Donnerstag15. Januar 2026

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Durch Hightech nicht mehr orientierungslos

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Kurz vor Anbruch der Dunkelheit die Erfolgsmeldung: Stundenlang hatten Freunde und Rettungskräfte nach Herrn M. gesucht, bevor ihn einer der Helfer schließlich völlig entkräftet in einem Waldstück, rund einen Kilometer von seiner Wohnung entfernt fand.

Der 75-Jährige selbst kann die Aufregung gar nicht verstehen. Er war doch eben erst zu einem kleinen Spaziergang aufgebrochen. Dass es bereits das dritte Mal ist, dass er sich in den letzen Monaten verlaufen hat, will er nicht glauben …

Der Verlust der Orientierungsfähigkeit ist oft ein erstes Symptom von Demenz, noch bevor andere Anzeichen der Krankheit deutlich werden. Nicht nur in Luxemburg müssen Familienangehörige, Nachbarn und Hilfskräfte immer öfters ausschwärmen. Und nicht immer werden die Personen gesund und wohlbehalten wiedergefunden.

„Kostensparend und praktisch“ findet Chief Inspector Tanya Jones ihr System. Die Polizei im englischen Sussex hat vor kurzem beschlossen, auffällige Demenzkranke mit modernen GPS-Geräten auszustatten, um sie so im Wiederholungsfall schneller wiederzufinden. Die Argumente der Polizeichefin sind nicht von der Hand zu weisen. Ja, die Suche nach Demenzkranken, die sich verlaufen haben, ist zeitaufwendig und teuer.

Neben menschlichen Ressourcen ist dabei auch schon mal ein Helikoptereinsatz oder der Rückgriff auf Hundestaffeln notwendig. Dass die britische Polizeichefin aber gesundheitliche, soziale und familiäre Elemente ignorierte und nur diese rein materialistische Analyse machte, führte zu einem Sturm der Entrüstung.

Die britische Rentnervereinigung war empört, sprach von einer „barbarischen Maßnahme“. Das Vorhaben stelle Demenzkranke auf eine Ebene mit verurteilten Verbrechern, denen man gerichtlich eine elektronische Hand- oder Fußfessel verpasst habe, erregte sich Generalsekretärin Dot Gibson.

Pragmatismus statt Polemik

Organisationen wie die englische Alzheimervereinigung reagierten zwar weitaus gelassener, konnten aber auch nicht verhindern, dass die Debatte erst einmal auf dem toten Gleis gelandet ist.

Der luxemburgische Gesundheits- und Sozialminister Mars di Bartolomeo sieht die Sache eher gelassen und plädiert für eine pragmatische Herangehensweise. Eine Marschroute, die man vor kurzem auch in der Schweiz eingeschlagen hat.

„Wo immer technische Hilfsmittel dazu beitragen können, Leid zu vermeiden, Unabhängigkeit zu fördern und Lebensqualität zu steigern, sollte es kein Tabu sein, ihren Einsatz zumindest in Erwägung zu ziehen“, erklärte kürzlich in der Schweiz am Sonntag (Nr. 19) Dan Georgescu, ärztlicher Leiter der Alterspsychiatrie Aargau. „Möchten Sie sich lieber mit 85 Jahren im Wald verirren und dort einsam erfrieren?“, fragt er provokativ in dem Artikel.

Nationaler Demenzplan

Ähnliche Töne kommen vom luxemburgischen Gesundheitsminister. „Sollen wir die Leute mit Medikamenten ruhigstellen? Damit sie nur noch dahinvegetieren? Und zu dem geistigen Verfall auch noch ein physischer kommt?“, fragt Mars di Bartolomeo. „Ob das die bessere Lösung ist?“

Demenz ist derzeit nicht heilbar. Der nationale Demenzplan, an dem das Gesundheitsministerium, in enger Zusammenarbeit mit dem für die Pflegezentren verantwortlichen Familienministerium, seit Anfang 2013 arbeitet, konzentriert sich auf die Bereiche Prävention, diagnostische Standards und optimierte Betreuung. Moderne Technologien wie die GPS-Überwachung sollten in dem nationalen Aktionsplan, an dem derzeit gearbeitet wird, aber ebenfalls behandelt werden, findet Mars di Bartolomeo im Tageblatt-Gespräch. Die Technik sei ohnehin heute vorhanden, und es wäre unsinnig, sie dort, wo sie die Betreuung Demenzkranker sinnvoll ergänzen könne, nicht auch einzusetzen, bemerkt er. Die Betonung liegt dabei auf „ergänzen“.

