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Zweiter WeltkriegAuf den Wegen des Widerstands: Wie Fluchthelfer Menschen aus Luxemburg schafften 

Zweiter Weltkrieg / Auf den Wegen des Widerstands: Wie Fluchthelfer Menschen aus Luxemburg schafften 
Die Fluchthelfer und ihre Begleiter mussten gefährliche Wege auf sich nehmen. An jeder Ecke konnten Gefahren lauern.  Foto: Editpress

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Eine Erzählung von Zusammenhalt, Mut, Resilienz und Leid. Der Zweite Weltkrieg und das nationalsozialistische Joch verleiteten einige Luxemburger zu gefährlichen Hilfsmissionen. Sie halfen Alliierten, Kriegsdienstverweigerern und Geflüchteten über die Grenze in sicherere Gebiete und setzten dabei alles aufs Spiel: Familie, Freunde und schließlich auch ihr eigenes Leben. Eine Wanderung auf den Wegen, die die Fluchthelfer von damals eingeschlagen hatten.

Ein lauwarmer Sonntagmorgen. Von jung bis alt versammeln sich Menschen vor dem Ulflinger Bahnhof. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter. Nach kurzen Kennenlerngesprächen ergreift Touristenführerin Germaine Kiefer das Wort und beginnt erste Informationen zum Ablauf der bevorstehenden Wanderung und den historischen Hintergründen zu geben. Sie erzählt von dem deutschen Angriff auf Luxemburg im Mai 1940, von der nationalsozialistischen Zivilverwaltung unter Gauleiter Gustav Simon und den ersten Funken an Resistenz im Land. Dann geht’s los. Die Gruppe begibt sich in gemächlichem Tempo auf den gepflasterten Weg hinauf in Richtung der Felder und des Biwischer Walds.

Ganz so gelassen und friedvoll dürfte die Wanderung im hohen Norden Luxemburgs am 20. April 1944 nicht verlaufen sein. Im Schutz der Nacht beschreiten 15 bis 20 junge Männer den damals gefährlichen und lebensbedrohlichen Pfad in Richtung des nahegelegenen Belgien. Ein Großteil flüchtet vor dem Zwang, für ein Land kämpfen zu müssen, das die eigene Heimat seit dem 1. Mai 1940 terrorisiert und gefangen hält.

Aloyse Kremer ist einer dieser Refraktäre. Der junge Mann, geboren 1923, aus dem nahegelegenen Dorf Biwisch erhält 1943 den „Stellungsbefehl“ und soll in die Wehrmacht eingezogen werden. Er verweigert allerdings den Befehl und beschließt, in Belgien auf einem kleinen Bauernhof unterzutauchen. Das Nachbarland stand, anders als Luxemburg, unter deutscher Militärverwaltung, was es vielen Flüchtigen einfacherer machte, unterzutauchen. Kremer will die Willkür und den Terror der nationalsozialistischen Besetzung aber nicht über sich und seine Heimat ergehen lassen und beschließt, aktiv zu werden.

Der Widerstand im Norden Luxemburgs formiert sich

Fluchtwege in Luxemburg

Widerständler organisierten nicht nur im Norden Fluchtwege für Refraktäre und Kriegsgefangene. Auch im Süden und im Westen des Landes wurden Fluchtlinien nach Frankreich und Belgien eingerichtet.
So beispielsweise in Differdingen, wo vor allem die Leistungen der Gebrüder Joly und Edmond Kemp hervorzuheben sind, oder in Perl, wo die Gebrüder Tompers lange Zeit erfolgreich agierten. 

Dabei steht Aloyse nicht alleine: Auch Batty Mutsch aus Asselborn und Pierre Kergen aus Sassel, beide zu diesem Zeitpunkt zu alt für den Wehrdienst, schließen sich ihm an. Ihr Plan: So viele Luxemburger wie möglich über die belgische Grenze in Sicherheit bringen. Ein brandgefährliches Unterfangen, denn auch im Norden des Landes patrouillieren regelmäßig deutsche Soldaten auf den großen Waldwegen und führen Razzien durch. Deshalb gilt es, schnell, organisiert und vor allem geräuschlos zu sein. Mutsch, Kergen und Kremer kennen sich im Wald und seiner Umgebung aus wie in ihrer Westentasche. Die Flüchtlinge erhalten eine belgische Identität und sollen als „Knechte“ auf belgischen Bauernhöfen arbeiten. Die benötigten Ausweise, wie auch Briefe und Unterlagen, tragen die „Schleuser“ in ihren Socken. 

