Die britischen Tories sind die treibende Kraft hinter dem Brexit. Doch was ist das überhaupt für eine Partei? Die britische Politologin Melanie Sully hilft beim Verständnis. Auch dem, wieso ein Mann wie Boris Johnson trotz aller Lügen weiter populär ist. Sully sagt aber auch, wieso Johnsons Sieg bei der Wahl in zwei Wochen bei weitem nicht unter Dach und Fach ist.

Tageblatt: Die Tories wollen das Vereinigte Königreich so bald wie möglich aus der EU führen. Dabei war es ein Konservativer, Edward Heath, der Großbritannien 1973 in die Europäische Gemeinschaft hineinführte. Was ist da schiefgegangen?

Melanie Sully: Edward Heath ist auch deswegen nicht sehr beliebt in der Geschichte der Konservativen … Doch damals polterte zuerst einmal die Labour-Partei und sorgte für ein erstes Referendum zu einem möglichen Wiederaustritt. Was heute unvorstellbar ist, damals aber große Bedeutung hatte, war der Besuch Helmut Schmidts beim Labour-Parteitag. Schmidt hat den Labour-Mitgliedern dort Honig um den Mund geschmiert und ihnen gesagt, wie wichtig sie für die europäische Sozialdemokratie seien und dass sie doch bitte bleiben sollten. Auch das fehlt heutzutage, in Europa ist niemand, der dieses Standing hat – der nach England fahren und dort gut ankommen würde. Stattdessen hatte man in 1980er Jahren Jacques Delors als EU-Kommissionspräsidenten, der den Tories ein absoluter Dorn im Auge war. Dessen föderalistisches Projekt war für die Konservativen nicht akzeptabel. Auch damals war die Stimmung antieuropäisch aufgeheizt, die Boulevard-Zeitung The Sun titelte „Up yours Delors“ und forderte ihre „patriotic family of readers“ auf, dem Franzosen zu sagen: „Frog off!“

Margaret Thatcher wird immer mit ihrem „We want our money back“ in Verbindung gebracht, aber war die ehemalige Tory-Chefin so antieuropäisch, wie solche Aussagen es vermuten lassen?
Thatcher hat immer die britischen Interessen vertreten und mehr Föderalismus gehörte sicherlich nicht dazu. Aber sie war nicht radikal, sie hätte auch nie ein Referendum über einen Austritt abgehalten. Für Thatcher waren Referenden etwas für Idioten oder für Leute, die in einer Diktatur leben. Sie hat gesagt: Wieso soll ich das Volk fragen? Die haben mich gewählt, um eine Verantwortung auszuüben. Thatcher wäre nie auf die Idee gekommen, auszutreten.

Unter Thatchers Nachfolger John Major nahm die Euroskepsis weiter zu, es gab erste Gedankenspiele rund um ein Referendum. Trotzdem musste viele Jahre später erst David Cameron kommen, damit es ein Referendum geben konnte. Cameron selber allerdings wäre am liebsten nicht ausgetreten – hätte er es nicht besser wie Thatcher handhaben sollen?

Früher oder später hätte es ein Referendum geben müssen, das war klar. Wir hatten so viele Referenden davor, Blair hatte das eingeführt. Die Macht-Transfers von London nach Schottland, Wales und Nordirland haben alle nach Volksbefragungen stattgefunden. Für Cameron war es daher logisch, ein Referendum einzuberufen – nur hat er gedacht, er gewinnt das. Weil die Leute normalerweise den Status quo wollen und keine große Veränderung. Aber dann hat sich herausgestellt, dass viele die größere Gefahr darin sahen, drinnen zu bleiben. Also haben sie sich gedacht, sie gehen auf Nummer sicher, wenn sie für „Leave“ stimmen.

Waren die Leute denn richtig informiert?

In den Regierungsbroschüren, die an jeden Haushalt gingen, stand genau drin: Wenn wir austreten, dann für immer. Es gibt kein Zurück mehr. Und es wird wahrscheinlich zehn Jahre dauern, bis alle neuen Handelsabkommen abgeschlossen sind – das müsst ihr wissen. Diese Informationen waren da, nur wurden sie kaum gelesen. Es war klar, dass ein Brexit etwas Disruptives haben müsste. Dass ein Brexit eine wirkliche Loslösung von der Europäischen Union sein müsste. Dass es damit auch keine Zollunion werden sollte und auch ein Revoke – wie ihn die Liberaldemokraten jetzt fordern – nicht vorgesehen war.

