Bob Jungels geht am Sonntag bei der Ronde van Vlaanderen als Mitfavorit an den Start. Noch nie hat ein Luxemburger dieses Rennen gewonnen. Mit Alex Kirsch ist ein zweiter Fahrer aus dem Großherzogtum dabei. Der verletzte Jempy Drucker muss passen. Potenzielle Anwärter auf das oberste Treppchen gibt es so viele wie schon lange nicht mehr.

Von unserem Korrespondenten Petz Lahure

Nach dem Erfolg von Matthieu Van der Poel bei Dwars door Vlaanderen darf man sich zu Recht fragen, ob der junge Holländer imstande ist, auch bei der „Ronde van Vlaanderen“ in die Fußstapfen seines Vaters Adrie zu treten. Van der Poel senior, Schwiegersohn von Raymond Poulidor, gewann das Rennen in den „flämischen Ardennen“ im Jahre 1986 im Sprint einer Vierergruppe vor dem Iren Sean Kelly, dem Belgier Jean-Philippe Vandenbrande und dem Kanadier Steve Bauer.

Ganze 32 Jahre mussten die Niederländer warten, bis mit Niki Terpstra wieder einer ihrer Landsleute seinen Namen ins Palmarès des schönsten und populärsten belgischen Rennens eintrug. Das war vor 12 Monaten. Damals fing Terpstra im dritten Anstieg des Oude Kwaremont zuerst die vorne liegenden Ausreißer Mads Pedersen, Dylan van Baarle und Sebastian Langeveld ein. Dann zog er allein Richtung Ziel in Oudenaarde, während hinter ihm seine Mannschaftskollegen Philippe Gilbert (später Platz 3) und Zdenek Stybar (10.) die Flucht abschirmten. Und zwar so gut, dass auch einem wie Peter Sagan schnell die Lust verging, es im steifen Gegenwind auf eigene Faust zu versuchen.

Qualität der Mannschaft

„Wir hatten geplant, uns bis 60 km vor dem Ziel in keine Fluchtgruppe zu mischen und das Tempo im Feld hoch zu halten“, sagte Quick Steps sportlicher Leiter Wilfried Peeters. „Das ist uns gelungen. Im Peloton sorgten Tim Declercq, Iljo Keisse und Florian Sénéchal anfangs für die ‘Pace’, danach hielten unsere Leader die Mitfavoriten an der Leine. Am Ende setzte sich der stärkste Fahrer durch.“

Terpstra, der Ende der Saison zum französischen Rennstall Direct Energie wechselte, steht am Sonntag nicht mehr im Aufgebot der Belgier. Das tut aber der Qualität der Mannschaft, die seit Januar Deceuninck-Quick Step heißt, keinen Abbruch. Sie zauberte in der Person von Bob Jungels quasi über Nacht einen vollwertigen Ersatz auf die Pflastersteine, was eigentlich für diejenigen, die Jungels schon im Nachwuchsalter aufmerksam verfolgten und seine Cyclocross-Qualitäten kennen, keine Überraschung ist.

Der Luxemburger erledigte seine Arbeit denn auch über Erwarten gut. Er gewann den Halbklassiker Kuurne-Brüssel-Kuurne, war beim E-3-Preis der herausragende Fahrer und stieg vor drei Tagen bei „Dwars doors Vlaanderen“ zum ersten Mal bei einem flämischen WordlTour-Rennen als Dritter aufs Podium. Nach der Flandern-Rundfahrt wird sich Jungels in ein Höhentrainingslager begeben, um den Giro d’Italia vorzubereiten. Der Sieger von Liège-Bastogne-Liège vom vergangenen Jahr verzichtet somit auf eine Teilnahme an den Ardennenklassikern.

Alle gegen Deceuninck

Genau wie der Sieger vom Mittwoch, Matthieu van der Poel, muss Jungels demnach zu den Favoriten der Ronde gezählt werden. In seinem Team aber wimmelt es nur so von Anwärtern auf einen Platz auf dem obersten Treppchen, angefangen beim E3-Sieger Zdenek Stybar über den (gesundheitlich angeschlagenen?) Gewinner von 2017 Philippe Gilbert bis zum belgischen Meister Yves Lampaert. Ihn schickt die Deceuninck-Mannschaft als theoretischen Leader ins Rennen. Damit will sie in erster Linie die aussichtsreichsten Gegner wie Peter Sagan (Sieger 2016), Alexander Kristoff (Gewinner 2015), Greg van Avermaet, Wout van Aert, Olivier Naesen, John Degenkolb … oder Alejandro Valverde (der seine erste Ronde bestreitet) verunsichern.

Das Rennen beginnt zum dritten Mal hintereinander auf dem „Steenplein“ in Antwerpen. Nach 19 Starts in Brügge schloss der Organisator 2017 einen fünf Jahre laufenden Vertrag mit Antwerpen ab. Auch trugen die Verantwortlichen den Beschwerden vieler Zuschauer Rechnung und bauten die „Muur-Kapelmuur“ („Mur de Grammont“) in die Strecke ein. Von dort aber bleiben noch fast 100 km zu fahren. Das Finale in den „flämischen Ardennen“ wird mit dem Koppenberg 46 Kilometer vor dem Ziel eröffnet.

Danach folgen in kurzen Abständen Steenbeekdries (40 km vor dem Ziel), Taaienberg (38 km), Kruisberg (27 km), Oude Kwaremont (17 km) sowie der Paterberg, dessen Scheitel rund 14 km vor der Ankunft in Oudenaarde liegt. Insgesamt warten 17 Anstiege (Hellingen) und fünf Kopfsteinpflasterabschnitte (Kasseien) auf die Konkurrenten. Auf den letzten 150 km muss der Paterberg zweimal, der Oude Kwaremont gar dreimal erstiegen werden.
Neben Bob Jungels ist mit Alex Kirsch (Trek Segafredo) ein zweiter Luxemburger am Start. Jempy Drucker aber, der seine neunte Ronde plante, muss nach dem schweren Sturz vom Mittwoch (Halswirbelbruch) auf Genesung warten.


Majerus zum neunten Mal bei der „Ronde“

Parallel zum Rennen der Männer findet traditionell auch das 159,2 km lange Damenrennen der Flandern-Rundfahrt statt. Die luxemburgische Sportlerin des Jahres, Christine Majerus, nimmt am Sonntag bereits zum neunten Mal an dem Klassiker teil.

Majerus leistete schon seit ihrem Amtsantritt bei Boels-Dolmans 2014 Jahr für Jahr wertvolle Helferdienste, die ihre Leaderinnen denn auch in Resultate umzusetzen wussten. 2014 und 2018 feierte ihr Team jeweils einen Doppelsieg, 2016 sprangen die Plätze 1 und 3 heraus und 2017 Rang 3. Majerus’ bestes Ergebnis stammt aus dem Jahr 2012, als sie für GSD Gestion fuhr und 8. wurde. Dieses Jahr hatte Majerus einen schwierigen Saisoneinstand. Beim Omloop het Nieuwsblad stürzte sie und musste das Rennen aufgeben. Seit der Nokere Koerse am 20. März hat sie ihre Form wiedergefunden und ist somit für ihr Team wieder zu einer unverzichtbaren Stütze geworden.


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