Unter Khalid Alqawati hat Bob Bertemes bereits einen großen Leistungssprung gemacht. Der Iraker, der ebenfalls schon mit Kugelstoß-Weltmeister Tom Walsh zusammen- arbeitete, riet dem Luxemburger vor 18 Monaten zu einer neuen Technik. Dies mit Erfolg. Und Bertemes’ Potenzial ist seiner Meinung nach noch lange nicht ausgeschöpft.

Tageblatt: Herr Alqawati, welchen Eindruck hatten Sie von Bob nach Ihrer ersten Trainingseinheit?

Khalid Alqawati: Ich musste mir zuerst ein Bild verschaffen, wie es um seine Technik, Beweglichkeit und Kraft steht. Nach dem Training aber wusste ich, dass großes Potenzial in ihm schlummert. Wir mussten uns zunächst entscheiden, ob wir die Angleittechnik beibehalten oder zum Drehstoß übergehen sollten. Ich machte ihm den Vorschlag, die Drehstoßtechnik auszuprobieren.

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Wie hat er darauf reagiert?

Zuerst war es komisch für ihn. Er sagte mir, er habe mit dem Angleiten über 20 m gestoßen und sei auch sehr erfolgreich damit gewesen. Ich redete aber auf ihn ein und erklärte ihm, dass er keine Angst vor dieser neuen Technik haben sollte und dass das Umsetzen ein wenig Zeit in Anspruch nehmen würde. Nach drei Wochen aber wollte er wieder zu seiner alten Methode zurückkehren. Als Trainer habe ich ihm diese Idee nicht ausreden wollen. Doch als wir es wieder damit versuchten, passte es nicht mehr, sodass er sich schließlich doch für den Drehstoß entschied. Diese Technik kommt seinen Fähigkeiten mehr entgegen.

Vor Ihrer Zusammenarbeit steckte Ihr Schützling in keiner so guten Phase …

Bob befand sich in einem kleinen Down. Er musste einige Niederlagen einstecken. Zu dieser Zeit war er mental etwas angeschlagen, sodass ich auch als „mental coach“ in die Bresche springen musste. Ich brauche einen starken Athleten im Wettkampf, der mit Drucksituationen umgehen kann. In diesem Bereich hat er schon so einige Fortschritte gemacht. Eine gute Leistung im Training muss der Athlet auch im Wettbewerb umsetzen können. Ich kann auch Niederlagen akzeptieren, denn diese gehören zur Entwicklung eines Siegertypen dazu.

Wie würden Sie sich selbst als Trainer beschreiben?

Ich bin der Typ Trainer, der viel auf den Athleten eingeht. Ich glaube auch, dass die Kooperation zwischen einem Trainer und seinem Schützling nicht nur aus einem Trainingsprogramm besteht. Es steckt viel mehr dahinter. Ein guter sozialer Umgang, die Arbeit auf mentaler Ebene und sein näheres Umfeld zählen für mich ebenfalls dazu. Alle diese Faktoren muss ich als Coach berücksichtigen, um verstehen zu können, wie auch der Mensch Bertemes tickt.

Nehmen Sie Hilfe von anderen Experten in Anspruch?

Zu kleinen Teilen schon. Im Allgemeinen arbeite ich allein. Ich mag es, meine Pläne selbst zu gestalten. Aber in verschiedenen Bereichen wie Koordination gebe ich die Verantwortung an jemanden aus meiner Gruppe in Mannheim weiter. Wir ziehen aber alle an einem Strang, um den Athleten zu verbessern. Aber es wird nichts unternommen, ohne dass dies vorher mit mir abgesprochen wurde. Außerdem mache ich mir immer selbst ein Bild darüber, wie der jeweilige Betreuer mit meinem Schützling arbeitet. Sogar bei den physiotherapeutischen Behandlungen habe ich meine Hände bei der Planung mit im Spiel. So kann ich das Training besser anpassen.

Während des Wettkampfs geben Sie nach jedem Wurf Bob neue Ratschläge mit auf den Weg. Was sind das für Tipps?

Das ist ganz unterschiedlich. In der Qualifikation waren es eher technische Korrekturen. Diese Tipps konnte Bob gleich richtig umsetzen. Das habe ich auch im Finale versucht, doch hier waren die Rahmenbedingungen ganz andere. Ich wollte ihm seine Anspannung etwas nehmen. Es fielen mir einige technische Fehler auf, aber zu diesem Moment bringt es nichts, ihn mit zu vielen Ratschlägen zu überfallen. Hier muss man Fingerspitzengefühl beweisen. Deshalb versuchte ich, ihm in einem freundlichen Ton zu erklären, wo er die eine oder andere Verbesserung vornehmen könnte, ohne ihn neben dem ganzen Wettbewerbsstress noch zusätzlich unter Druck zu setzen.

In welchen Punkten muss Ihr Schützling noch zulegen?

Es gibt bei der Drehstoßtechnik eine Übergangsphase zwischen der Eindrehungs- und der Ausstoßphase. Diese bereitet ihm zurzeit noch Probleme. Der Oberkörper ist zu aktiv und die Beinarbeit zu langsam. Das Gute dabei ist, dass man dies durch viel Training in den Griff bekommen kann. Drei Jahre braucht es normalerweise, um die Drehstoßtechnik perfekt ausführen zu können. Einige Male bekommt er es schon richtig gut hin, andere Male gar nicht. Für mich wäre am Freitag eine Medaille in Reichweite gewesen, denn ich weiß, dass er sogar 21,30 m weit stoßen kann. Ich bin mir sicher, dass er diese Weite in dieser Saison noch hinbekommen wird.

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