Sonntag18. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

Bedrücktheit und Leichtigkeit

Bedrücktheit und Leichtigkeit

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Sechs gräuliche Silhouetten lassen sich auf der Bühne des Escher Theaters erkennen, das regelmäßige Geräusch einer Lokomotive und das Aufsteigen von weißem Rauch reichen aus, um den Rahmen zu stecken: das Warschauer Ghetto, Auschwitz, Holocaust.

Dann erklingt ein Lied von Marlene Dietrich, die Mumien legen Stein auf Stein, sie bauen an der Geburt Israels.

Die Theatertruppe Orto-Da aus Tel Aviv machte bei ihrer Tournee durch die Welt am Mittwoch nun auch in der Abtei Neumünster und am Freitag im Escher Theater Halt und beeindruckte ihr Publikum mit einer Mischung aus Mumien- und Marionettentheater. Die sechs Schauspieler sind von oben bis unten mit einer Paste bedeckt, die an den Matsch aus dem Toten Meer erinnert und ihnen ein steinähnliches Aussehen gibt. Nur die Augen und Zähne ragen aus dieser nachgebildeten Statue heraus, eine Statue von Nathan Rappaport, die in Warschau an die Opfer des Ghettos erinnert. Von dieser Statue fühlte sich Yinon Tzafrir inspiriert und begann 1996, sein erfolgreiches Bühnenstück „Stones“ zu erschaffen. „Stones“ erzählt die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, ohne Worte, dafür mit fesselnden, durch und durch gehenden Bildern, die viele weitere Bilder in den Köpfen hervorrufen. Ein Gesamtkunstwerk folgt auf das nächste.

Die Inszenierung berührt vor allem deshalb so sehr, weil sie auf beeindruckende Art und Weise zeigt, wie nah Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Leid und Freude beieinander liegen. Der Stacheldrahtzaun verwandelt sich durch ein paar Handgriffe in eine Harfe, aus dem Maschinengewehr wird ein Drachen, der über die Felder in den Himmel steigt, in einem Moment atmet das Baby nicht mehr, im nächsten lacht es Hitler einfach aus.

Über alles lachen

Wunderbar schwarzer, jüdischer Humor ist der Leitfaden der Inszenierung, dass man über alles lachen darf die Botschaft. Denn gerade das Lachen, wenn es dann im Halse stecken bleibt, dringt in die Zuschauer ein und berührt sie. Die Gründe des Leides und des Schmerzes bleiben unvergessen, auch wenn es wenige Sekunden später nicht viel braucht, einen Luftballon, eine Blume, um etwas Farbe in die Kapitel der tristen Geschichte des jüdischen Volkes zu bringen.

Besonders auch die Musik, von Queen über Klezmer, Bob Marley oder Serge Gainsbourg, sorgt für Stimmungsbrüche: Bedrücktheit und Leichtigkeit geben sich die Hand.

Dem Stück sind noch viele Auftritte auf der ganzen Welt zu wünschen. Ganz ohne Sprache auskommend, ist es nicht nur ein Erinnerungswerk voller Poesie und durchdringender Kraft, sondern auch eine Hommage an die Kunst der Mimik.