160 Filme, davon 70 in den Wettbewerbskategorien kurz, mittellang, lang und Dokumentation sowie 103.000 Euro an Preisgeldern, so klingen fünf aufregende Kinotage in Zahlen. Es ist aber viel mehr. Die saarländische Landeshauptstadt Saarbrücken hat ihre Geschäfte dekoriert und in der Stadt wird nicht nur in Festivalcafé „Lolas Bistro“ über Filme philosophiert.
Zum 35. Mal pulsiert das Leben im Takt der blauen Herzen und fiebert dem Max-Ophüls-Preis, der am Samstag verliehen wird, entgegen. Das Besondere in diesem Jahr: Zur Eröffnung gab es endlich eine Komödie.
Urkomische Liebesgeschichte
Ist jungen Deutschen der Humor vergangen? Oder bleibt er bei Film-Urgesteinen wie Gerhard Polt, Michael Hörbig und Til Schweiger als Quotengaranten in festen Händen – rein filmtechnisch gesehen? Wie so oft in den letzten Jahren, in denen die eher witzigen Beiträge aus Österreich oder der Schweiz kamen, stammt auch der Eröffnungsfilm des diesjährigen Festivals aus einem dieser Länder. Ausgerechnet ein Südtiroler, denen die Wiener im Alltag die gleichen Vorurteile entgegenbringen wie hier so mancher „Stater“ den Menschen aus dem „Éislek“, hat es am Eröffnungsabend 92 Minuten lang so richtig krachen lassen.
„Zweisitzrakete“ ist eine urkomische Liebesgeschichte, die mit vielen Gags und witzigen Ideen unbeschwert unterhält. Allein der Titel pflegt den Verdacht, Regisseur Hans Hofer könnte sich an „Keinohrhasen“ inspiriert haben. Trotzdem ist er ein guter Start nach Jahren der intellektuellen Beschwerlichkeit und so mancher schwerer Kost gleich zu Beginn.
Manu und Mia sind „gute“ Freunde, erzählen sich fast alles und haben eine Prioritätenliste mit den „To-dos“ der Lebensträume. Dazu gehört, einem Pinguin am Nordpol ein Foto des Südpols zu zeigen, damit er weiß, dass es auch anderswo ordentlich kalt ist. Oder eine Kokosnuss an ihre Palme zurückzubefördern, damit sie weiß, wo sie herkommt. Als Mia Manu gesteht, sich in einen italienischen Piloten verliebt zu haben und mit ihm nach Rom ziehen zu wollen, muss Manu handeln. Bis zum Ende, das hier natürlich nicht verraten wird, liegt ein Raketenklau aus dem Technischen Museum der Stadt, eine Tomate im freien Fall vom Stephansdom, die nicht nur Polizei, sondern auch ein Taubenpärchen aus der Fassung bringt und eine Männertherapiegruppe, in die richtiges Leben einzieht. Der Film ist gerade in den österreichischen Kinos angelaufen und läuft deshalb außerhalb des Wettbewerbs, auch wenn es ein Langfilmerstling ist.
Witzig und doch völlig anders
Theoretisch hätte er auch in die Festivalreihe Spektrum gepasst, in der das Festival Filme präsentiert, die bereits den Weg in die Kinos hinter sich haben. Für Luxemburg ist dieses Jahr „Doudege Wénkel“ dabei. Witzig und doch völlig anders gemacht, ging auch der gestrige erste Festivaltag an den Start. „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“ beruht auf einer wahren Begebenheit und nimmt sowohl die mangelhafte Frauenquote als auch die medial zelebrierte Hochglanz-Oberflächenoptik dieses „A-Festivals“ aufs Korn. Als Regisseurin Isabell Suba mit einem Kurzfilm zu den 65. Filmfestspielen eingeladen wird, reift ein Plan heran. Sie überlässt ihrer Hauptdarstellerin Anne Haug ihre Identität und schmuggelt sie ein – zwischen die Endlos-Partys der Branche und all derer, die gekommen sind, um zu sehen und gesehen zu werden. Denn eines hat die Nachwuchsregisseurin schnell realisiert: Filme von Frauen sind im offiziellen Wettbewerb so gut wie nicht vorhanden. In der Branche gilt es, sich warm anzuziehen, auf den Partys zieht das beste Dekolleté.
In nur fünf Drehtagen entlarven die „falsche“ Scuba und ihr Produzent so ziemlich alles, was gemeinhin unter männlichem Chauvinismus läuft, lassen aber auch die Frage nach dem Warum der mangelnden Frauenrepräsentanz offen.
Finanziert wurde der Film über Crowdfounding und nicht über einen Filmfonds. Das ist umso bemerkenswerter als am Eröffnungsabend der Ehrenpreis an Gabriele Pfennigsdorf für ihre Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film verliehen wurde. Seit Jahrzehnten fördert sie als stellvertretende Geschäftsführerin des Filmfernsehfonds Bayern den Filmnachwuchs und hat das Ansehen der Institution als Talentschmiede maßgeblich mitgeprägt. Ohne Menschen wie sie wären Festivals wie dieses nicht das, was sie sind.
Zu Demaart
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