Rund 1.700 Schüler gehen ins Escher „Lycée technique“ (LTE) im etwas abgelegenen Stadtviertel „Sommet“. Eigentlich bietet das Schulrestaurant ausreichend Platz für alle. Doch aus diversen Gründen ziehen viele Schüler es vor, ihr Mittagessen bei einem der zahlreichen Händler zu kaufen, die mit ihren Autos auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Kundschaft warten. In ihrem Kofferraum halten sie Pizza, Pasta und Kebab bereit. Manche Händler kommen schon um 8.00 Uhr morgens, um ihr Auto auf einem der heiß begehrten Parkplätze direkt gegenüber vom Haupteingang des LTE zu parken. Kurz vor Mittag werden sie dann von einem zweiten Wagen mit Essen beliefert.
Sobald die Klingel zur Mittagspause ertönt, geht das Geschäft los. Die Schüler stürmen über die viel befahrene rue Henri Koch. Eigentlich ist die Straße als Tempo-30-Zone ausgewiesen, doch kaum jemand hält sich daran. Auch viele Lastwagen fahren hier vorbei. Der Andrang an den Autos der Straßenverkäufer ist groß, der Pizza- und Kebab-Verkauf aus dem Kofferraum boomt. Kein Wunder, bei 1.700 potenziellen Kunden. Mehrmals kommen neue Autos, um für Nachschub zu sorgen.
Probleme der Sicherheit und Hygiene
LTE-Direktor Patrick Straus betrachtet das Treiben vor seinem Schulgebäude mit Besorgnis. Er fürchtet, dass einer seiner Schüler beim Überqueren der Straße angefahren werden könnte. Oder dass Jugendliche krank werden könnten, weil niemand überprüft, ob die Straßenverkäufer die Hygienestandards einhalten. Sicher, einige Autos kennt er, der Name der Restaurants ist darauf abgedruckt, in manchen der Pizzerien war er selbst schon zu Gast. Auf anderen Autos steht hingegen gar nichts. Es sind auch keine Lieferwagen, sondern ganz normale Pkws, die Kebab aus dem Kofferraum verkaufen. „Niemand weiß, wo dieses Essen herkommt. Wo wird es hergestellt? Ist der Kofferraum sauber? Hier stellt sich ein Hygieneproblem“, sagt Patrick Straus.
Neben Fast-Food sollen die Händler auch Energy-Drinks und sogar Zigaretten anbieten, heißt es. Sachen, die in der Schulkantine tabu sind. Bei manchen Händlern weiß man nicht einmal, was sie eigentlich verkaufen oder wo ihr Essen herkommt. Oder ob sie eine Gewerbelizenz haben. Ob sie ihren Gewinn versteuern …
Auch Restopolis ist kritisch
Auch Monique Ludovicy, Chefin des staatlichen Schulrestaurant-Diensts Restopolis, steht dem Straßenverkauf sehr kritisch gegenüber. Restopolis habe den Auftrag, den Schülern eine ausgewogene Ernährung anzubieten, die zudem hohe Hygienestandards erfüllen müsse.
Vor einiger Zeit habe Restopolis noch sehr darauf geachtet, dass das Essensangebot gesund sei, erklärt Patrick Straus. Mittlerweile biete die Schulkantine aber wieder einmal die Woche Pommes Frites und Pizza an, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch habe das Schulrestaurant einen zusätzlichen Verkaufsstand mit Pizza in der Empfangshalle des LTE errichtet, um die Schüler davon abzuhalten, nach draußen zu gehen. Auch habe die Direktion sie in einem Rundschreiben darauf hingewiesen, dass sie aufpassen sollen, wenn sie die Straße überqueren. Doch viel gebracht habe beides nicht, bedauert Patrick Straus: „Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner.“
Keine Genehmigungen ausgestellt
Keiner der Straßenverkäufer hat indes eine Genehmigung, um sein Essen in der rue Henri Koch zu verkaufen. Die Restaurants haben zwar eine Handelsermächtigung, die auch für die Essenslieferung gilt, dies aber nur, wenn tatsächlich jemand anruft und Essen bestellt. Sie gilt aber nicht, wenn der Verkäufer mit einem mit Pizzen vollbeladenen Auto ankommt und diese zum Verkauf anbietet. Und die Schulverantwortlichen gehen nicht davon aus, dass alle Schüler, die mittags Pizza kaufen, diese tatsächlich auch im Vorfeld bestellt haben.
Die zuständige Behörde der Gemeinde habe bislang keine einzige Genehmigung für den Straßenverkauf auf „Sommet“ ausgestellt, bestätigte ein Sprecher der Stadt Esch gestern gegenüber dem Tageblatt. Mehrere Händler hätten schon angefragt, doch kein Antrag sei bewilligt worden. Dementsprechend ist der Straßenverkauf vor dem LTE eigentlich verboten. Die Polizei, die sich gestern nicht zu dem Thema äußern wollte, führe gelegentliche Kontrollen durch, bestätigte der Sprecher der Stadt Esch. Doch das Bußgeld von 250 Euro störe die Verkäufer nicht weiter, denn mit ihren Einnahmen könnten sie diesen Verlust schnell wieder wettmachen.
Wer beseitigt den Abfall?
Ein weiteres Problem ist der Abfall. Nach der Mittagspause säumen täglich leere Pizzaschachteln und zusammengeknüllte Papierservietten den Bordstein der rue Henri Koch. Die Mülleimer vor der Schule quellen über. Die Leitung des gegenüberliegenden „House of Biohealth“ habe sich schon bei der LTE-Direktion beschwert, denn den Müll in ihrem Vorgarten müssten sie selbst beseitigen, beklagt Patrick Straus.
Den Abfall am Straßenrand räumt der städtische Hygienedienst weg. Doch eigentlich seien die Kunden und die Straßenverkäufer für die Beseitigung ihrer Pizzaschachteln zuständig, heißt es von der Stadt Esch. Wie auf der Kirmes oder auf dem Weihnachtsmarkt, wo auch vor jeder Würstchenbude ein Mülleimer steht.
Stadt Esch plant neues Reglement
Doch wie kann man dem Problem der Straßenverkäufer auf Sommet beikommen? Monique Ludovicy und Patrick Straus wissen bereits eine Lösung. „In Frankreich wurde gesetzlich festgelegt, dass in einem Umkreis von mehreren hundert Metern rund um die Schulen keine mobilen Händler mehr zugelassen sind“, erklärt die Chefin von Restopolis. Die Ministerien für Mittelstand und Bildung sollten sich mit der Gemeinde zusammentun und eine ähnliche Lösung für Luxemburg ausarbeiten. Die Stadt Esch kündigte ihrerseits an, einen reglementarischen Rahmen erstellen zu wollen, um festzulegen, wer wo was verkaufen darf.
Beide Lösungen hätten zur Folge, dass die Polizei künftig effizienter gegen den Straßenverkauf vorgehen kann. Denn bislang können die Händler sich immer noch mit dem Argument herausreden, dass das Essen von den Schülern bestellt wurde und sie es nur anliefern.
Zu Demaart
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