Donnerstag22. Januar 2026

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Viel Sonne und überragende Deichkinder

Viel Sonne und überragende Deichkinder
(Tania Feller)

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Die 11. Auflage des beliebten luxemburgischen Musikfestivals Rock-A-Field stand unter der Obhut des Wettergottes.

Der hatte nach wochenlangem herbstlichem Wetter rechtzeitig ein Einsehen. Pünktlich zum Festivalstart am Samstag kehrte endlich der Sommer zurück. Statt mit Nässe und einer Schlammwüste hatten die Veranstalter und Besucher unverhoffter Weise mit Hitze zu kämpfen.

Die Erleichterung über den Wetterumschwung war allen Festivalmitarbeitern anzumerken. Schließlich hatten in den vergangenen Wochen einige andere Festivals dermaßen mit Unwettern zu kämpfen, dass sie teils unter- oder gar abgebrochen werden mussten (siehe Rock Am Ring, Hurricane und Southside). Bei diesen Meldungen wurden sofort Erinnerungen an das erste Rock-A-Field anno 2006 wach, als ein Hagelsturm übers Festivalgelände niederging und fast zum Abbruch führte.

Rock-A-Field 2016 begann am Samstagnachmittag mit viel HipHop. Der luxemburgische Rapper Tomekk machte den Anfang. Nach einem kurzen Indiepop-Intermezzo von Tuys ging es mit dem US-Rapper Tyler, The Creator weiter. Nach der einheimischen HipHop-Formation Freshdax betraten Ghinzu die große Bühne. Leider aber hatte die aus Brüssel stammende Band beim sehr jungen Publikum kaum gute Karten. Ihr elektrifizierender Rock kam nicht so gut an wie kurz darauf der Deutsch-HipHop von Friedrich Kautz alias Prinz Pi. Der Berliner Rapper, unterstützt von einem Keyboarder, einem Gitarristen und einem DJ, brachte mit seiner Rap-Rock-Melange „Weiße Tapete/Minimum“ die Menge vor der kleinen Bühne erstmals in Ekstase.

Große Erwartungen waren mit dem Auftritt der angesagten britischen Metalcore-Band Bring Me The Horizon verbunden. Doch die war maßlos enttäuschend. Die harten Passagen ihrer Songs waren so gar nicht effektvoll und die leiseren, poppigeren Passagen ein Totalausfall. Das Gehabe auf der Bühne wirkte obendrein extrem aufgesetzt und albern. Das war nichts.

Eletro Swing

Der stilistische Wechsel hätte jetzt nicht radikaler sein können: Parov Stelar, der österreichische Pionier des noch jungfräulichen Genres Electro Swing, sendete mit seiner Begleitband und seiner grazilen Sängerin sehr ansteckende Rhythmen übers Gelände, die grob als Matt-Bianco-trifft-Daft-Punk umschrieben werden können. Mit Erfolg: Sogleich wurde getanzt, sich umarmt (gar geküsst) und die angenehm positive Musik genossen.

In allen Belangen positiv war die Show von Deichkind. Sie waren, dem unangefochtenen Headliner am Samstag. Schon nach einem Song hatten die Hamburger Electro-Disco-Rap-Wahnsinnigen die Fans im Griff. Sie boten über 90 Minuten alles, was sie in ihrem Showzauberkasten mitgebracht hatten. Sie surften auf ihrem obligatorischen Fass durch die Menge („Roll das Fass rein“), wechselten zigmal die Kostüme, hantierten mit einer Feuerwehrsirene, mobilen Nebelkanonen, einem motorisierten Rollstuhl, einer in Neonfarben blinkenden Sonnenbank, hüpften auf mobilen Bühnenaufbauten herum und schwenkten eine Fahne mit der Aufschrift „No Sexism. No Racism.“. Denn neben all dem irrsinnigen Spaß stehen Deichkind auch für Toleranz, die in diesen Tagen leider viel zu oft viel zu kurz kommt.

Der Sonntag begann abwechslungsreicher als der Vortag: mit angenehm beseeltem Indiepop von When ’Airy Met Fairy, dem jedoch nur geschätzte 100 Besucher beiwohnten, Electro-Folkpop von Broken Back, der leider so klang wie der von vielen anderen jungen zeitgemäßen Künstlern, und kurzweiligem Electropop (Oh Wonder).

Danach standen Bilderbuch auf der Hauptbühne. Die aus Wien stammende Band um den quierligen Sänger und Gitarrist Maurice Ernst servierte einen vielschichtigen, kaum zu definierenden Stilmix, in dessen Zentrum Indierock stand, der aber noch so viel mehr zu bieten hatte.

Danach ging es mit den famosen Madonna-Lieblingen Gogol Bordello, The1975, den Indierock-Ikonen Pixies und natürlich dem Public Viewing des EM-Finales zwischen Frankreich und Portugal weiter. Ein ereignisreicher zweiter Festivaltag.