Mit dem Karriereende von Anne-Sophie Harsch, Pit Leyder und Nicolas Kess sind dem luxemburgischen Radsport gleich drei verheißungsvolle Talente verloren gegangen. Auch in anderen Ländern ist das Dropout-Phänomen nichts Unbekanntes. In Deutschland wird schon in jungen Jahren vermehrt auf ein intensives Mentaltraining gesetzt, um frühe Karriereenden zu vermeiden.

Von Pascal Gillen

Es ist nicht einfach, festzumachen, wie viele junge Talente bereits frühzeitig ihre Karriere beenden. Fakt ist aber, dass das Dropout-Phänomen weltweit bekannt ist und auch vor sportbegeisterten Ländern wie Deutschland nicht halt macht. 5 bis 20 Prozent der Athleten sollen jährlich pro Sportart betroffen sein, hielten die Sportpsychologinnen Gaby Bußmann und Dorothee Alfermann fest. In Deutschland geht man dieses Problem seit Jahren mit unterschiedlichen Methoden an.

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Die an der Sporthochschule Köln tätige Diplompsychologin Marion Sulprizio arbeitet schon länger an dieser Thematik. „In Nordrhein-Westfalen gibt es das Projekt mentaltalent.de, das für verschiedene Kaderathleten Workshops anbietet. Es geht darum, Präventionsarbeit zu leisten. Wie kann ich gesund sportliche Leistungen abrufen, wie kann ich Sport unter Druck betreiben“, erklärt Sulprizio.

Im Grunde geht es vor allem um zwei Aspekte: Motivation und Resilienz. Letzteres bedeutet die psychische Widerstandsfähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie als Entwicklung zu nutzen. „Wenn man diese beiden Komponenten hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit für einen Dropout geringer. Betonen möchte ich aber, dass man das nie wirklich hundertprozentig verhindern kann.“

Sulprizio ist Geschäftsführerin von „MentalGestärkt“, einer Initiative, die sich vor allem auf die psychische Gesundheit der Sportler fokussiert. „Wenn sich die Sportler durch die Belastung zu stark beansprucht fühlen, kann sie das wirklich krank machen. Das kann so weit gehen, dass sie sich ausgebrannt fühlen und bis hin zu Burn-out oder Depressionen führen.“

Radsportler sind besonders anfällig

Früh erhalten die Athleten in Deutschland die Chance auf eine Eins-zu-eins-Betreuung von einem sportpsychologischen Coach. Handelt es sich um einen klinischen Fall, hilft ein Sportpsychotherapeut. „Wir wollen die Athleten frühzeitig in der Prävention stärken. Wenn der Druck groß ist, sie eine Verletzung haben oder mit einer Nominierung nicht zufrieden sind, dann sollen sie nicht gleich hinschmeißen. Hier gibt es Vorbeugungsmöglichkeiten.“
Im Allgemeinen ist keine Sportlergruppe auszumachen, in der es besonders viele Dropout-Fälle gibt. Doch Sulprizio weiß, dass gerade der Radsport aus bestimmten Gründen anfällig sein kann. „Im Radsport ist es eben so, dass schlimme Unfälle zum Denken anregen. Sportler stellen sich dann die Frage, ob ihr Tun bei einem so hohen Risiko noch Sinn ergibt.“

In dieser Saison erlagen im Profiradsport mit Giovanni Iannelli und Bjorg Lambrecht zwei 22-Jährige den Folgen ihrer Stürze nach einem Rennen. „Die Sportler brechen aufgrund eines psychologischen Abwägeprozesses ab. Sie zweifeln die Sinnhaftigkeit an ihrem Tun an. Die logische Konsequenz ist dann der Ausstieg, weil sie mit ihrem Leben nicht glücklich bzw. nicht mehr im Einklang sind.“

Es gibt viele psychologische Theorien, die einen solchen Ausstieg erklären. Oft geht es um die Bedürfnisse eines Menschen, die mit ihren Tätigkeiten befriedigt werden müssen. Werden diese mit dem Sport nicht befriedigt, führt es zu einer mangelnden Autonomie und dem oftmals damit verbundenen Dropout.

Was festzuhalten bleibt, ist, dass Dropouts aus ganz unterschiedlichen Gründen vorkommen. „Es gibt sogar Fälle, in denen der betroffene Sportler gar nicht weiß, warum er nicht mehr weitermachen will“, erklärt Sulprizio. „Im Unterbewusstsein kann er Sachen wahrgenommen haben, die ihn unglücklich machen und er gar nicht genau weiß, woran es liegt.“

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