„Die USA“, sagte Wirtschaftswissenschaftler Azad Zangana bei den Medientagen des Investmenthauses Schroders in London, «haben ihren Bankensektor schnell und mit ziemlicher Aggressivität wieder rekapitalisiert und auf die Beine gestellt. Das ist in Europa so nicht geschehen.“ Man könne derzeit in den USA feststellen, dass wieder Arbeitsplätze geschaffen würden und dass es wieder Vertrauen in die wirtschaftliche Situation des Landes gäbe. Private Haushalte seien wieder bereit, Kredite aufzunehmen und sich auch wieder um Häuser zu bemühen.
Die Unternehmensgewinne befänden sich auf Höchstniveau seit Jahren und die Unternehmen verfügten über ungewöhnlich hohe Barbestände. Man könne Investitionen feststellen, die mit Barbeständen bezahlt würden, man könne aber auch feststellen, dass die Unternehmen das Barvermögen an die Aktionäre in Form von Aktien-Rückkäufen ausschütten würden. Das Interesse an Aktien, die lohnender seien als Obligationen, bedeute in den USA eine Veränderung der Kultur. Zangana ging davon aus, dass im März 2014 die USA sich von den Folgen der Krise voll erholt haben würden.
Zugpferd Deutschland
Ganz anders stelle sich die Situation in Europa und insbesondere in der Eurozone dar. Das eigentliche Zugpferd in der Eurozone sei Deutschland. Allerdings stagniere das Land, weil es gerade erhebliche Lohnerhöhungen zugesagt hätte und so die Wettbewerbsfähigkeit zurückgeschraubt würde, um die interne Nachfrage anzukurbeln.
Die eigentlichen Stars seien aber andere. Irland habe mit rigorosen Einschnitten seine Krise überwunden und würde Ende des Jahres 2013 vermutlich die europäische Krisenhilfe nicht mehr benötigen. Auch Spanien stelle eine Steigerung seiner Wirtschaftskraft fest. Portugal ginge es ebenfalls besser. Italien hingegen bleibe ein Krisenfall. Das Land verfange sich in der Rezession. Diese Einzel-Entwicklungen müsse man sehen, wenn man die Aussage der belgischen Zentralbank beurteilen wolle, nach der es im ersten Vierteljahr 2014 zu einem Wachstum von einem Prozent in der Eurozone kommen werde.
EU hinter USA
Das Bankensystem in Europa hinke deutlich hinter der Entwicklung in den USA hinterher. Es sei positiv zu sehen, dass es nun zu einer einheitlichen Bankenaufsicht komme. Er gehe aber davon aus, dass der Bankentest der europäischen Zentralbank, der der Aufsicht vorausgehe, bei einer Reihe von Banken einen erheblichen Kapitalisierungsbedarf deutlich machen werde. Diesen Schritt hätten die USA hinter sich.
In der Gesamtbeurteilung der Situation in Europa und den USA sieht der Wirtschaftswissenschaftler ein Problem heraufziehen. „Was geschieht, wenn 2015 die amerikanische Zentralbank damit beginnt, Geld aus dem Markt zu nehmen und die Zinsen zu erhöhen, weil es der Wirtschaft in den USA gut geht?“, fragte er. „Kann dann Europa mitziehen und ebenfalls das Geld teurer machen und die Geldmassen, die derzeit in die Märkte gepumpt werden, wie die USA nach und nach wieder aus dem Markt herausziehen?“ Eine Frage, die ohne Antwort blieb. Allerdings ist die Folge klar. Im Wettbewerb der Währungen würde der Euro seine Attraktivität verlieren.
Dafür zeigte die Frage, dass Zanaga auch im kommenden Jahr 2014 von einem Börsenaufschwung ausgeht. Erst 2015 würde sich die Situation an den Börsen verändern, fügte er auf Nachfrage an.
Probleme für China
Erhebliche Probleme sieht Zanaga auf China zukommen. Das Land, das bisher die billige Werkbank der Welt gewesen sei, müsse sich nun damit auseinandersetzen, dass Unternehmen und Industrien abwanderten. In der globalisierten Welt sei China zu teuer geworden. Die Produktion in Mexiko sei mittlerweile billiger als in China. Das führe dazu, dass Unternehmen aus Europa und aus den USA ihre Produktionen aus China abzögen. Man könne auch feststellen, dass ausländische Unternehmen ihre Produktion in China beließen, sie aber nicht mehr für den Export nutzten. Insbesondere US-amerikanische Firmen würden die Produktion für den heimischen Markt durch neue Fabriken zu Hause vornehmen.
Die internationalen Medientage werden von dem Investmenthaus Schroders, das auch in Luxemburg vertreten ist und hierzulande seine Investmentfonds auflegt, jährlich im November veranstaltet. Zu den 11. Medientagen sind 100 Journalisten aus 22 Ländern angereist, den weitesten Weg hatte ein Journalist aus Brasilien. Schroders verwaltet ein Anlagevermögen von 256 Milliarden Euro. Und beschäftigt in 27 Ländern der Erde 3.500 Mitarbeiter. Das Investmenthaus, das seinen zentralen Standort in London hat, stellt den Journalisten an zwei Tagen 40 Fondsmanager und „Senior Investoren“ als Gesprächspartner zur Verfügung. Es bietet zur Themenvertiefung zusätzlich 37 Seminare von je 45 Minuten an.
(Helmut Wyrwich / Tageblatt.lu)
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können