der Fleischkonsum mehr Ressourcen frisst, da die Produktion große Mengen an Futtermitteln und Wasser verschlingt.
Eine Billion Menschen
Schliesslich sollte der menschliche Erfindungsgeist nicht unterschätzt werden. Mehr als ein untergangsseliger Prognostiker vom Schlage Ehrlichs ist von unerwarteten Innovationen Lügen gestraft worden. Auch Malthus erkannte nicht, dass die Nutzung von fossilen Energiequellen der sich industrialisierenden Welt zu bisher ungekanntem Wohlstand verhelfen würde. Künftige Generationen werden womöglich proteinreiche Insekten auf den Speisezettel nehmen, sie werden Pflanzen mit Präzisionszucht-Verfahren widerstandsfähiger machen und sich möglicherweise mit der heute verpönten Gentechnologie anfreunden.
Das enorme Bevölkerungsswachstum gerade in unterentwickelten Weltgegenden hat etwas Bedrohliches, zumal es in unseren Breitengraden auf Abstiegsängste trifft. Überbevölkerungspanik veranlasst wohl auch Dan Browns paranoide Romanfigur Zobrist, den Genozid durch Mikroorganismen zu planen. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht gut, sich an einen fast vergessenen italienischen Physiker und Systemanalytiker zu erinnern: Cesare Marchetti wagte es 1979 tatsächlich, in seiner dem Zeitgeist geradezu blasphemisch widersprechenden Kurzstudie «1012: A Check on the Earth-Carrying Capacity for Man» zu behaupten, die Erde könne eine Billion Menschen tragen. Auch wenn Marchettis Vision von sich selbst versorgenden, gigantischen Gartenstädten hochgradig utopisch ist – die wichtigste Ressource der wachsenden Menschheit sind Ideen.
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können