Mit ihren erst 19 Jahren dominiert Patrizia van der Weken das nationale Geschehen im Sprint nach Strich und Faden. Die junge Athletin, die schon einige internationale Erfahrung gesammelt hat, wird an der vom 1.-3. März stattfindenden Hallen-EM in Glasgow an den Start gehen. Dort will die CAPA-Sprinterin versuchen, den Einzug ins Halbfinale zu schaffen.

Der Terminkalender von Patrizia van der Weken ist meistens prall gefüllt. Neben den vielen Trainingseinheiten und Meetings muss die Leichtathletin auch noch Zeit finden, ihren schulischen Verpflichtungen nachzugehen. In diesem Jahr geht es nämlich für die COSL-Athletin mit dem 1re-Examen um die Wurst. Viel Freizeit bleibt dem FLA-Talent demnach nicht. Aber an diese Situation hat sich die Schülerin des Sportlycée mittlerweile gewöhnt.
Seit 7e kombiniert sie nämlich Schule und Sport. Ihre große Leidenschaft zur Leichtathletik hatte die CAPA-Läuferin aber schon viel früher entdeckt. Seit 2005 kommt für die mittlerweile 19-Jährige kein anderer Sport infrage. „Die Leichtathletik hat mir sofort gefallen, dies, obwohl meine Eltern anderen Sportarten nachgingen. Meine Mutter war nämlich Turnerin, mein Vater fuhr Cyclocross. Ich war schon immer als kleines Kind ein wenig ‘wibbeleg’, deshalb glaube ich, dass meine erste Wahl genau die richtige war.“

Nach den traditionellen Anfängen beim Challenge Tageblatt wurde es für sie im Alter von 15 Jahren ernst. Zu diesem Zeitpunkt spezialisierte sich Van der Weken erst so richtig auf den Sprint. „Ich war nie eine Athletin, die besonders gut auf den Mittelstrecken oder bei den Wurf- und Sprungdisziplinen war.“ Nationaltrainer Arnaud Starck nahm sie zu diesem Zeitpunkt unter seine Fittiche. Von ihm bekam die junge Sportlerin sämtliche Grundlagen ihrer Disziplin beigebracht. Der Franzose kitzelte nicht nur das große Talent aus ihr heraus, sondern feilte auch an ihrer Technik und Fitness. „Am Anfang war der Kraftraum für mich eher eine Qual. Ich war insgesamt ziemlich schwach, was auch mit meiner dünnen Taille zu tun hatte. Es hat somit gebraucht, bis ich ein wenig Muskelmasse aufbauen konnte. Mittlerweile machen mir die Einheiten im Kraftraum mehr Spaß, weil ich Fortschritte erkennen kann, obwohl ich noch immer mit den männlichen Athleten trainiere, die erst vor kurzem mit Fitness begonnen haben“, scherzt die junge Luxemburgerin.

Leistungsexplosion

Die Leistungsexplosion seit der Zusammenarbeit mit Starck ist auf jeden Fall bemerkenswert. Trotz ihres jungen Alters gehörte sie schon früh in ihrer Karriere der nationalen Elite an und muss sich nach wie vor mit einer älterer Konkurrenz messen. Zu früheren Tagen bekam es die Nachwuchssportlerin des Öfteren mit der einstigen Rekordhalterin auf den 100 m, Tiffany Tshilumba, zu tun. „Ich war schlichtweg fasziniert, dass Tiffany so schnell auf dieser kurzen Distanz laufen konnte.“ Aber genau dieses Duellieren hat ihr immer wieder zusätzliche Motivation verliehen, weiter an sich zu arbeiten. Doch leider wurde der gemeinsame Weg abrupt durch das Karriereende von Tshilumba, die noch immer den nationalen Rekord über die 60 m in der Halle hält, gestoppt. Noch heutzutage bedauert Van der Weken diesen verletzungsbedingten Rückzug. „Tiffany war für mich immer ein großes Vorbild. Wir haben auch ungefähr zwei bis drei Jahre zusammen trainieren können. Ich wollte immer so gut werden wie sie.“

Das hat die luxemburgische Nachwuchshoffnung auf jeden Fall schon erreicht. Einen Rekord konnte die 19-Jährige bereits ihrem Idol abknüpfen. Im letzten Jahr sprintete die Sportlycée-Schülerin beim Meeting in Mannheim so schnell wie noch keine andere luxemburgische Läuferin vor ihr die 100 m im Freien. Die Uhr blieb bei 11:59 stehen, was sechs Hundertstel besser war als die alte Bestzeit der früheren Athletin des CA Schifflingen. Als sie die Ziellinie überquerte, wusste sie gleich, dass sie eine schnelle Zeit hingelegt hatte. „Ich würde sagen, dass diese Leistung auch diejenige ist, die mich bisher am stolzesten macht“, erklärt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Indoor fehlt ihr auf den 60 m nur eine Hundertstel zum Rekord. 2018 wie auch 2019 stehen gelaufene 7:39 als persönliche Bestzeit zu Buche. Für Van der Weken selbst hat die Jagd nach Rekorden aber nicht die höchste Priorität. „Ich setze mir zwar stets Ziele, aber es ist jetzt nicht so, dass ich meine ganze Konzentration nur darauf lege, um unbedingt einen Rekord knacken zu können. Das würde nur unnötigen Druck aufbauen“, erklärt sie.
Bei den Sprint-Disziplinen geht es sowieso nie ohne einen gewissen Adrenalinkick zu. Bei solch kurzen Distanzen darf für einen perfekten Lauf absolut nichts schiefgehen. Jede Bewegung muss sitzen. Vor allem beim Start können wichtige Hundertstel verloren gehen.

