Ist Kunst ein Luxus? Können Luxus und Geschäfte Kunst generieren? Wo beginnt das Mäzenat und wie weit kann oder darf es gehen? Wie stehen die Künstler zum Ruf des Geldes, das heute vielfach den Kunstmarkt beherrscht? Mit diesen Fragen haben sich der Direktor des hiesigen Museums für zeitgenössische Kunst, Enrico Lunghi, und der Gründer des „Musée d’art moderne et contemporain“ in Genf, Christian Bernard, am Mittwochabend bei einem Gespräch im Mudam auseinandergesetzt.
„Wenn Banker sich zum Essen treffen, dann reden sie über Kunst. Wenn Künstler zusammen essen, dann sprechen sie von Geld“, hat der irische Schriftsteller Oscar Wilde seinerzeit geschrieben. Seine ironische Formulierung stimmt heute immer noch, die Welt der Kunst bedauert jedoch, dass die Grenze zwischen der reinen Kreation und dem Geld nicht immer klar gezogen ist.
«Frei und unabhängig»
„Wir sind eine öffentliche Einrichtung. Wir haben eine definierte Aufgabe, die darin besteht, Kunst zu sammeln, aber vor allem auch zu zeigen und zu fördern. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, sollten wir frei und unabhängig vom Kunstmarkt arbeiten können.“ Diese Bemerkungen schickte Enrico Lunghi der Diskussion mit Christian Bernard voraus.
Der international bekannte Kunstkenner und Begründer des 1994 in Genf eröffneten „Musée d’art moderne et contemporain“ ist Mitunterzeichner einer Fragestellung, die zeitgleich mit der spektakulären Eröffnung des Museums der Louis-Vuitton-Stiftung vor einem Jahr im Pariser „Bois de Boulogne“ veröffentlicht wurde. In dem Schreiben ging es, genau wie bei der Diskussion gestern Abend, um das genaue Definieren – vielleicht auch die Einschränkung – der Arbeiten privater Sammler und öffentlicher Einrichtungen im Bereich der Kunst. So gesehen war das Gespräch zwischen den beiden Kunstexperten eher ein Gedankenaustausch als eine echte Konfrontierung.
Kunst als Luxus?
„Ist Kunst künftig nur mehr ein Luxusprodukt?“, hatten die Unterzeichner der Protestschrift vor einem Jahr gefragt. Vom Schriftsteller Pierre Alferi bis zu seinem Kollegen Laurent Zimmermann hatten sich unzählige Persönlichkeiten, die in Frankreichs Kunst-Intelligenzija Rang und Namen haben, dieser Fragestellung angeschlossen.
Sie wollten sich selbst dabei nicht schönreden. „Wir haben alle schon an Kundgebungen teilgenommen, die von privaten Stiftungen ausgerichtet wurden“, heißt es in dem Schreiben (das auf www.sitaudis.fr nachzulesen ist).
Vom Mäzen zum Geschäftsmann
„Es gab Zeiten, in denen große Mäzenen die Kunst unterstützten – was mit einer bescheidenen Benennung oder einer Plakette am Kunstwerk anerkannt wurde. Doch heute ist es anders. Unsere Zeit liebt spektakuläre Ankündigungen, große Feste, riesige Werbeplakate. Man unterstützt keinen Artisten mehr und hält sich dabei selbst im Hintergrund. Man gibt ihm vielmehr den Auftrag, eine Boutique in Paris, Tokio oder Schanghai zu dekorieren und vermischt dann seine Werke mit den Taschen, Kleidern oder Accessoires, die die Finanzierung des Auftrags möglich machten.“
Die Luxusboutiquen verstehen sich heute als Kunst-Plattformen und gehen davon aus, dass ihre Waren Kunst und die Kunstwerke käufliche Waren sind, heißt es weiter. Diese Botschaft werde von der Presse unterstützt, weil sie dem Druck ihrer Werbekunden ausgeliefert sei! Die Welt der Kunst geht hart mit der aktuellen Situation ins Gericht.
Finanzierungen sind notwendig
„Auch wir müssen das Geld finden, mit dem wir unsere Politik finanzieren“, erklärt Enrico Lunghi, dessen – im staatlichen Budget vorgesehene – Zuwendung in den letzten Jahren nicht gewachsen ist. Eine Tatsache, mit der auch die anderen Direktoren staatlicher Museen konfrontiert werden.
Die Eröffnung des Museums der Vuitton-Stiftung habe die Lage allerdings verschärft. „Das Museum hat viel mehr Geld und – bedingt durch die Luxusmarke – viel mehr Platz in der Presse als die klassischen öffentlichen Einrichtungen“, moniert der Luxemburger und meldet seine Zweifel an dem Versprechen an, den spektakulären Bau des amerikanischen Architekten Frank Gehry in 50 Jahren der Stadt Paris zu schenken. „Dann werden die Reparaturen anfangen“, ironisiert Lunghi. Nicht zuletzt erhitzt die Frage nach der Herkunft des Geldes, mit dem die Kunstsammlungen finanziert werden, die Gemüter: „Werden sie mit Kapital bezahlt, das an den Steuern vorbeifloss? Mit Geldern, die durch Arbeit in Drittländern verdient wurde? Mit der Hilfe der öffentlichen Einrichtungen?“
Anspruchsvollerer Auftrag
Auch mit dem Wert der gezeigten Kollektionen kann sich Lunghi nicht anfreunden. „Private Sammler kaufen und zeigen, was immer sie wollen. Öffentliche Einrichtungen wie das Mudam haben einen weitaus anspruchsvolleren Auftrag. Wenn sie diesem nicht nachkommen können, weil sie nicht die gleichen Gelder haben wie die privaten Stiftungen, entsteht eine sehr ungesunde Verzerrung.“
Auf einer weitaus bescheideneren Ebene steht Enrico Lunghi hierzulande vor einem ähnlichen Dilemma: Die privaten Sammler, die alle zwei Jahre im Rahmen von „Art auf Kirchberg“ ihre Kunstwerke zugänglich machen, werfen dem Museum mitunter seine zurückhaltende Mitarbeit vor. „Es gibt einen Unterschied zwischen dieser punktuellen Aktion und unserer Arbeit. Wir müssen ‚Art auf Kirchberg‘ an 365 Tagen im Jahr in die Schlagzeilen bringen.“
Auch interessant:
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können