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Mit Diderot über Diderot

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Professoren haben nicht selten die Tendenz, sich sprachlich auf – zumindest für fachfremde Zuhörer – unverständlichem Terrain zu bewegen. Doch nicht Michel Delon.

Der Spezialist des 18. Jahrhunderts und Lehrende der Sorbonne hielt zur Einleitung der Veranstaltungsreihe zum 300. Geburtstag Denis Diderots einen Vortrag, der nicht nur die Lust weckte, den großen Aufklärer (wieder) zu entdecken, sondern gleichzeitig ganz im Geiste Diderots konzipiert war:
klar, anschaulich und lustig.

Der Vortrag ist am Samstagabend im soziokulturellen Radio 100,7 nachzuhören.

20 Uhr: Diderot et la politique, production Franck Colotte

21 Uhr: Conférence par Michel Delon

Michel Delon schaffte es sogar, die Bedeutung Diderots für unsere heutige Zeit in einigen wenigen Sätzen zu bündeln: Diderots Überzeugung, dass sich das Leben nicht mithilfe der Religion, sondern nur dank des Wissens und der Wissenschaften zufriedenstellend meistern ließe, motivierte ihn, an einer Wissensgesellschaft zu arbeiten, das Wissen aus seinem elitären Elfenbeinturm zu befreien und es für jeden zugänglich zu machen.

Die von Diderot mitherausgegebene Enzyklopädie ist hierfür zweifellos der anschaulichste Nachlass: Ein Werk von 35 Bänden mit 60.000 Artikeln, das die Wissenschaften in eine allgemein verständliche Sprache überträgt. Ein für das 18. Jahrhundert völlig revolutionäres Unterfangen. Doch um Grenzen zu überwinden, braucht es nunmal Grenzgänger, solche, wie Diderot es einer war. Ein Grenzgänger, der das Quartier latin in Paris über Jahrzehnte kaum verließ …

Beobachtung & Traum

„Diderot war ein Grenzgänger im metaphorischen Sinne“, so Delon. Ein Spaziergänger in Paris, ein Flaneur im Baudelair’schen Sinne, der „auf der Straße beobachtet und am Schreibtisch träumt“. Vor allem vom Überwinden linguistischer und kultureller Grenzen.

In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass Diderots erster Beruf Übersetzer war, jener wichtiger Vermittler zwischen Sprachen und Kulturen. Dem Übersetzen als grenzenüberschreitende Tätigkeit räumte Delon am Dienstagabend einen großen Platz ein. Ebenso wie Diderots für diese Zeit völlig neuer Vorstellung intellektueller und künstlerischer Arbeit. Diderot verabschiedete den Genie-Gedanken und ersetzte ihn durch die Vorstellung, dass Wissen sich durch das Sammeln und das Um- und Neuschreiben von bereits Existierendem vermehre.

Weit mehr, als mit seinem Bestreben, Wissen zu vermehren und zu vulgarisieren, provozierte Diderot seine Zeitgenossen allerdings mit seinen ‚Pensées philosophiques‘, in denen er das Verhältnis von Geist und Körper, Vernunft und Gefühl neu verhandelte: Plötzlich war die Lust kein Schimpfwort und körperliches Begehren keine Sünde mehr. Ja, die Leidenschaften wurden zum Motor des Lebens deklariert. Diese Erkenntnis wird heute kaum mehr jemand negieren, während „Bildung für alle“ weiterhin eine der größten Herausforderung unserer Gesellschaft bleibt.