Nach dem Rammstein-Konzert und unserer kritischen Berichterstattung kam es zu Spannungen zwischen den Konzertorganisatoren und dem Tageblatt. Wir haben den CEO des “Atelier” getroffen, um uns mit ihm über Medienberichterstattung und die Pannen des Rammstein-Konzertes zu unterhalten.

Musikbegeistert ist er allemal: Während unseres Treffens erzählt Laurent Loschetter von Tool-Sänger Maynard James Keenan, den er als wahnsinnig unangenehmen Menschen bezeichnet. Von Björk, die er auf einer Hochzeit kennenlernte, weil er über ihre Füße gestolpert war. Und natürlich von Pete Doherty, der erst in letzter Minute in Luxemburg für das Libertines-Konzert eintraf. Die Band selbst bangte noch Minuten vor dem Auftritt – Doherty reist momentan nicht mit seinen Mitmusikern, die Geolokalisierungsfunktion seines Handys erlaubte es den Bandmitgliedern dann schließlich, sich zu vergewissern, dass Doherty unterwegs sei und bald eintreffen würde.

Aber zum Grund unseres Treffens: die schlechten Vibes zwischen dem Tageblatt und dem Atelier, seitdem wir über das Rammstein-Konzert berichteten. “Es ist das gute Recht eines Journalisten, Kritik an uns zu üben. Da wir ein Privatbetrieb sind und keine öffentlich-rechtliche Institution, haben wir aber auch unsere Rechte und unsere Freiheiten”, so Loschetter. Es folgte eine Einschränkung der Berichterstattung – im Gegensatz zu anderen Medien sollte das Tageblatt keine Konzertakkreditierungen mehr bekommen.

Man verbot der Escher Tageszeitung nicht, über Konzerte im Atelier zu berichten. Jedoch war die bisher einwandfreie Zusammenarbeit auf Eis gelegt, Akkreditierungsanfragen wurden nicht beantwortet oder abgelehnt. “Dazu soll aber allgemein verdeutlicht werden, dass bei vielen Bands die Pressearbeit mittlerweile über eine Presseagentur läuft. Wir reichen die Anfragen weiter – und finden uns mit einer manchmal skurrilen Liste von Zu- und Absagen wieder”, ergänzt Loschetter.

Warten auf Godot

Das Team um das Atelier hatte den Eindruck, die Berichterstattung des Tageblatt sei unfair gewesen. Jetzt, da sich die Gemüter wieder beruhigt haben, gibt Loschetter zu, der Medienberichterstattung gegenüber etwas dünnhäutig gewesen zu sein. “Vielleicht reagiere ich etwas sensibel, wenn es um das Atelier geht. Ich bin stolz auf mein Team und sehe, wie sehr sich meine Mitarbeiter ins Zeug legen. Am vergangenen Wochenende haben wir Björk und die Libertines nach Luxemburg gebracht, unserer Internetseite ein neues Layout verpasst. Ich finde es dann etwas verletzend, wenn die Presse sich auf negative Schlagzeilen fokussiert.”

Ursprung der Auseinandersetzung war das umstrittene Rammstein-Konzert, am Ende dessen ein 150-minütiger Fußgängerstau entstand. Wieso es dazu kam, erklärt Loschetter uns heute – und räumt dabei ein, dass die Kritik an der Organisation des Konzertes zum Teil gerechtfertigt war.

“Es begann mit einem Konzeptfehler. Man muss bedenken, dass dieses Konzert einen Arbeitsaufwand benötigte, der auch für uns neu war. Wir hatten zwar ausreichend Fluchtwege geplant für den Fall, dass irgendwas während des Konzertes schieflaufen würde. Jedoch wurden in unserer Planung dem Rückweg und dem Fakt, dass dies der einzige geplante Rückweg war, nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Vor der Bühne befanden sich eine Reihe an metallenen Platten. Diese mussten sofort abmontiert werden, sodass wir der Sicherheitsfirma mitteilten, ihre Angestellten sollten das Publikum in die Richtung der Tresen dirigieren – in unserem Fachjargon nennen wir dies ‘Pushback’ –, damit diejenigen, die nicht sofort aufbrechen wollten, noch ein paar Bier trinken könnten. Das wäre ja auch in unserem Interesse gewesen – die Menschenmenge hätte sich verteilt, es hätte sich nicht jeder zur gleichen Zeit auf den Heimweg gemacht, wir hätten einen Teil des Staus verhindern können und dabei noch unseren Umsatz gesteigert. So kam es aber, dass sich quasi alle Besucher zeitgleich auf diesem schmalen Fußweg, der 850 Meter beträgt, befanden.”

