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Nicht alle Franzosen sagen «bienvenue»

Nicht alle Franzosen sagen «bienvenue»
(Reuters/Jacky Naegelen)

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Frankreich hat angekündigt, Tausende Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Das Land ist aber gespalten bei der Aufnahme der Asylanten.

Sie wirken müde aber glücklich, als sie aus dem Bus steigen und die ersten Schritte in ein neues Leben in Sicherheit gehen. Dutzende Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind am Mittwochmorgen in dem kleinen Ort Champagne-sur-Seine nahe Paris angekommen, die ersten von rund Tausend, die von Deutschland aus nach Frankreich weiterreisen sollen. Doch das ist erst der Anfang: Frankreich bereitet sich auf die Aufnahme zehntausender Flüchtlinge vor. Die Regierung will Solidarität zeigen – doch viele Franzosen halten wenig von diesem Kurs.

«Ich bin so müde, dass ich kaum Worte finde, aber ich bin sehr glücklich», sagt der 28-jährige Ussama, während er in Champagne-sur-Seine von Rot-Kreuz-Helfern in Empfang genommen wird. «Im Irak ist das Leben gefährlich, deswegen wollen wir hier ein neues Leben anfangen. Ich will hierbleiben und Französisch lernen.» Die gefährliche Flucht hatte den Ingenieur aus Bagdad über Ungarn bis nach Deutschland geführt. Ungleich komfortabler war dann die Reise von München nach Champagne-sur-Seine: Ein Bus brachte Ussama und 52 weitere Flüchtlinge nach Frankreich.

24.000 sollen kommen

Staatschef François Hollande hatte am Montag angekündigt, dass Frankreich rund Tausend in Deutschland angekommene Flüchtlinge aufnehmen wird. «Wir können nicht Deutschland diese Solidarität und Verantwortung alleine übernehmen lassen», sagte der Sozialist, nachdem Tausende Flüchtlinge über Ungarn nach Deutschland gereist waren. Zugleich kündigte Hollande an, dass Frankreich wie von der EU-Kommission gewünscht 24.000 Flüchtlinge aufnehmen wird.

Für das Land ist das eine Herausforderung – denn schon jetzt wirkt Frankreich im Umgang mit Flüchtlingen oft überfordert. Im nordfranzösischen Calais leben mehr als 3000 Flüchtlinge, die nach Großbritannien gelangen wollen, in einem slumähnlichen Zeltlager. Und weil es an Flüchtlingsunterkünften mangelt, schlafen sogar in der Hauptstadt Paris zahlreiche Flüchtlinge auf offener Straße. Umso mehr will Frankreich – das Land von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – jetzt unter Beweis stellen, dass es Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterbringung bieten kann.

«Bürgermeister, mobilisiert euch»

In Champagne-sur-Seine kommen die vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohenen Syrer und Iraker zunächst in von der Gemeinde gestellten Wohnungen unter. Innenminister Bernard Cazeneuve hat die Bürgermeister im ganzen Land zu einer «Mobilisierung» aufgerufen, um Unterkünfte zu schaffen, am Samstag wird über konkrete Maßnahmen beraten. Auch bei den Asylverfahren, die sich in Frankreich über Jahre ziehen können, will sich die Regierung entgegenkommend zeigen. Asylbescheide könnten schnell ausgestellt werden, sagte Cazeneuve, schließlich gebe es keine Zweifel, dass die Neuankömmlinge Flüchtlinge seien.

Dabei war die Regierung lange zögerlich bei der Aufnahme von Flüchtlingen – auch aus Angst vor dem Unmut der Wähler. Vielen Franzosen kommt beim Gedanken an Flüchtlingen nicht das Wort «bienvenue», Willkommen, in den Sinn. Laut einer Umfrage sind 55 Prozent der Meinung, Frankreich sollte bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht dem Beispiel Deutschlands folgen. Mehrere konservative Bürgermeister erklärten bereits, sie würden nur «christliche Flüchtlinge» aufnehmen – schließlich wolle man sich keine «versteckten Terroristen» ins Land holen. Besonders drastisch und perfide formulierte es der Gemeinderat von Charvieu-Chavagneux nahe Lyon: «Christen bedrohen nicht die Sicherheit anderer, greifen nicht mit einer Kalaschnikow bewaffnet Züge an, erschießen nicht Journalisten in ihrer Redaktion und enthaupten nicht ihren Chef» – ein Verweis auf islamistische Anschläge in Frankreich in diesem Jahr.

Mit den Ängsten der Menschen spielt auch die rechtsextreme Front National (FN). Parteichefin Marine Le Pen macht mit scharfen Parolen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen mobil und warnt vor einer «Überschwemmung durch Migranten». Der Ton dürfte an Schärfe nicht verlieren – in drei Monaten sind Regionalwahlen, und die Flüchtlingskrise ist für die FN ein willkommenes Wahlkampfthema.

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