Rio de Janeiro – schon der Klang des Namens ruft fantastische Bilder und bunte Träumereien hervor. Kaum ein Land ist so klischeebehaftet wie Brasilien, das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Vielleicht ist der Pavillon deshalb so unspektakulär.
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Keine Tänzerinnen, keine Caipirinha, kein Sand und kein Jesus. Nur ein paar Hängematten, die gibt es. Sie sind aber auch das einzige, das ein wenig Exotik in den sonst äußerst schlicht gehaltenen Raum des brasilianischen Pavillons bringt. Bewusst nüchtern präsentiert sich das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse.
Protest
Die Botschaft ist klar. Hier geht es um Literatur und gute Literatur möchte keinen Zirkus, kein Halligalli, kein Postkartenidyll. Wer sich für sie interessiert, der sucht nach ihr, hört genau hin und findet. Auf den Zitatsammlungen an den Wänden, in den Kopfhörern bei den Hängematten oder auf den Lesungen der brasilianischen Autoren, die in Frankfurt anwesend sind. Doch die Stimmung unter den brasilianischen Autoren ist nicht gerade die beste. Grund ist die von der Stiftung Brasilianische Nationalbibliothek zusammengestellte Liste der offiziell eingeladenen brasilianischen Autoren. Sie repräsentiere – so der Vorwurf – nicht Brasilien. Warum sonst seien fast alle Autoren auf der Liste weiß?
Der Protest schlug besonders hohe Wellen, da wenige Tage vor Beginn der Buchmesse Paulo Coelho, der Verkaufsschlager Brasiliens schlechthin, seinen Besuch in Frankfurt absagte. Er wirft dem Komitee Vetternwirtschaft vor, und grinst nun nur noch von unzähligen Plakaten, die in einem Umkreis von mehreren Kilometern den Weg zum Messegelände weisen.
Sie waren wohl schon längst gedruckt, vor der Absage des Autors, der Bestseller wie „Der Alchimist“ oder „Veronika beschließt zu sterben“ schrieb. Auch für den einen der zwei nicht weißen Schriftsteller, die sich auf der Liste befinden, für Paulo Lins, den Autor des Welterfolges „Die Stadt Gottes“, steht die Liste nicht für Brasilien, sondern höchstens für eine „elitäre Vorstellung von dem, was brasilianische Literatur sein könnte.“
Soziale Ungleichheit und katastrophale öffentliche Schulen
Eine etwas differenziertere Antwort findet der 1979 in São Paulo geborene Autor Daniel Galera, dessen Roman „Flut“ zu einer der herausragenden Neuerscheinungen des literarischen Herbstes gehört. Er findet die Liste durchaus repräsentativ für den brasilianischen Buchmarkt, da in Brasilien nur wenige schwarze Autoren veröffentlichen würden. Soziale Ungleichheit und katastrophale öffentliche Schulen seien die eigentlichen Probleme, die dazu führten, dass sich die literarische Produktion auf die reichen Zentren des Landes konzentriere und deshalb fast ausschließlich von einer sozial und ethnisch privilegierten Schicht ausgeübt werde.
So vielstimmig wie die Autoren, so vielseitig ist auch die Literatur des großen lateinamerikanischen Landes, das nach 1994 in diesem Jahr zum zweiten Mal Gastland in Frankfurt ist. Will man nun dennoch eine Tendenz in der zeitgenössischen brasilianischen Literatur erkennen, so kann man feststellen, dass der so genannte „Tropicalismo“, ein Konzept, das Künstler und Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwarfen, um die Identität des Landes zu fassen zu bekommen, aus der Literatur endgültig verbannt wurde und sich höchstens noch in den Massenmedien und im Patriotismus wiederfindet. Die Idyllisierung einer Unterentwicklung ist literarisch uninteressant geworden; statt Mythenschöpfung scheint es der brasilianischen Literatur um die Entzauberung einer von Mythen und Magie verdunkelten Welt zu gehen. Politische Korruption, Elend in den Favelas, Spiralen der Gewalt, die Aufarbeitung der Militärdiktatur oder gesellschaftliche und soziale Risse sind die Themen, mit denen sich brasilianische Autoren überwiegend beschäftigen.
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