Freitagmorgen, Chambre de Commerce, eine Konferenz zum Brexit. Gut und gerne 250 Zuhörer sind gekommen, die meisten aus der Unternehmenswelt. Vorne sprechen erst der Präsident der Kammer und der Außenminister, dann berichten Unternehmer von ihren Sorgen und offenen Fragen, Experten erklären den Abgrund, der sich im Falle eines harten Brexit auftun wird – und der für Luxemburg wohl gar nicht so abgrundtief sein wird. Sollte das Vereinigte Königreich nach dem 29. März ohne Abkommen aus der Europäischen Union ausscheiden, trifft das andere Länder wirtschaftlich härter, die Iren sowieso, aber auch die Niederlande und Deutschland, um nur die zu nennen.

Nicht, dass er den Brexit begrüßen würde, grinst der Steuerexperte einer großen Beratungsfirma auf die Bitte hin, seinen Standpunkt darzulegen, von der Bühne. Aber mit dem Brexit öffneten sich nun einmal neue Geschäftsmöglichkeiten. Jede Krise berge auch Chancen, die gelte es zu nutzen. Auch die anderen Vortragenden aus der Unternehmenswelt wirkten gefasst. Mehr als ein paar lösbaren Problemchen sehen sie sich offenbar nicht gegenüber.

Ist Luxemburg demnach ein Brexit-Gewinner?

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Politisch werden alle diese Frage verneinen. So etwas sagt sich nicht, dafür ist die Tragödie dieser Scheidung zu gewaltig. Der Brexit kenne nur Verlierer, lautet die offizielle Position eines jeden politisch Verantwortlichen. Punkt, aus.

Dabei hat sich das Großherzogtum bereits ein Stück vom Brexit-Kuchen abgeluchst. Große Versicherer und Finanzdienstleister haben sich wegen der ungewissen Zukunft in Luxemburg niedergelassen. Substanziell, wie es so schön heißt, also mit Hunderten Angestellten. Die Unternehmen müssen befürchten, ohne Niederlassung in einem EU-Land den Zugang zu gewissen Märkten zu verlieren. Für Luxemburg bedeutet das erst einmal: mehr Geld für die Staatskasse.

Seit dem Austrittsreferendum im Juni 2016 wird spekuliert, wer unter Europas Finanzplätzen am meisten profitieren könnte vom drohenden Exodus aus der Londoner City. Frankfurt wurde hoch gehandelt, doch lässt sich der hier mögliche Gewinn nicht aufwiegen durch die Verluste, die unter anderem der deutschen Autoindustrie im Falle eines harten Brexit drohen. Dublin stand ebenfalls hoch im Kurs, doch würde Irland gesamtwirtschaftlich gesehen bei weitem am meisten leiden, wenn es wieder zu einer harten Grenze im Norden kommt. Bei Amsterdam und bei Paris verhält es sich ähnlich. Die möglichen Gewinne aus einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse unter den Finanzplätzen der EU wiegen die anderen einhergehenden Kosten niemals auf.

Bleibt also der Luxemburger „Platz“ – und weil dieser einen solch bedeutenden Teil zur Wirtschaftsleistung beiträgt: das ganze Land. Der Handel mit der City wird nicht einbrechen. Dafür sind beide Standorte, trotz aller Konkurrenz, zu sehr verwoben. Sie sind komplementär, einer braucht den anderen.

Schwerer wiegt für Luxemburg der Verlust eines Mitstreiters in Finanz- und Steuerfragen auf dem europäischen Parkett. Dort war man sich in heiklen Dossiers mit London meist einig – und verliert in diesen einen Partner mit mächtiger Stimme. Das Luxemburger Geschäftsmodell wird europaweit kritisch beäugt, das reicht vom Neid bis zur aufrichtigen Empörung. Dieser Druck wird ohne Briten eher zu- als abnehmen.

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