Aber seitdem sind dreieinhalb Jahre vergangen und zur Wahl steht ein Abkommen, das ein Premier ausgehandelt hat, den alle für einen Lügner halten und der in seiner Partei eigentlich schon abserviert war. Wie konnte Johnson dieser Schritt gelingen?
Wie Thatcher damals konnte Boris Johnson nur an die Macht kommen, weil davor totales Chaos und Unentschlossenheit herrschten. Noch vor einem Jahr hätte Johnson keine Chance gehabt. Da war er ein exzentrischer Hinterbänkler, der sehr dubiose Bemerkungen über muslimische Frauen machte. Johnson war in der Konservativen Partei eigentlich schon out. Sechs Monate später, nach katastrophalen Europawahlen für die Konservativen, nach all diesen Abstimmungen im Parlament und mit einer Theresa May, die nicht in der Lage war, das Austrittspaket mit der EU zu schnüren – was, wie wir gesehen haben, ja doch möglich ist – war Johnson so etwas wie ein Last Resort, eine letzte Möglichkeit, den Karren noch aus dem Dreck zu ziehen.

Jeder weiß, dass Johnson lügt, trotzdem kommt er gut an – wie kann das sein?

Weil er weiß, was er will – und das klar sagt. Wie Thatcher. Diese klare Botschaft kommt gut an, vor allem in diesen Wahlbezirken, wo bis zu 70 Prozent für den Brexit waren. Die finden das eine Frechheit, dass sie noch nicht draußen sind. Und Johnson hat irgendwas – wenn er einen Saal betritt, sagen alle: Wow, da ist Johnson! Er wirkt interessant und kann unterhaltsam sein, aber nur für 15 Minuten. Das hat man bei der Parteitagsrede gesehen, die eine Stunde dauern soll. Während der ersten 15 Minuten war Johnson gut, war witzig – danach quälende Langeweile. Aber er war Außenminister und Bürgermeister von London, wo er am Anfang sehr liberal und progressiv aufgetreten ist und äußerst beliebt war. Johnson ist nicht einfach einzuordnen, weil er immer laviert und anpassungsfähig ist.

In vielen Familien ist das B-Wort mittlerweile bei Tisch verboten – wegen akuter Streitgefahr. Wie können die Briten die gesellschaftliche Spaltung durch den Brexit irgendwann hinter sich lassen?

Die Spaltung wird lange bleiben. Ein erster Schritt, sie zu überwinden, wird der Austritt sein. Und dann muss man anfangen, die Wunden zu heilen. Aber wenn der Austritt erst mal steht, dürfte die große Diskussion vorbei sein, das Interesse an den Details der Handelsbeziehungen sich in Grenzen halten. Ist das nicht der Fall, etwa wenn es ein neues Referendum gibt und man doch in der EU bleibt, wird die Spaltung noch größer sein. Die, die austreten wollen, sind radikaler als die, die bleiben wollen. Die Destabilisierungsgefahr ist auf der Seite wesentlich höher.

Die Konservativen haben spätestens seit Thatcher den Ruf der „Nasty Party“, die keine Empathie mit Armen hat. Kann so eine Haltung immer gut gehen?

So gelten die Tories: Keine Empathie mit Leuten, die nichts haben. May hat versucht, das zu ändern, blieb aber sehr hölzern. Trotzdem, der Versuch war da. Jetzt gab es Hochwasser – und Johnson war nirgendwo. Corbyn hingegen schon. Johnson ist nicht drauf gekommen, dass er hingehen soll. Obwohl er diese Wahlbezirke in Nordengland gewinnen muss. Letztendlich konnten ihn seine Leute doch noch überzeugen, hinzufahren, doch da wollte schon keiner mehr mit ihm sprechen. Die Frage, die er zu hören bekam, war: „Wo waren Sie die ganze Zeit?“ Das ist die Achillesferse der Konservativen, dieses Glaubwürdigkeitsproblem, das sie haben, wenn sie sich empathisch gegenüber Geschädigten oder Armen zeigen wollen – das glaubt ihnen niemand und das könnte bestraft werden.

Aber alle Voraussagen sehen Johnsons Tories meilenweit vorne. Was soll da noch schiefgehen?

In zwei Wochen kann viel passieren. Ich hoffe es nicht, aber falls es zu einem weiteren Hochwasser kommt oder einer Katastrophe ähnlich der vom Grenfell-Tower, wird es schwierig für die Konservativen. Sie haben in der Vergangenheit nichts gemacht, um diese Hochhäuser zu sichern oder Hochwassergebiete zu schützen – und jetzt kommen sie mit allen möglichen Versprechen. Da bewegen sie sich auf dünnem Eis. Johnson spielt bislang fast ausschließlich die Brexit-Karte. Das kann gut gehen. Aber nur solange nichts dazwischenkommt.

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