Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem «abscheulichen Anschlag» auf Einheit und Frieden des Landes. Bei Protestkundgebungen in mehreren Städten machten Tausende dagegen den Präsidenten und seine Regierung mitverantwortlich. Um 10.04 Uhr Ortszeit (09.04 Uhr MESZ) erschütterten zwei starke Explosionen die Umgebung des Hauptbahnhofs von Ankara. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Demonstranten tanzten, als plötzlich hinter ihnen eine gewaltige Explosion hochging. Am Ort des Anschlags lagen später dutzende Leichen am Boden, die notdürftig mit Fahnen und Transparenten abgedeckt wurden.
Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte, der Anschlag sei vermutlich von zwei Selbstmordattentätern verübt worden. Er verdächtigte die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Dischahistenmiliz Islamischer Staat (IS) oder Linksextremisten der DHKP-C, hinter dem Attentat zu stehen. Innenminister Selami Altinok sprach von einem «Terrorakt» gegen den Staat, die Demokratie und das türkische Volk. Er wies Vorwürfe zurück, die Sicherheitskräfte hätten die Demonstration nicht genügend abgesichert. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus.
Blutbad statt Frieden
«Eine Demonstration, die Frieden fördern sollte, ist zu einem Blutbad geworden», sagte tränenüberströmt der 52-jährige Ahmet Onen, der mit seiner Frau zu dem geplanten Protestmarsch gekommen war. Nach seinen Worten gab es «eine große Explosion und dann eine kleinere». Danach habe sich in der Menschenmenge Panik ausgebreitet.
Zu dem regierungskritischen Protestmarsch hatte unter anderen die Kurdenpartei HDP aufgerufen. Ihr Ko-Chef Selahattin Demirtas sprach von einem «riesigen Massaker» und einem «barbarischen» Angriff auf diejenigen, die Frieden im Land und kein Blutvergießen wollten. Demirtas äußerte Zweifel, dass die Regierung von dem Anschlag überrascht wurde. «Ist es möglich, dass ein Staat mit so einem starken Geheimdienstnetzwerk im Vorfeld keine Informationen über den Anschlag hatte?» Laut HDP richtete sich der Anschlag gegen die Kurdenpartei, die Sprengsätze wurden demnach am Aufmarschplatz der HDP-Delegation gezündet.
Wahlen am 1. November
Der Anschlag ereignete sich mitten im Wahlkampf für die vorgezogene Parlamentswahl am 1. November. Der Urnengang findet statt, nachdem die islamisch-konservative Regierungspartei AKP von Präsident Erdogan bei der Wahl im Juni ihre absolute Mehrheit verloren hatte, während die prokurdische HDP den Einzug ins Parlament schaffte. Koalitionsgespräche waren gescheitert. Kurz nach dem Anschlag von Ankara gab die PKK-Dachorganisation Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) bekannt, sie werde ihre Angriffe bis zur Parlamentswahl einstellen.
In den vergangenen Monaten war der Konflikt zwischen der Regierung in Ankara und den kurdischen Rebellen wieder eskaliert. Seit Juli wurden 140 türkische Sicherheitskräfte bei PKK-Anschlägen und 1700 kurdische Rebellen bei Armee-Bombardements getötet.
Nach dem Anschlag gingen tausende Menschen in Istanbul und anderen Städten des Landes auf die Straße. Allein in Istanbul beteiligten sich schätzungsweise 10.000 Menschen an der Protestkundgebung gegen Erdogan und seine Regierung. Spontane Demonstrationen wurden auch aus mehreren europäischen Ländern gemeldet. Türkische Internetnutzer meldeten unterdessen, dass sie keinen Zugang mehr zu Twitter hätten, wie der Kurzmitteilungsdienst mitteilte. Die Ursache war zunächst unklar, doch hatte die türkische Regierung in der Vergangenheit wiederholt bei heiklen Themen die sozialen Netzwerke blockiert.
Lesen Sie auch:
Zu Demaart














Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können