„Denn auch die modernste Überwachungstechnik kann kein Ersatz für eine ordentliche Betreuung sein“, macht er deutlich. „Sie kann aber dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen und der Familien zu verbessern.“

Eine Aussage, die von betroffenen Familien mit beiden Händen unterschrieben wird. Denn es sind vor allem Demenzkranke in der Frühphase, die noch zu Hause in der Familie leben, die irgendwann von einem Spaziergang nicht mehr zurückkommen, weil sie sich in der eigentlich bestbekannten Umgebung verlaufen haben.

Die Ungewissheit und die Angst, wenn der Vater, die Mutter oder ein anderer geliebter Angehöriger für Stunden oder gar Tage vermisst wird, ist extrem belastend. Und selbst wenn solche Ausflüge glücklich enden, besteht das Risiko, dass die demente Person, die auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen ist, ihren ungewollten Ausflug mit einer schneller fortschreitenden Krankheit „bezahlt“. Oder es dauert Monate, bis sie nach einem solchen – unfreiwilligen – Abbruch der Medikation „neu eingestellt“ ist.

Zahl der Betroffenen wächst rapide

Rund 6.500 Menschen in Luxemburg sind Schätzungen zufolge von Demenz betroffen. Wie viele sich infolge ihrer Krankheit verlaufen, ist nicht genau bekannt. In der Statistik der Polizei ist nicht detailliert, aus welchen Gründen nach einer Person gesucht wird. Dort werden ausgebüxte Jugendliche genauso aufgeführt wie Demente oder Personen, die bewusst untertauchen. Viele Suchen nach verirrten Demenzkranken tauchen auch gar nicht erst in der Polizeistatistik auf. Meist sind es Verwandte, Nachbarn oder die lokale Feuerwehr, die in einem solchen Fall ausschwärmen. In den nächsten Jahren werden sie das immer öfter tun müssen. Bis 2025 wird die Zahl der Demenzkranken nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums wohl auf über 8.500 ansteigen. Schweizer Studien gehen sogar davon aus, dass sich die Zahl der Demenzfälle bis 2050 verdreifachen wird.

Das Modell der Sussexer Polizei könnte die Suche in vielen Fällen vereinfachen. Das wäre letztlich auch zum Vorteil der demenzkranken Personen. Ob und wie sich das Modell durchsetzen wird, hängt vor allem davon ab, ob es gelingen wird, in einer sachlichen Diskussion ein Gleichgewicht zwischen persönlicher Freiheit und Überwachung zu finden. Das englische Modell besteht aus einem kleinen Sender, den man an einer Kette um den Hals tragen oder am Schlüsselbund befestigen kann. Es bleibt demnach eine individuelle Entscheidung des Betroffenen und/oder der Familienangehörigen, sich für oder gegen eine solche GPS-Ortung rund um die Uhr zu entscheiden.

Gesellschaftliche Evolution

Die Akzeptanz einer GPS-Überwachung ist aber auch eine Frage der gesellschaftlichen Evolution. Die Demenzkranken von morgen sind die heutigen Besitzer eines Smartphones. Und moderne Smartphones verfügen serienmäßig über eine GPS-Ortung. An der sich viele gar nicht stören, kann man doch mit einer entsprechenden App so praktischerweise seine Freunde geolokalisieren. Laut einer Erhebung des Statec (Jan. 2013) nutzen in Luxemburg 58 Prozent der User die GPS-Funktion ihres Smartphones.

Warum also sollte etwas im Alter schlecht sein, was man heute cool findet? Wer Familie und Betreuern unnötigen Ärger ersparen möchte, der sollte die Frage nach seiner eventuellen GPS-Überwachung bei voller Geistesfähigkeit beantworten, rät die schweizerische Alzheimerorganisation. „Deshalb sollte man das in einer Patientenverfügung festhalten, damit die Angehörigen später wissen, was man sich wünschen würde“, erklärt Geschäftsführerin Brigitta Martensson in dem Bericht der Schweiz am Sonntag. Insgesamt sieht sie in der Technik einen wesentlichen Gewinn in puncto Freiheit und Sicherheit für die Betroffenen.