V.l.n.r.: Eugène und Aloyse Kremer, Pierre Schon (Doenningen), Edgar Michaud (kanadischer Flieger), Pierre Kergen, Ferd Hansen (Flüchtling aus Clerf), Alain Best (englischer Flieger), Ronald Dawson (englischer Flieger) und Batty Mutsch. Foto aufgenommen am 12. Juni 1944: Auf dem Bahnhof Limerlé (Belgien) treffen die Fluchthelfer auf alliierte Flieger.
V.l.n.r.: Eugène und Aloyse Kremer, Pierre Schon (Doenningen), Edgar Michaud (kanadischer Flieger), Pierre Kergen, Ferd Hansen (Flüchtling aus Clerf), Alain Best (englischer Flieger), Ronald Dawson (englischer Flieger) und Batty Mutsch. Foto aufgenommen am 12. Juni 1944: Auf dem Bahnhof Limerlé (Belgien) treffen die Fluchthelfer auf alliierte Flieger. Foto: Volker Teuschler/Naturpark Our

Die kleine Gruppe vom Sonntagmorgen 2022 schlendert derweil gemächlich den teils asphaltierten, beschilderten Wanderweg hinauf. Es wird geduldig auf Nachzügler gewartet und untereinander geschwatzt. An ausgewählten Stellen folgen spannende Vorträge, kurze Pausen und ein erfrischender Schluck von den mitgebrachten Kaltgetränken. „Nur ein Teil des Themenweges verläuft auf dem ursprünglichen Fluchtweg“, erklärt Germaine Kiefer. „Verschiedene Abschnitte können nicht beschritten werden, da einige Stellen im Privatbesitz sind.“ Dann halt weiter auf der vorgezeichneten Strecke.

„Sentiers des passeurs“

Das Projekt „Sentiers des passeurs“ wurde im Jahr 2006 ins Leben gerufen. Verschiedene Organisationen, unter anderem „Naturpark Our“ und die Gemeinde Ulflingen, waren an der Konzeption und Umsetzung beteiligt.
Wanderfreunde können die Geschichte der Luxemburger Fluchthelfer im Zweiten Weltkrieg auf zwei Rundwegen miterleben. Die nördliche Schleife führt vom Bahnhof Ulflingen bis kurz vor die belgische Ortschaft Limerlé und ist zwölf Kilometer lang. Die südliche Strecke ist nur zehn Kilometer lang und führt durch die Dörfer Sassel und Asselborn. 
Der Naturpark Our bietet zudem jedes Jahr geführte Touren an. Ein letzter Termin für das Jahr 2022 ist am 28. August. Mehr Informationen finden sich auf der Internetseite des Naturparks Our.

Insgesamt dreimal verläuft das Unterfangen der Fluchthelfer in den Zeiten der Besatzung tadellos. Nicht nur Luxemburger schleusen sie nach Belgien, sondern auch alliierte Fallschirmjäger, die von ihrem Trupp getrennt worden waren und jetzt zu ihren Kameraden zurückgelangen wollen. Ihre Routen führen größtenteils durch den schützenden Wald. Vor allem bei der Überquerung der Eisenbahngleise wie auch an kleineren Kreuzungen müssen die Helfer und ihr Anhang besonders aufpassen, da immer mit Patrouillen von Wehrmachtssoldaten zu rechnen ist. Nicht zuletzt stellt auch der eigentliche Grenzübergang einen gefährlichen Moment dar. Die Schieferplatte, die heute über den kleinen Bach führt, ist nämlich noch nicht angebracht. Stattdessen müssen die Flüchtigen durch einen Sumpf und Wasser waten – im Stockdunkeln! Nach dem beschwerlichen Marsch gelangen sie schließlich zu einem kleinen Bauernhof, der „Maison Roche“, wo sie mit offenen Armen und einer Tasse Chicorée Kaffee empfangen werden. Aloyse selbst gerät nach den drei Operationen allerdings auch immer mehr in das Blickfeld des Feindes.

