Einer der sechs Paläste in der Millionenstadt Chongqing im Südwesten des Landes sieht dem britischen Windsor Castle zum Verwechseln ähnlich – wenn es nicht von Reisfeldern umgeben wäre. Ein rotes Backstein-Schloss mit hoch aufragenden Spitztürmen wirkt, als sei es dem Disney-Film «Alladin» entsprungen. Und der weiße Palast mit den bonbonfarbenen Türmen?
" class="infobox_img" />Seine Schlösser werden gerne für Hochzeiten gebucht. (AFP)
Schloss Neuschwanstein – in China.
«Ich habe keine Hobbys, außer Bäume pflanzen und Schlösser bauen», sagt Liu Chonghua im größten seiner Paläste, der Windsor-Burg aus grauem Stein. «Als Kind war ich fasziniert von Geschichten über Prinzen und Schlösser.» Er sei auf dem Land «mit leerem Magen» aufgewachsen, sagt der Geschäftsmann. Während der politischen Unruhen in den 1960er Jahren musste er Kanäle graben.
Kuchen-Millionär
Dann machte Liu Millionen mit der industriellen Produktion von Kuchen und Gebäck. Nun verwirklicht der 59-Jährige seine Kindheitsträume: «Ich wollte die Schlösser meiner Träume in etwas Reales verwandeln.» Dazu ließ er sich nach eigenen Angaben von Gebäuden in München und den Loire-Schlössern in Frankreich inspirieren. Auch der spanische Architekt Antoni Gaudí, der die weltberühmte Basilika Sagrada Familia in Barcelona entwarf, gehört zu seinen Vorbildern.
Schlösser bauen? Kein Problem
Wenn man dem Bauarbeiter Ma Wenneng Glauben schenkt, so war der Schlösser-Bau ein Leichtes: «Eigentlich sind europäische Schlösser wirklich einfach zu bauen», sagt der ehemalige Soldat. «Der Chef hat ein Buch mit Schlossbildern in seinem Büro und das nehmen wir als Vorlage.»
Chinas Bauboom ist weltweit ohne Beispiel: Seit mehr als zehn Jahren wächst die städtische Bevölkerung um durchschnittlich mehr als 20 Millionen Menschen jährlich. Die Folge sind riesige Siedlungen einfallsloser Apartmentblocks. Zwar stieg mit der Verstädterung für viele Millionen Menschen der Lebensstandard, doch Liu warnt vor zuviel Plattenbau: «China braucht Schlösser, es braucht eine pluralistischere Kultur», sagt er. «Eine Stadt braucht Menschen, die Träume haben, damit sich die Gesellschaft entwickeln kann.»
Umgerechnet fast zwölf Millionen Euro gab Liu nach eigenen Angaben für seine Paläste aus. Einen Teil davon musste er sich von Freunden leihen. Dennoch ist der Besuch der Gebäude gratis. «Ich finde die Schlösser sehr romantisch», sagt eine Frau, die vor einem der Schlösser in einem weißen Hochzeitskleid für Fotos posiert.
Behörden waren nicht froh
Die örtlichen Behörden sind anderer Meinung: Vor zwei Jahren schickten sie Bagger, um ein 16 Meter hohes Schlosstor zu zerstören. «Das war mein Tiefpunkt», sagt Liu. «Die Regierung hat mich nie gemocht. Sie behauptet, ich hätte lokale Behördenvertreter beleidigt.» Auch anonyme Anrufe und Todesdrohungen erhielt er nach eigenen Angaben. Dabei ist er nicht der einzige Chinese mit bizarren Bauprojekten. Ein anderer Geschäftsmann baute auf seinem Firmengelände die Große Pyramide von Gizeh und das Schloss von Versailles nach.
Auch Liu hat weitere Pläne: «Ich habe die eine Hälfte meines Traums verwirklicht», sagt er. «Als nächstes werde ich bessere, eindrucksvollere Schlösser bauen, die die Leute in Erstaunen versetzen.» Sehnsüchtig blickt er auf ein Waldstück in der Ferne: «Ich werde ein neues, größeres Schloss auf diesem Hügel bauen.»
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