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Vergessene Aspekte der Geschichte

Vergessene Aspekte der Geschichte

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Die gewölbten Säle der Abtei Neumünster sind ein idealer Ort für die Entdeckung oder Neuentdeckung vergessener Geschichte. „Une fenêtre sur le ghetto“ erzählt mehr als nur die Geschichte einer geächteten Gesellschaft.

Spuren jüdischer Bewohner gibt es in Rom bereits seit der vorchristlichen Zeitrechnung. Als Papst Urban sie in seiner Bulle von 1555 zum Leben im Ghetto verurteilte, erlaubte er ihnen als einzige Tätigkeit den Handel mit gebrauchten Tüchern; das, was wir in unserer Volkssprache den „Lumpenhandel“ nennen. Wie diese Bevölkerung vier Jahrhunderte lang aus harter Not eine Tugend machte, zeigt jetzt eine Ausstellung in der Abtei Neumünster. Auf Initiative des italienischen Kulturinstitutes und der Stiftung Cavour werden Kunstfotos kostbarer Stoffe gezeigt, wie sie bis heute für das Dekor der Synagogen benutzt werden.

Une fenêtre sur le ghetto

Abtei Neumünster
Bis zum 16. März
28, rue Münster
L-2160 Luxemburg-Grund
Tel.: +352 26 20 52-1

Öffnungszeiten

10-18 Uhr
www.ccrn.lu

Ausgestellt sind vor allem „Mappoth“, jene Tücher und Dekorationsobjekte, die Familien der Synagoge schenkten, um ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen oder um an ihre Toten zu erinnern. Das machten sie, weil die päpstliche Bulle ihnen ebenfalls verboten hatte, Namen auf ihre Grabsteine zu schreiben.

Es sind häufig die Stoffhüllen, mit denen die handgeschriebenen, aus Pergament gefertigten Thorarollen umhüllt werden, um sie vor Umwelteinflüssen und Schmutz zu schützen. Es können aber auch Tücher für den Gebetstisch sein, der in der Synagoge vor dem Schrank mit den Thorarollen steht oder Vorhänge für den Thoraschrank. Es sind auf jeden Fall immer kostbare Textilien wie Seidensamt oder Satin, die mit Goldfäden fein bestickt wurden.

Aus der Not geboren

Die wenigen Bilder des Ghettos, die in der Ausstellung zu sehen sind, führen dem Besucher vor Augen, wie eng es war. Es gab in den Häusern kaum Licht, Platz für Blumen und Grünflächen war auf dem kleinen Stadtgebiet auch nicht vorhanden. Die römischen Juden, die bis dahin unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften angehörten, mussten auch alle die gleiche Synagoge besuchen. Sie fanden einen Kompromiss, indem sie den Gebetsort in „cinque scuole“ aufteilten, wo die Mitglieder der „scuola siciliana“, der „scuola castigliona“, der „scuola tempio“ und der anderen „Schulen“ (die übliche Bezeichnung einer Synagoge) jeder nach seinen Gewohnheiten beten konnten.

Blumen, Farben und Licht gab es im Ghetto nur in den Handarbeiten. Mit sorgsamen, äußerst regelmäßigen Stichen haben die Frauen, die für ihre hochwertigen Handarbeiten bekannt waren, die Tücher mit frommen Sprüchen, kostbarer Spitze und vielfältigen Motiven verziert. Häufig dargestellt wurden Löwen (sie stehen für Stärke), Hähne (als Symbol für Gut und Böse), Palmen (als Wahrzeichen des starken Mannes), die Mondsichel und die Sterne (als Sinnbild des Gerechten).

Eine der ältesten Handarbeiten stammt aus dem Jahr 1641, hauptsächlich in Blau und Gold, weitere entstanden 1642 und 1645, wobei die (gebrauchten) Stoffe häufig älteren Datums waren.

Ein besonders kostbares Stück aus cremefarbenem Seidensatin ließ Baruch Del Monte 1755 nach der Rückkehr seiner entführten und zwangskonvertierten Tochter Anna anfertigen.

Die Ausstellung erstreckt sich zwar nur über drei Räume, der Besucher bleibt aber immer wieder vor den Tafeln mit den Erklärungen und historischen Hintergründen stehen, um mehr zu erfahren und zu hinterfragen.