Das Schicksal von Aloyse Kremer

Seit der Flucht von Aloyse nach Belgien wird sein Geburtshaus in Biwisch überwacht und als „deutschfeindlich“ gebrandmarkt. Als sein Bruder Eugène ebenfalls eingezogen werden soll, beschließt er Vorbereitungen für dessen Flucht einzuleiten und will Unterlagen, Briefe und Geld über die Grenze bringen. Doch das schlimmste Szenario tritt ein: Aloyse begegnet zwei Wehrmachtssoldaten, die ihn kontrollieren wollen. In höchster Not und unter Gewehrfeuer läuft er weg und schafft es noch, sich den Unterlagen und Briefen in einem Feld zu entledigen, bevor er schließlich geschnappt wird. Glücklicherweise können einige seiner Mitstreiter alles noch vor den Wehrmachtssoldaten wiederfinden. Unverzüglich wird Aloyse in die Villa Pauly in Luxemburg-Stadt gebracht, wo er von der Gestapo gefoltert und verhört wird. Als er seine Beteiligung an den Operationen der Fluchthelfer leugnet, wird er vor das Reichskriegsgericht in Torgau gebracht und dort zum Tode verurteilt. Er wird am 15. Februar 1945 hingerichtet. 

Porträtaufnahme von Aloyse Kremer 
Porträtaufnahme von Aloyse Kremer  Foto: Naturpark Our

Anekdoten und Geschichten wie diese werden von der Touristenführerin an die gespannt zuhörenden Wanderer weitergegeben. Vereinzelte Fragen tropfen herein und werden mit viel Geduld und Details beantwortet. Langsam steuert die Gruppe dem Ende des Rundgangs entgegen. Der führt zum Schluss in das Heimatdorf von Aloyse: Biwisch. In diesem kleinen, beschaulichen Ort lebt bis heute die Erinnerung an den mutigen Resistenzler in Form eines Denkmals weiter. Den Teilnehmern wird allerdings anhand des Monuments klar, dass die Festnahme von Aloyse auch desaströse Folgen für den Rest seiner Familie hatte. Seine Mutter Anna und seine Schwester Lina werden ebenfalls festgenommen und werden in das Sonderkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Lina überlebt diese grausame Zeit und wird nach einem kurzen Aufenthalt im KZ Bergen-Belsen von alliierten Soldaten befreit. Die Mutter allerdings verstirbt noch in Ravensbrück.

Es fällt schwer, sich in die Situation dieser aufopferungsvollen Menschen hineinzuversetzen. Die Angst und Zweifel zu begreifen, die viele von ihnen tagtäglich mit sich tragen mussten und sich dennoch dazu entschieden, nicht aufzugeben und sich zu wehren. Mit Initiativen wie den „Sentiers des passeurs“ lebt ihre Geschichte und die Erinnerung an sie weiter.

schreurs.gilles
5. September 2022 - 22.14

Guten Tag Herr Hottua, wie ich es verstanden habe, wurden bei einer Militärverwaltung, anders als bei der Zivilverwaltung, alle lokalen Behörden und Verwaltungsebenen im besetzten Land so wie vorher belassen. Ich denke, dass es so einfacher war, den Flüchtlingen belgische Identitäten zu verschaffen/diese unbeachtet zu integrieren. Ja, die belgischen Behörden wurden natürlich auch von der deutschen Verwaltung überwacht. Bezeichnend ist jedoch, dass Von Falkenhausens Regime im Juli 1944 von Hitler abgeschafft und durch eine Zivilverwaltung ersetzt wurde, weil sie als "zu schwach" eingeschätzt wurde. Ob jemand Kremer verraten haben könnte, weiss ich leider nicht. Vielleicht finden Sie dazu etwas in Pierre Kergens Werk von 2002 "Kriegserinnerungen eines Öslinger Resistenzlers". MfG, Gilles Schreurs

Robert Hottua
28. August 2022 - 6.48

Guten Tag Herr Schreurs, wieso hat die Tatsache, dass Belgien unter deutscher Militärverwaltung stand, den luxemburgischen Flüchtlingen einen Vorteil beim Untertauchen verschafft? Gibt es Hinweise darauf, dass Herr Aloyse Kremer verraten wurde? MfG Robert Hottua