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Furcht vor einem «Mineirazo»

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Der Rekord-Weltmeister, Favorit und WM-Gastgeber Brasilien ist erstmals richtig gefordert: Ein Aus im Achtelfinale gegen Chile wäre eine Blamage – und ein Stimmungskiller für die Fußball-Party im Land. Arturo Vidal und seine Chilenen motiviert das nur noch mehr.

In Brasilien geht die Furcht vor einem «Mineirazo» um. Mit großer Sorge sieht der WM-Gastgeber dem Achtelfinale am Samstag (28.06.14/18.00 Uhr MESZ/ARD) im Estádio Mineirão von Belo Horizonte gegen Chile entgegen. «Wenn ich hätte wählen können, hätte ich eine andere Mannschaft genommen. Ich glaube, dass Chile der schwierigste Gegner ist, auch weil es ein südamerikanisches Team ist», sagte Trainer Luiz Felipe Scolari. Für den Rekord-Weltmeister ist die Partie jedenfalls der erste echte Härtetest auf dem Weg zur angestrebten «Hexacampeão».

Ein WM-Aus bereits im ersten K.o.-Spiel – die fußballverrückten Brasilianer wagen kaum daran zu denken. Ein nationales Trauma wie das „Maracanazo“ 1950, als die „Seleção“ vor 200.000 Zuschauern in Rio de Janeiro mit einem 1:2 gegen Uruguay den Titel verlor, würde eine Niederlage gegen Chile nicht auslösen. Aber es wäre die größte Enttäuschung seit dem Achtelfinal-Aus der Favoriten um Zico, Falcão und Socrates 1990 gegen Argentinien.

Chiles Mannschaft um Arturo Vidal motiviert all das nur noch mehr. «Wir sind zur WM gekommen, um Geschichte zu schreiben», sagte Stürmer Alexis Sanchez vom FC Barcelona. «Wir werden rausgehen und ihnen Schaden zufügen», betonte sein neuer Vereinskollege, Auswahl-Kapitän und -Torwart Claudio Bravo. Vidal, Sanchez und Bravo gehören zu insgesamt acht Spielern mit einer offenen Rechnung von der WM vor vier Jahren.

Angst vor Sanchez

«Die Mannschaft weiß um den Druck, den sie von jetzt an hat. Wir wissen, dass es eine entscheidende Phase ist», sagte Brasiliens Luiz Gustavo. Der Bundesliga-Profi vom VfL Wolfsburg soll den Chile-Angriff um Sanchez bereits im Mittelfeld abfangen. Den Torjäger fürchten die Brasilianer am meisten, sein Clubkollege Dani Alves bittet auf der rechten Abwehrseite um Unterstützung: «Da brauchen wir Hilfe, weil er einen ähnlichen Stil hat wie Neymar.»

Auf seinen neuen Superstar setzt Brasilien. «Neymar hat noch gar nicht angefangen zu zeigen, was er kann. Mit seinem Potenzial kann er der Seleção noch viel mehr helfen», sagte sein Mitspieler Willian und forderte gegen den bislang so starken südamerikanischen Rivalen: «Wir müssen uns nur auf Fußball konzentrieren, keine Provokationen akzeptieren.»

«Besser eine europäische Mannschaft»

1998 hatte sich Brasilien mit 4:1 gegen Chile durchgesetzt, 2010 mit 3:0 – beide Male ebenfalls im Achtelfinale. Aber im vergangenen Jahr gab es in einem Testspiel ebenfalls im Estádio Mineirao ein 2:2 zwischen beiden Teams. Scolari und seinen Spielern tönten damals gellende Pfiffe in den Ohren. Die brasilianischen Fans feierten Sanchez und Co. sogar mit «Olé»-Rufen.

Bei der WM-Auslosung im Dezember hatte Scolari mit Blick auf den Spielplan gestöhnt: «Hoffentlich kommt Chile nicht weiter. Ich ziehe jedes andere Team vor.» Der Stil des Teams von Trainer Jorge Sampaoli liege Brasilien überhaupt nicht: «Es wäre besser, gegen eine europäische Mannschaft zu spielen.»

Dabei hat der WM-Ausrichter bisher 47 von 67 Länderspiele gegen die Chilenen gewonnen und nur sieben verloren. Und Brasilien beschwört vor der Stunde der Wahrheit den Geist vom Confederations Cup vom vergangenen Jahr, als die «Seleção» bis ins Finale stürmte und dort Weltmeister Spanien 3:0 bezwang.

«Etwas Außergewöhnliches»

Die Chilenen aber wissen, was es bedeuten würde, die Brasilianer im eigenen Land von der WM zu verabschieden. «Wenn wir diese Partie gewinnen, wäre das etwas Außergewöhnliches», meinte Mauricio Isla. Auch er gehört zu den weiter gereiften Akteuren der «Roja», die vor vier Jahren in Johannesburg schon zum Einsatz gegen Brasilien gekommen waren. «Die WM 2010 hat nicht so viel Spaß gemacht wie die hier», meinte Sanchez vielsagend.

Wer auch immer das erste südamerikanische Gipfeltreffen bei der WM gewinnt, der Sieger des Achtelfinales von Belo Horizonte trifft danach entweder auf Uruguay oder Kolumbien. Und im Halbfinale wartet möglicherweise Deutschland.