Das Ozonloch, das sich jährlich über der Antarktis öffnet, gibt in diesem Jahr erstmals seit Langem wieder Grund zur Besorgnis: So deuten Satellitendaten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) darauf hin, dass sich das Loch bereits jetzt im August gebildet hat und damit deutlich früher als bisher.
„Im Moment ist das Loch zwar noch nicht groß“, sagte Martin Jucker, ein Klimaforscher der University of New South Wales in Sydney. „Beunruhigend ist jedoch, dass es schon jetzt beginnt, sich zu bilden.“ Normalerweise startet der Prozess nicht vor Ende September und erreicht seinen Höhepunkt im Oktober, bevor sich das Loch im November oder Dezember wieder schließt. Die derzeitigen Vorgänge deuten nach Jucker darauf hin, dass das Loch bis November und Dezember vermutlich deutlich größer als in den vergangenen Jahren sein wird. „Dies katapultiert uns für dieses Jahr direkt in die 1980er-Jahre zurück“, meinte der in der Schweiz geborene Wissenschaftler.
Vulkanausbruch als Sündenbock
Damals hatten Forscher festgestellt, dass die schützende Ozonschicht über dem Nord- und Südpol immer dünner wurde. Dadurch traf immer mehr schädliche UV-Strahlung auf die Erdoberfläche. Als sich herausstellte, dass einer der Hauptverursacher dieses Ozonlochs die Fluorchlorkohlenwasserstoffe – kurz FCKWs – waren, die man in Spraydosen und Kühlmitteln verwendete, einigte man sich 1987 auf ein weltweites Umweltabkommen, das sogenannte Montreal-Protokoll. Die FCKWs wurden durch andere Stoffe ersetzt und die Ozonschicht erholte sich eigentlich wieder.
Im anstehenden Sommer auf der Südhalbkugel werden die Menschen nun aber wieder deutlich vorsichtiger sein müssen, da die UV-Strahlung voraussichtlich wieder deutlich intensiver sein wird. Grund für die frühe Bildung des Ozonlochs ist laut dem Klimaforscher der Ausbruch des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha’apai. Die Eruption des Unterwasservulkans vor Tonga im Januar 2022 war die größte Explosion seit 1883 gewesen, als ein Vulkanausbruch die indonesische Insel Krakatau in die Luft sprengte. Die Eruption in Tonga schleuderte eine große Menge Wasserdampf in die Stratosphäre und hat damit dazu beigetragen, dünne Eiswolken zu produzieren, auf deren Eispartikeln sich ozonzerstörende Moleküle ansammeln. Dies wird sich laut Jucker zwar „bis Ende der Dekade wieder normalisieren“ – doch zurzeit komme diese Belastung zum Klimawandel noch hinzu.
Ein 7,5-Millionen-Jahre-Winter
Ein größeres Ozonloch bedeutet aber auch, dass mehr Sonnenlicht die Erde erreicht und damit auch die Meere weiter aufgeheizt werden. Jucker fürchtet, dass deswegen auch das Meereis in der Antarktis weiter schmelzen könnte, das ohnehin bereits einen Tiefstand erreicht hat. Nachdem die Wissenschaft bereits Anfang des Jahres Alarm geschlagen hatte, rissen die Hiobsbotschaften auch im derzeitigen Winter auf der Südhalbkugel nicht ab. „In diesem Winter bildet sich das Meereis viel langsamer als normal“, mahnte der physikalische Ozeanograph Edward Doddridge, der unter anderem für die Universität von Tasmanien arbeitet, bereits Ende Juli an. Dies bedeute, dass rund zwei Millionen Quadratkilometer weniger Meereis vorhanden seien als normal in dieser Jahreszeit. „Ohne den Klimawandel würden wir erwarten, dass ein Winter wie dieser alle 7,5 Millionen Jahre einmal vorkommt“, sagte der Forscher.
Dem Meereis kommt eine wichtige Bedeutung zu, da es normalerweise das Schelfeis auf ähnliche Weise stabilisiert wie das Schelfeis die glaziale Eisdecke an Land stabilisiert. Weniger Meereis macht die Eisschelfe anfällig für Wellen und andere atmosphärische Einflüsse. Würde beispielsweise der westantarktische Eisschild vollständig abschmelzen, so würde dies zu einem globalen Meeresspiegelanstieg von über drei Metern führen.
Ein wichtiger Klimafaktor
Außerdem ist Meereis ein entscheidender Bestandteil des Klimasystems. Der jährliche Zyklus von Schmelzen und Gefrieren treibt wichtige Strömungen: Während dieses Wasser von der Antarktis nach Norden fließt, nimmt es Nährstoffe auf, die die Ökosysteme der Ozeane auf der ganzen Welt unterstützen. Bereits im April kam eine australische Studie zu dem Schluss, dass sich die Meeresströmungen in der Tiefsee um die Antarktis durch das Abschmelzen des Meereises in den nächsten drei Jahrzehnten um mehr als 40 Prozent verlangsamen könnten. Es wäre sogar möglich, dass sie völlig zusammenbrechen.
Meereis reflektiert zudem Sonnenlicht und Wärme zurück in den Weltraum. „Wenn also weniger Eis vorhanden ist, absorbiert der Ozean mehr Wärme“, erklärte Doddridge. Über das Meer werde diese Wärme dann um die Welt transportiert und die globale Erwärmung damit beschleunigt. Meereis ist aber auch ein wichtiger Lebensraum für viele Arten, die in und um die Antarktis leben. Vor allem die Folgen für den Krill, kleine garnelenähnliche Krebstiere, die auf Algen angewiesen sind, die im Winter auf der Unterseite des Meereises wachsen, sind bisher unbekannt. Krill ist wiederum ein wichtiger Nahrungsbestandteil für viele andere Tierarten wie die Wale beispielsweise. Auch die Auswirkungen auf Spezies wie Pinguine und Robben, die auf Meereis angewiesen sind, sind bisher schwer abzuschätzen. Einige Pinguinarten wären unter solchen Bedingungen auf alle Fälle vom Aussterben bedroht.
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