Das Handwerk hat in Luxemburg ein Imageproblem. Handwerker wird man im Großherzog, wenn man sich für eine Karriere als Banker oder Anwalt nicht eignet. Die Orientierung der Schüler nach der Grundschule spielt dabei eine entscheidende Rolle. Davon ist man bei der Handwerkskammer überzeugt. «Zuerst versuchen es die Schüler im ‚Lycée classic‘. Wenn das nicht klappt, dann besuchen sie eben ein ‚Lycée technique‘,» erzählt deren Präsident Roland Kuhn, was ihn so ärgert.
«In Deutschland und in der Schweiz, da hat das Handwerk noch einen anderen Stellenwert», schwärmt er.
Dabei ist – auch in Luxemburg – das Handwerk von größter Bedeutung. Ohne die Männer und Frauen im Handwerkssektor gebe es keine Häuser, keine Tische, keine Stühle und keine Zeitung. Aber auch Berufe wie Bäcker oder Metzger sind Handwerksberufe. „Handwerk ist alles“, sagt Kuhn.
Das Baugewerbe stellte kräftig ein
Der Sektor ist riesig und wächst kräftig. Er stellt 21 Prozent der Betriebe in Luxemburg. Der Sektor steht für 21 Prozent der Arbeitsplätze des Landes. Darunter nicht nur manuelle Arbeiten, sondern auch immer mehr intellektuelle. Große Handwerksbetriebe brauchen immer mehr Wirtschafts- und Rechtskundige. Natürlich beschäftige die Branche viele geringqualifizierte Menschen, aber eben auch Spezialisten.
So haben Handwerksbetriebe zurzeit 80.000 Menschen in Lohn und Brot. 1.800 Personen bieten die Betriebe derzeit einen Ausbildungsplatz. In 2013 stieg die Zahl der Unternehmen um 420 von 5.911 auf 6.331. Das ist eine Steigerung von sieben Prozent. Zu einem kleinen Teil hat das damit zu tun, dass die Floristen ihren Status geändert haben. Floristen sind nicht mehr Händler, sondern Handwerker.
Besonders positiv war 2013 die Entwicklung im Baugewerbe. Insgesamt 2.154 neue Arbeitsplätze sind in dieser Branche binnen einem Jahr hinzugekommen. Die Anzahl der Jobs stieg von 52.744 auf 54.898. Eine Steigerung von vier Prozent. Zum Baugewerbe zählen auch Gebäudereinigungsunternehmen. Hier entstanden 44 Prozent der Jobs. Arbeitsplätze gingen hingegen im Druckereigewerbe verloren.
Energiesparen macht gute Laune
Geradezu begeistert ist die Handwerkskammer darüber, dass EU und die Regierung sich nachhaltiges Bauen und Energieeffizienz auf die Fahne geschrieben haben. Die Handwerksvertreter erkennen in den Bemühungen der Politik, Häuser zu bauen, die «mehr Energie produzieren als sie verbrauchen», eine große Chance, die sie ergreifen wollen und auf die sie aktiv hinarbeiten.
Alleine im Bau von Solaranlagen, Biogasanlagen usw. stecken den Zahlen der Handwerkskammer nach bis 2020 230 Millionen Euro. 427 Millionen wirft den Zahlen zufolge der Bau von Gebäuden, die energetisch auf dem neuesten Stand der Technik sind, und die energetische Sanierung von Gebäuden pro Jahr ab. Deshalb hat die Handwerkskammer das Label «Energie fir d’Zukunft» ins Leben gerufen. Dieses Label können sich Handwerker verdienen, indem sie an Fortbildungen teilnehmen, «die es in sich haben».
Bis Ende 2014 sollen so 350 Personen aus 200 Betrieben im Sektor für Passivhäuserbau ausgebildet und -gezeichnet werden. «Der Bau ist heute hoch technologisch. Jeder auf der Baustelle muss wissen, was der andere macht», sagt Kuhn. Die Handwerkskammer begrüßt, dass die Luxemburger Regierung die Ziele der europäischen Direktive über den erlaubten Energieverbrauch von Neubauten früher erreichen will als in der Direktive gefordert – bis 2019 anstatt bis 2021 sollen alle Neubauten einen Energieverbrauch haben, der quasi bei null liegt.
Die Regierung erhält nicht nur Lob
Bei aller Begeisterung für manche Entscheidungen der Politik richtete die Handelskammer am Donnerstag auch ihre Anliegen an die Regierung und an die anwesende Staatssekretärin Francine Closener aus dem Wirtschaftsministerium.
Derzeit gibt es in der Wohnungspolitik 18 Beihilfen des Staates, die Bürger erhalten können. Ein von der vorherigen Regierung eingereichter Gesetzesvorschlag könnte diese Zahl sogar noch erhöhen. Diese sei «relativ unübersichtlich», so die Handwerkskammer. Um die Komplexität zu verringern, wünscht sie sich weniger Beihilfen, die einfacher anzuwenden sind und leichter beantragt werden können. Gar nicht glücklich ist die Handwerkskammer auch über die geplante Mehrwertsteuerreform bei Immobilien, die zur Spekulation genutzt werden (siehe Kasten).
Mit gemischten Gefühlen sieht die Handwerkskammer die Einführung des «Badge sociale», eine Art Ausweis, anhand dessen Kontrolleure feststellen können, ob die Arbeiter an den Baustellen angemeldet sind oder ob es sich um Schwarzarbeiter handelt. Bedauerlicherweise sei darauf kein Foto, so die Handelskammer, was Kontrollen erschwere. Außerdem gebe es nur sechs Kontrolleure, die alle Baustellen des Landes kontrollieren müssen.
Welchen Beruf im Handwerk er jungen Menschen empfehlen würde? Jeder Beruf sei interessant, meint Kuhn.
In der Baubranche mit den angesprochenen Herausforderungen sieht er große Chancen für junge Leute. Auch die Nahrungsmittelindustrie empfiehlt er. «Das ist etwas, das wir jeden Tag brauchen. Da gibt es immer eine Nachfrage.»
Zu Demaart
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