Geschätzte 50.000 ausländische Arbeitskräfte sind seit drei Jahren dabei, unter schlechten Bedingungen die Olympiastadt Sotschi aus dem Boden zu stampfen. Vor allem Männer aus Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan und der Ukraine schuften für das 50-Milliarden-Prestigeobjekt. Sie hausen in dürftigen Unterkünften, Löhne werden nur teilweise oder gar nicht bezahlt
Gegen diese Missstände kommt es immer wieder zu Protesten. Um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, schrecken die ausgebeuteten Arbeiter auch vor drastischen Massnahmen nicht zurück. So hat sich am Freitag ein Mann mit zugenähtem Mund und einem Plakat vor das Internationale Pressezentrum in Sotschi gestellt. «Ich habe meinen Mund zugenäht und trete in den Hungerstreik», steht darauf geschrieben. Die Aufmerksamkeit war ihm damit gewiss. Das Video des Mannes kursiert zurzeit im Internet. Mit zwei Fingern zeigt er einem Reporter an, wie viele Monate er schon nicht mehr bezahlt worden ist und aus dem Mundwinkel murmelt er: «Sie haben mich einfach betrogen.»
«Die Situation für die Arbeiter hat sich verschlechtert»
«Die Situation für die Arbeiter hat sich weiter verschlechtert. Es wird gezielt gegen sie vorgegangen. Sie werden zusammengetrieben und in ihre Heimat zurückgebracht», sagte Wolfgang Büttner von Human Rights Watch gegenüber der «Welt». Denn Sotschi beginnt nun damit, sich der Arbeiter wieder zu entledigen.
Eine richtigehende Jagd wird auf die Gastarbeiter gemacht. In einer Rede sagte Aleksandr Tkatschow, Gouverneur der südrussischen Region Krasnodar, zu der die Stadt der Olympischen Winterspiele gehört, durch die vielen Gastarbeiter auf den olympischen Baustellen sei er zu radikalen Massnahmen gezwungen. «Von heute an gehen 60 mobile Gruppen auf Streifzüge durch Sotschi. Alle illegalen Migranten müssen nach Hause geschickt werden. Und das unverzüglich. In zwei Monaten darf kein Illegaler mehr hier sein», so der Politiker. Seitdem werden Baustellen und Wohnsiedlungen durchkämmt, um «die Straßen von Sotschi zu säubern», wie es Tkatschow nennt.
Hoffen auf den neuen IOC-Präsidenten
Büttner hofft auf den neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Am 30. Oktober, anlässlich der Herausgabe der neuen 100-Rubel-Noten im Olympia-Look, wird dieser die Stadt am Schwarzen Meer besuchen. Büttner wünscht sich von Bach «eine klare Stellungnahme» zu den Missständen und dass sich dieser «klar positioniert, dass die Migranten anständig behandelt werden».
Doch die Verantwortlichen der Olympiastadt müssen sich sputen, die Arbeitsverhältnisse der Gastarbeiter schnellstmöglich zu verbessern. Denn schon in 112 Tagen werden die Winterspiele mit Pauken und Trompeten eröffnet.
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