Die Sonne scheint sogar wieder, die Palmen werden nicht mehr vom Sturm hin- und hergeschüttelt. Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto ist in die Krisenregion an die Pazifikküste gereist und stellt nach Abflauen des Rekord-Hurrikans «Patricia» erleichtert fest: «Die Auswirkungen sind weniger schlimm als befürchtet.» 235.000 Menschen sind zeitweise ohne Strom, 3000 bis 3500 Häuser beschädigt, bilanziert Peña Nieto. Aber: Es gibt keine Toten, keine Verletzten.
Der Präsident scheint sich schon fast verteidigen zu müssen: «Die Sicherheitsmaßnahmen waren korrekt.» Rückblick: Am Freitag entwickelt sich «Patricia» zu einem Hurrikan bisher unbekannter Stärke: Peña Nieto meldet sich direkt aus der Kommandozentrale der nationalen Sicherheitskommission. Er steht vor Bildschirmen, auf denen «Patricia» wie ein riesiger rot-gelber Ball Richtung Festland rollt. Er bereitet Mexiko auf das Schlimmste vor: «Dieser Hurrikan der Kategorie 5 birgt die Gefahr, der stärkste, gefährlichste und destruktivste zu sein, der je registriert worden ist.»
Bis zu 400 km/h
Bis zu 400 Kilometer pro Stunde erreicht «Patricia» über dem Meer. Das ist selbst für die sturmerprobte Region eine neue Dimension. Ein gewaltiges Evakuierungssystem läuft an: Über Twitter, Facebook und Co. werden die Bürger dazu aufgerufen, sich vor allem in den Bundesstaaten Jalisco, Colima und Nayarit in Sicherheit zu bringen.
Rasch füllen sich Notunterkünfte an der Küste im Westen des Landes. Bürger vernageln Türen und Fenster mit Holzplatten, bevor sie die Häuser verlassen. Noch wissen sie nicht, ob sie danach noch stehen. «Patricia» erreicht Mexiko schließlich mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 Kilometern pro Stunde, Tausende Bäume werden entwurzelt. Regen peitscht durch die menschenleeren Straßen der Hafenstadt Manzanillo im Staat Colima, wo der Hurrikan das Land trifft. Im Hafen schlagen meterhohe Wellen ein und überspülen die Kaimauern. In dieser Region an der Pazifikküste werden auch die meisten Häuser beschädigt.
Wie ein Wunder
Aber, und das kommt einigen Mexikanern wie ein Wunder vor: «Patricia» schwächt sich schnell ab, am Samstag ist es nur noch ein Tropensturm mit bis zu 80 km/h. Der Sturm trifft die Küste in einer gebirgigen Region, die «Patricia» bremst. «Wichtig ist aber auch, dass die Bürger so reagiert haben», sagt Kommunikationsminister Gerardo Ruiz Esparza. Es gibt zwar Erdrutsche, Überschwemmungen. Aber gute Vorbereitung, Evakuierungen und «Patricias» Drosselung scheinen Schlimmeres verhindert zu haben.
Es ist das zweite Mal binnen kurzer Zeit, dass ein Katastrophen-Plan Wirkung zeigt. Am 17. September gab es vor Chile ein gewaltiges Erdbeben der Stärke 8,4 – es starben 13 Menschen, was aber dennoch eine «glimpfliche» Bilanz bei der Stärke ist. Hier begaben sich die Menschen sofort in Zonen, die ein Tsunami nicht treffen konnte.
In Mexiko werden sofort 2500 Soldaten in die Küstenregion beordert. Hunderte Experten kümmern sich um die Stromversorgung – Hubschrauber, Lichtmasten und Notstromaggregate werden dorthin gebracht. Im Badeort Puerto Vallarta verlassen derweil Tausende Touristen die Hotels. «Wir sind von Gästen zu Flüchtlingen geworden», sagt Jesús Anguiano Salazar der Zeitung «Milenio». Per Bus geht es ins Landesinnere. Aber am Samstag wird nach und nach die Alarmstufe Rot aufgehoben.
Folgen des Klimwandels
Auf dem Papier ist «Patricia» nach Angaben des Hurrikan-Zentrums im US-Staat Florida ein Rekord – von den Schäden zum Glück am Ende nicht. Für den Greenpeace-Klima-Experten Karsten Smid ist «Patricia» ein weiteres Indiz für die Folgen des Klimwandels – 2015 könnte das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen werden. «Dieser Hurrikan ist kein Naturphänomen mehr, sondern ein Monstersturm, den wir mit unserem Ausstoß von Treibhausgasen selbst gezüchtet haben.» Es sei «beschämend», dass vor dem UN-Klimagipfel in Paris, wo ein Weltklimavertrag für über 190 Staaten angestrebt wird, wenig vorangehe. «Während die Klimadiplomaten um jedes Komma streiten, trifft es die Menschen mit immer stärkerer Wucht.»
Das stimmt für diesen Fall – auch dank glücklicher Umstände – zwar so nicht, aber für Paris fürchten Fachleute ein unverbindliches «Klingelbeutelprinzip». Jeder Staat sagt, was er zur Verringerung der Treibhausgase bis zum Jahr 2030 tun will. Die 28 EU-Staaten wollen minus 40 Prozent im Vergleich zu 1990, China erst ab dann weniger ausstoßen. Ob so das Ziel zu schaffen ist, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen und die Zunahme der «Monsterstürme» einzudämmen? Wohl kaum.
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