Der einzige Kandidat, vorgeschlagen von einer Findungskommission, heißt Jean Lemierre. In der großen Öffentlichkeit unbekannt, arbeitet Lemierre bereits seit 2008 für die Bank. Zuvor war er Chef des Schatzamtes der französischen Regierung, später Chef der vom ehemaligen Staatspräsident Francois Mitterrand ins Leben gerufenen europäischen Wiederaufbaubank BERD. Der Job als Berater des Präsidenten des Verwaltungsrates, den er vor sechs Jahren antrat, war der Übergang aus der Arbeit für staatliche Organisationen in die private Wirtschaft. Lemierre beriet damals den Vorsitzenden Michel Pebereau.
Der wiederum hatte Ende der 90er Jahre in einer legendären Börsenschlacht, in der er als Chef der privatisierten Bank BNP Übernahmeangebote auf die Société Générale und die Investmentbank Paribas unterbreitet hatte, die heutige BNP Paribas gegründet. Michel Péberau, in seiner Freizeit Krimi Autor, hatte als Bankchef und als späterer Vorsitzender des Verwaltungsrates sein Haus früh bestellt mit Baudoin Prot, der früh als Kronprinz feststand.
Viertgrößte Bank Europas
Prot baute die Bank aus, machte aus ihr die viertgrößte Bank Europas, die sich heute als Finanzinstitut mit vier Heimatländern – Frankreich, Belgien, Italien, Luxemburg – darstellt. Lemierre hatte auch unter Prot sein Amt als strategischer Berater des Verwaltungsratsvorsitzender behalten. Prot wurde allerdings eingeholt von Verletzungen der US Embargo Gesetzgebung, die während seiner Amtszeit als Generaldirektor durch eine Genfer Tochtergesellschaft begangen worden waren. Der dynamische Bankier, der sich in seiner Rolle als Chef des Verwaltungsrates nicht wohl gefühlt haben soll, weil er nicht mehr alles bestimmen konnte, wird die Bank zum 1. Dezember 2014 verlassen.
Die französische Elite kreiiert ihre Netzwerke sehr früh. In der Regel bestimmen die Kontakte und Freundschaften, die während der Zeit in den «Grandes Ecoles» geknüpft werden, die weitere Karriere. Der 64 jährige Lemierre gehört zum selben Jahrgang der nationalen Verwaltungshochschule «Ecole Nationale d’Administration» wie Baudoin Prot und der französische Notenbankchef Christian Noyer, der ebenfalls als Kandidat gehandelt worden war. Prot und der aus Le Havre stammende Lemierre waren herausragende Studenten der Eliteschule. Prot soll eher der sich darstellende Student gewesen sein, der sich seiner Leistung sicher war, sich leutselig gab. Lemierre, hingegen galt als der ernsthafte Arbeiter, der über sein sorgfältiges Arbeiten und über sein Wissen Sicherheit ausstrahlte. Die Nachfolge von Baudoin Prot lief in der personellen Tradition der Bank auf ihn zu.
Gut vorbereitet
Der Mann, der die Strategie der Bank zukünftig verantworten soll, gilt auch heute noch als gut vorbereitet in den Themen, als jemand, der mit Einzelheiten der Dossiers gut vertraut ist. Der in Le Havre geborene Lemierre hat sein Büro mitten in Paris. Er residiert in dem Raum, in dem Napoleon seine Frau Joséphine geheiratet hat.
Der scheidende Verwaltungsratschef Prot hatte die BNP Paribas nicht nur als europäische Bank positioniert, sondern insgesamt internationalisiert. BNP Paribas ist heutzutage in 73 Ländern der Erde vertreten. Lemierre, von dem es heißt, dass er mehr oder weniger der stellvertretende Chef des Verwaltungsrates war, hat diese Internationalisierung begleitet. Lemierre hat zusammen mit Generaldirektor Jean Laurent Bonnafé die Verhandlungen mit den US Behörden geführt, die letztlich zur Verurteilung zu einer Strafe von umgerechnet 6,6 Milliarden Euro geführt haben.
Lemierre passt mit seinem Lebenslauf in das Amt, in das er, Vorabinformationen zufolge, am Freitag gewählt werden sollte. Er hat, wie seine beiden Vorgänger, die «richtige» Hochschule besucht. Er hat Erfahrung in der Staatsverwaltung. Er hat Erfahrung im Bankenwesen und dort einen ausgezeichneten Ruf. Er gehörte zu den europäischen Verhandlungsführern, die die griechischen Schulden restrukturierten. Er ist schließlich in den Privatsektor gewechselt und befindet sich dort im Umfeld der französischen Elite, die denselben Parcours absolviert hat wie er selbst.
Herkules-Aufgabe
Die Aufgabe, die vor ihm liegt, gleicht allerdings einer Herkules-Aufgabe. Er muss die anderen Aufgaben meistern, die mit dem Urteil in den USA verbunden sind. BNP Paribas muss hinnehmen, dass im kommenden Jahr über Monate hinweg keine Dollargeschäfte gemacht werden dürfen. Das heißt, es müssen Ersatzbanken gefunden werden, die für BNP Paribas diese Geschäfte ausführen. Die Bank muss weiterhin Dollargeschäfte in New York konzentrieren und sich dort überwachen lassen.
In Frankreich wird er mit dem Satz zitiert, den er auf einer Konferenz geäußert haben soll. «Mein Rat ist, nicht zu überreagieren, sorgfältig zu arbeiten und zu wissen, dass wir kein ‚business as usual‘ zu tun haben.»
(Helmut Wyrwich / Tageblatt.lu)
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