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taz: «Cowboys im Cockpit»

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Der Berliner Tageszeitung taz liegen brisante Dokumente zum Beinahe-Crash einer neuen Cargolux-Maschine vor. Auch Namen sind gefallen. Tageblatt.lu hatte über den Vorfall berichtet.

Am 1. Oktober war ein Video eines spektakulären Cargolux-Manöver im Netz aufgetaucht. Tageblatt.lu hatte darüber berichtet. War es ein gewolltes Winke-Winke-Manöver oder drohte die Frachtmaschine abzustürzen? An jenem Tag hatte die Cargolux ihre 11. Frachtmaschine der neuen Baureihe 747-8F in Empfang genommen. Das nagelneue Flugzeug mit der Kennung «LXVCJ»» startete Stunden vorher im Boeing-Werk in Seattle in den USA. Kaum war das Flugzeug abgehoben, schien der Pilot zum Abschied mit dem rund 200 Tonnen-Flieger zu winken.

Die Berliner Tageszeitung TAZ analysierte den Vorfall und ist nun im Besitz brisanter Dokumente, die den Fall teils aufklären. Dabei handelt es sich um interne Flugprotokolle, die auf den 30. September datiert sind. Dort sind unter anderem die Namen der Verantwortlichen für den „Winke-Winke“-Flug vermerkt. Bei der „Crew assigned to trip“ handelt sich um die beiden Cargolux-Vizepräsidenten Wieger Ketellapper – im Logbuch eingetragen als „Commander KET“ –, Marcel Funk – „Captain FUN“ – sowie der Technische Pilot Benedikt Stock – der „First Officer STB“.

Beide sind im Cargolux-Management die oberste Instanz für Flugsicherheit und hatten die 200-Tonnen-Maschine zum Jungfernflug in Empfang genommen.

«Cowboy-Verhalten»

Mitarbeiter, darunter auch Piloten von Cargolux, üben gegenüber der taz scharfe Kritik am Manöver aus: „Solche Manöver haben in der Berufsfliegerei nichts zu suchen“ oder „Die Firma habe einmal als Vorreiter von Sicherheitsstandards gegolten, aber das erodiert allmählich. Man habe immense Probleme mit der Sicherheitskultur“. Ein Sprecher der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit zeigt sich entsetzt über den Vorfall und sagt: „Das war ein Hochrisikomanöver. Das ist Cowboy-Verhalten. Es fehlt an gesunder Risikoabschätzung. Im Simulator fliegt man solche 45-Grad-Kurven. Airbus-Maschinen hingegen steuern automatisch schon bei 30 Grad dagegen. Aus gutem Grund.“

Nach einer Woche sendet die Cargolux der taz ein Statement: Es habe eine „offizielle Intern-Untersuchung“ für den Start der 300-Millionen-Dollar-Maschine gegeben. Ja, es war ein Pilotengruß: „it performed a wing wave“; Ja, das Flugzeug sei bei der „exzessiven Querneigung“ zeitweise instabil gewesen. Dennoch bleibe der Tragflächengruß bei Cargolux „ein traditionelles Verhalten bei Überführungsflügen“ und bleibt mit der eigenen Sicherheitskultur vereinbar. Nur ab sofort nicht mehr mit dem Abheben, sondern erst ab 120 Meter Höhe – und zwar von „speziell geschulten Crews“. Der taz-Kommentar: „Winke, winke machen als Lernprogramm. Glücklicherweise transportiert Cargolux keine Passagiere.“

Die Cargolux nennt die Namen der Piloten nicht öffentlich, so die taz. Bekannt ist aber, dass nicht der Commander, sondern der 1. Offizier an Bord den Steuerknüppel bedient. In diesem Fall also Stock und nicht sein Vorgesetzter Ketellapper, schlussfolgert die Zeitung.

«Stall sehr wahrscheinlich»

Es sei „sehr wahrscheinlich“ dass es an einem Ruder wirklich einen kurzen Strömungsabriss gegeben habe, berichten Mitarbeiter der Untersuchungskommission gegenüber einem Cargolux-Piloten. Cargolux schweigt: „Wir können keine weiteren Kommentare geben“.

Ein sogenannten «Stall» (Strömungsabriss) ist lebensgefährlich. Dabei verliert das Flugzeug seinen Auftrieb und kann im schlimmsten Fall wie ein Stein in die Tiefe stürzen. In einer Rundmail an die Cargolux-Mitarbeiter – diese liegt ebenfalls der taz vor – schreibt Vorstandsvorsitzender Dirk Reich: Vermutlich nur „exzessiver Einsatz der Ruder“ habe im letzten Moment einen Absturz verhindert.

Laut taz habe die luxemburgische Luftaufsichtsbehörde DAC auch nach über einem Monat nicht entschieden, ob sie selbst Ermittlungen aufnimmt. Deren Direktorin Christiane Weidenhaupt schreibt auf Nachfrage, es hänge vom firmeninternen Bericht der Airline ab, ob man „erforderliche Sicherheitsmaßnahmen treffen“ müsse. „Es sieht so aus, als werde alles unter den Teppich gekehrt“, so ein Cargoluxpilot. Das größte Problem, glaubt er, sei „die enge personelle Verquickung von Politik, Wirtschaft, Eigentümern und Behörden“.