Drehen, schweißen und hobeln gelernt, ein „Puddingabitur“ mit größtem Vergnügen verschmäht und sich stattdessen für ein Medizinerleben im Dienst der Frauengesundheit
und der Kunst entschieden – so lässt sich die Vita der in Luxemburg praktizierenden Ärztin Dr. Hilly Kessler kurz umreißen. Die Langversion hat sie Daisy Schengen erzählt.

Mit einem Lächeln bittet Dr. Kessler ihre Patientinnen ins Sprechzimmer. Mit einem „Wie geht es Ihnen, meine Liebe?“ entschärft sie stets die Untersuchungssituation und verwandelt sie in ein vertrautes Gespräch. Doch heute steht ausnahmsweise keine Patientin im Mittelpunkt, sondern Dr. Kessler selbst.

1959 in Würzburg geboren, erlernte sie zunächst einen „handfesten Beruf“. „Von zu Hause aus hatte ich keine Möglichkeit, Abitur zu machen“, führt sie aus. Sie machte ihre „mittlere Reife“ und sorgte ab diesem Zeitpunkt allein für ihren Lebensunterhalt. „Ich hatte schon immer gern mit den Händen gearbeitet und konnte mir nie vorstellen, irgendwo im Büro zu sitzen.“ Also begann sie mit 16 eine Lehre als technische Zeichnerin, lernte „drehen, schweißen, hobeln, fräsen“. In dieser Zeit erfuhr die junge Frau, dass man neben dem Beruf in Abendkursen einen Schulabschluss machen durfte. „Fachabitur für Jungen“, schiebt sie augenrollend nach.

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Kein « Puddingabitur » erwünscht

Denn in Bayern der späten 70iger besuchten den Lehrgang nur Männer, der jungen Hilly Kessler legte die Schulleitung nahe, sich für die „Hauswirtschaftssparte“, die sogenannte „Puddingabitur“, einzuschreiben, erzählt sie rückblickend mit einem Lächeln.

Doch Kessler ließ sich nicht umstimmen. Und musste gleichzeitig Lehre und Schulabschluss schultern. Die Schulleitung traute der jungen Frau offenbar nicht zu, die Doppelbelastung zu meistern, winkte der Direktor anfangs noch ab mit den Worten: „Fangen Sie doch an, Sie halten eh nicht durch!“ Von 51 Männern und zwei Frauen, die die duale Ausbildung begannen, schlossen sie insgesamt nur elf Personen ab – darunter eine Frau. Sie hieß Hilly Kessler.

Vorliebe für Medizin

Mit ihrem Zeugnis in der Tasche und einer abgeschlossenen Lehre wollte die damals 19-Jährige „irgendetwas mit Medizin“ machen, interessierte sich für Medizintechnik. Ein Lehrer aus der Berufsschule gab ihr den entscheidenden Tipp, der ihre beruflichen Laufbahn prägen sollte: „Mensch, Mädchen“, sagte er, „mach Abitur – und wenn dich Medizin interessiert, dann kannst du das doch tun!“

Gesagt, getan. Für die allein lebende junge Frau bestand am Friedrich-Spee-Kolleg in Neuss die Möglichkeit, elternunabhängig eine finanzielle Förderung (BAföG) zu bekommen und so das fürs Medizinstudium erforderliche Abitur zu absolvieren.

Pragmatische Kunstförderung: Ein Pizzaladen auf Rädern

Hilly Kessler schloss sich der eigentlich schon voll besetzten Klasse an und holte binnen zweieinhalb Jahren „mit Latinum und allem Drum und Dran unter Priestern“ ihr Abitur nach. Mit den passenden Abiturnoten hatte sie nachher bei der Wahl ihres Studienfachs mehr Optionen. Psychologie, Sport und Medizin kamen infrage. Schließlich entschied sie sich für Letzteres, denn „darin konnte ich Interessengebiete wie Gesundheit und Psychologie miteinander verbinden“.

Und die Kunst? Sie bleibt in dieser Zeit präsent, erklärt Dr. Kessler. „Sie hat mich natürlich gereizt, aber ich wollte nicht von der Kunst leben müssen.“ Pragmatisch entscheidet sie, dass es „viel einfacher ist, Ärztin zu sein und zu malen, als umgekehrt.“

Das Medizinstudium führt Hilly Kessler nach Aachen. Wie ihre Lehre muss Kessler auch jetzt ihr Studium finanziell fast allein stemmen. „Ich hatte alle möglichen Jobs – ich habe geputzt, alte Menschen betreut, Marktforschung gemacht …“ Aber ein Pizzaladen auf Rädern ist die Haupteinnahmequelle der jungen Studentin und ihrer besten Freundin. Auf Floh-, Weihnachts- und Regionalmärkten verkaufen die beiden ihre Kreationen und bringen so Studium und Geldverdienen unter einen Hut.

Später, auch während ihrer Facharztausbildung, bleibt Kessler ihrem Hobby, der Kunst, treu. Sie bildet sich weiter, besucht Kurse aus dem Bereich „Gestaltung“ an der Fachhochschule in Aachen.

„Sich künstlerisch zu betätigen, war mir immer wichtig. Hatte ich ein paar Wochen Pause, bin ich ganz hibbelig geworden. Da ist eine Kreativität, die muss raus aus mir“, erzählt Kessler mit einem Schmunzeln.

 


Mehr Kunst zum Internationalen Frauentag

Zum Internationalen Frauentag stellt Dr. Hilly Kessler in der „Al Kierch“ in Roodt-Syre (10, rue Olingen) aus. Ihre Ausstellung „Pinsel trifft Feder“ ist heute und morgen von jeweils 15 bis 18 Uhr für Besucher geöffnet.

Die Ausstellung knüpft an den „Literatur-Owend“ zum Thema „Déi Fraleit! D’Roll vun der Fra an der Gesellschaft“ mit Josiane Karteiser und Collete Mart an, der, ebenso wie die Vernissage der Ausstellung, gestern Abend stattfand.

Veranstalter der beiden Programmpunkte zum 8. März ist die Kulturkommission der Gemeinde Betzdorf. Der Eintritt ist frei.

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