Das Herauskommen aus dem Startblock sowie eine schnelle Reaktionszeit gehören zum Effeff eines Sprinters dazu. „Ich darf mir nicht den geringsten Fehler erlauben, ansonsten kann ich das Rennen gleich abschreiben“, so Van der Weken. „Um seine Reaktionszeit verbessern zu können, simuliert man im Training des Öfteren den Startschuss mithilfe eines Geräts. Nur durch dieses ständige Wiederholen bekommt man langsam, aber sicher ein besseres Feeling für den Start“, gibt sie Einblicke in ihre Trainingsmethoden.
Trotzdem hängt im Wettbewerb vieles vom jeweiligen Starter ab, wann dieser letztendlich die Pistole auslöst. Die legendären Worte „A vos marques, prêts, partez“ erfolgen nämlich nicht immer nach dem gleichen Rhythmus. „Es gibt deshalb Sportler, die beim Start pokern. Aber dieses Risiko wäre mir zu hoch.“

Diverse Starts legte die Sprintspezialistin schon bei Groß-Events im Ausland hin. Bei den Europaspielen in Baku, den Spielen der Kleinen Staaten in San Marino sowie bei der U18-EM und der U20-WM konnte sie bereits Wettkampfluft auf internationalem Niveau schnuppern. Vor allem ihre zwei letztgenannten Auftritte bleiben ihr bis heute in bester Erinnerung. „Mit nur 16 Jahren machte ich den Finaleinzug bei der U18-EM perfekt. Das war ein großartiger Erlebnis für mich. Bei der U20-WM schaffte ich es ebenfalls ins Halbfinale der 100 und 200 m.“

In zwei Tagen steht der nächste Leckerbissen auf dem Programm. Bei ihrem ersten Auftritt bei einer Hallen-EM bei den Senioren geht es für Van der Weken aber in erster Linie darum, Erfahrungen auf der 60-Meter-Distanz zu sammeln. „Der Großteil der Läuferinnen ist ein gutes Stück älter als ich. Ich bin noch sehr jung und der Spaß wird bei mir an vorderster Stelle stehen. Nichtsdestotrotz hoffe ich, ins Halbfinale zu kommen. Es wird sehr schwierig werden, aber es ist auch kein Ding der Unmöglichkeit“, sieht sie ihre Chancen auf ein Weiterkommen in der Qualifikation.

Zukunftsplanung

Damit für die Teenagerin in Zukunft einmal eine Teilnahme bei einer WM oder sogar an den Olympischen Spielen als realistisch angesehen werden kann, muss ihre Entwicklung wie in den vergangenen Jahren kontinuierlich weitergehen. Der Schützling von Arnaud Starck weiß dabei genau, in welchen Bereichen noch Luft nach oben ist. „Auf den 60 m müssen meine ersten gelaufenen 30 m noch besser werden. Ich muss meine Höchstgeschwindigkeit einfach schneller erreichen. Im Training bekomme ich es relativ gut hin, aber im Wettkampf sollte es mir noch nicht so richtig gelingen. Auch in puncto Kraft kann ich noch einen Zahn zulegen“, sieht der Youngster noch in einigen Punkten Verbesserungsbedarf.

Die Pläne, um sich weiterentwickeln zu können, sind auch über diese Saison hinaus schon geschmiedet. „Nach meinem hoffentlich erfolgreichen Abitur werde ich entweder per Fernstudium oder an der Universität Luxemburg studieren. So bleibt von den Trainingsmöglichkeiten alles beim Alten.“ Doch zunächst gilt es, eine Tradition fortzusetzen: Ihre „personal bests“ möchte sie wie jedes Jahr steigern. Auf den 100 m im Freien peilt die ambitionierte Sportlerin eine Zeit von 11:50 an.


Steckbrief

Name: Patrizia van der Weken
Geburtsdatum: 21.12.1999
Verein: CAPA Ettelbrück
Disziplin: Sprint
Schülerin im Sportlycée (1reG)

Bestzeiten
100 m Freiluft:
2014: 12:95
2015: 12:30
2016: 11:88
2017: 11:78
2018: 11:59 (nationaler Rekord)

200 m Freiluft:
2015: 25:97
2016: 24:99
2017: 24:32
2018: 24:14

60 m Halle:
2013/2014: 8:16
2014/2015: 7:83
2015/2016: 7:64
2016/2017: 7:57
2017/2018: 7:39
2018/2019: 7:39

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