Sergio Marchionne hat sein nächstes großes Ziel erreicht. Der 62-jährige Top-Manager aus der Abruzzen-Stadt Chieti arbeitete jahrelang auf die transatlantische Ehe seines kränkelnden Turiner Fiat-Konzerns mit dem zuvor insolventen US-Autobauer Chrysler hin. Schritt für Schritt kamen sich die beiden Unternehmen näher, zum Jahresbeginn 2014 übernahm Fiat dann schließlich Chrysler komplett. Marchionne stellte so die Weichen für einen neuen internationalen Player des Automobilbaus. Er erwartet einen «Qualitätssprung».
Am Freitag stimmten nun noch die Aktionäre in Turin mehrheitlich zu – und setzten damit auch einen Schlusspunkt unter 115 Jahre Fiat-Firmengeschichte in der piemontesischen Metropole. «So beginnt heute die Zukunft unseres Unternehmens», meinte Fiat-Präsident John Elkann, Enkel des legendären Gianni Agnelli, zu diesem Bruch mit der Vergangenheit. Ob allerdings die Allianz mit Chrysler die letzte im Schlachtplan des umtriebigen Marchionne sein wird, kann bezweifelt werden. Immer wieder gibt es Spekulationen über weitere Fusionen.
Die amerikanische Tochter hatte mit ihren Gewinnen lange das starke Verlustgeschäft des Autobauers aus Turin-Lingotto in Europa und vor allem im kriselnden Heimatmarkt Italien ausgebügelt. Dass Chrysler dann endgültig unter das Konzerndach schlüpfte, war Ergebnis der Hartnäckigkeit Marchionnes, der bereits einmal das Aushängeschild Italiens gerettet hatte. Nach der Hauptversammlung – der letzten an dem traditionsreichen Firmensitz – ist die Verschmelzung vollzogen.
Der neue Konzern nennt sich FCA (Fiat Chrysler Automobiles). Seine Aktie soll neben Mailand auch an der New Yorker Börse NYSE gehandelt werden, das Vorstandsbüro aus steuerlichen Gründen von Turin nach London umziehen. Organisiert wird FCA nach niederländischem Recht. Marchionne und Elkann müssen sich neue Büros an der Themse suchen.
Marchionne denkt voraus
Marchionne wäre aber nicht der ebenso gewitzte wie ehrgeizige Firmenchef, würde er nicht schon weiter voraus denken. Amüsiert scheint er immer auf Spekulationen über weitere Zusammenschlüsse zu reagieren – hat er doch selbst schon vor Jahren klar gesagt, dass das eine Überlebensfrage in der weltweiten Automobilindustrie sein werde.
Jüngste Gerüchte über ein ernsthaftes VW-Interesse an seinem Konzern oder zu einer möglichen Fusion der Italo-Amerikaner mit Frankreichs PSA Peugeot Citroën machten erneut die Runde. Dies wurde in Turin dementiert, auch VW wies entsprechende Berichte zurück. «Es gibt nichts zu sagen, wir sind offen für Diskussionen mit jedem», lautete Marchionnes Standard-Replik. Es geht eben um viel – eine Allianz mit PSA, also von europäischen Unternehmen mit Verlusten in der Krisenzeit, würde den global fünftgrößten Autobauer entstehen lassen.
Jeep und Alfa in der Pflicht
Klar und offen liegen dagegen die Visionen und Ziele Marchionnes auf dem Tisch, an denen auch die Verluste der Fiat-Gruppe im ersten Halbjahr 2014 wenig ändern. Vor allem die Marken Jeep und Alfa Romeo sollen zulegen. Der Konzernumsatz soll bis 2018 jährlich um 9 Prozent auf 132 Milliarden Euro steigen, der Gewinn auf 5 Milliarden Euro. Binnen fünf Jahren sollen 55 Milliarden Euro investiert werden. «Ich habe nicht den geringsten Zweifel, unser Plan ist umsetzbar und finanzierbar», war sich Marchionne nach dem Votum in Turin sicher.
Das Segment der Luxus-Fahrzeuge und vor allem die Maserati-Verkäufe kurbeln den Umsatz bereits stark an. An den Zielen für das laufende Jahr – nach dem Business-Plan vom Mai – hält man optimistisch fest: geschätzte Erlöse von 93 Milliarden Euro bei einem Nettogewinn von 600 bis 800 Millionen Euro sowie 4,7 Millionen verkaufte Fahrzeuge.
Verkaufszahlen in Europa steigen
Inzwischen sind auch die europäischen Verkaufszahlen wieder etwas ermutigender, und das Sorgenkind Italien sollte unter dem quirligen Regierungschef Matteo Renzi irgendwann aus der Krise kommen. Derweil hat Fiat jedoch noch damit zu tun, die Gewerkschaften zu beruhigen, die immer wieder Zusicherungen verlangen. «Fiat ist nicht dabei, Italien zu verlassen», heißt es daher auf der Homepage der Gruppe. Nur die Holding-Gesellschaft werde jetzt nach niederländischem Recht organisiert. «Die italienischen Aktivitäten der Gruppe und auch das generelle Engagement, das Land betreffend, bleiben unverändert.»
Bei Fiat in Turin und Chrysler in Detroit stehen zunächst aber der Umzug und die Neuorganisation für die Zeit nach der Eheschließung an.
Zu Demaart
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