Selbstkritik

Die ersten Konzertbesucher konnten dann auch problemlos wieder zu ihren Autos gelangen – es sollten stets vier Busse bereitstehen, jeder einzelne davon konnte 120 Rammstein-Fans aufnehmen. Als dann aber einer der Konzertgänger durch den Wald spazierte, dort stolperte, sich eine Verletzung zuzog und der Krankenwagen dann, wie es eigentlich auch Vorschrift ist, den nächsten freien Parkplatz belegte und somit die Busanlegestelle besetzte – sich einen Weg durch die Menschenmasse zu bahnen war unmöglich –, entstand eine lange Warteschlange, die sich erst nach 150 Minuten wieder auflöste.

“Die erste Stunde wirkte die Euphorie des Konzertes. Dann wurden die Konzertgänger aber verständlicherweise ungeduldig. Wir hatten Glück, dass das Wetter mitgespielt hat und es zu keinem größeren Unfall kam. Wir haben anschließend die Situation nachgestellt und sind uns bewusst geworden, dass wir, wenn wir noch einmal ein Konzert auf dem Herchesfeld organisieren, anders planen müssen. Dann müssen wir definitiv zwei Ausgangswege einplanen”, gibt Loschetter zu. Und trotzdem stört es ihn, wie die Presse sich an den Patzern festgebissen hat, anstatt anzuerkennen, wie viel Aufwand das Organisieren eines solchen Konzertes benötigte – und wie viel eigentlich dann doch geklappt hat.

Vielleicht aber hätte es geholfen, mit offenen Karten zu spielen, besser und verstärkt auf sozialen Netzwerken zu verkünden, was denn eigentlich passiert war, und die begangenen Fehler einzustehen, anstatt der doch etwas typischen Opferhaltung des Privatwirtschaftlers nachzugehen und das Märtyrer-Narrativ zu spinnen.

Fehlender Mehrwert?

“Wir hätten besser auf den ‘Socials’ kommunizieren können, das stimmt. Aber wir sind ein kleines Team. Einige unserer Mitarbeiter – weil wir den Arbeitsaufwand präzise aufgegliedert haben – hatten bereits Feierabend und haben nicht wahrgenommen, welches Ausmaß dieser Stau dann angenommen hat. Wir übten Selbstkritik und haben uns nach dem Konzert gefragt, ob wir ein öffentliches ‘Mea Culpa’ verfassen sollen. Aber man weiß nicht, welche Büchse der Pandora man aufmacht, wenn man solche Patzer öffentlich eingesteht. Als wir das Étienne-Daho-Konzert vom Atelier in die Luxexpo The Box verlegten, gab es einen regelrechten Aufstand bei den Fans. Beim abgesagten Snow-Patrol-Konzert war dann jeder verständnisvoll. Die Reaktionen der Fans sind unvorhersehbar, weswegen dieses Eingestehen von Fehlern uns dann doch etwas riskant erschien.”

Dass die traditionelle Funktion des Musikjournalisten – dank musikalischer Kenntnisse eine konsistente Kritik verfassen – immer weniger anerkannt wird, gibt Loschetter zu: “Es stimmt, wir haben fast mehr davon, wenn ein Blogger seine Begeisterung für unsere Konzerte auf diversen sozialen Medien preisgibt als von journalistischer Berichterstattung. Daran tragen wir aber keine Schuld. Wir machen die Spielregeln nicht. Und ganz ehrlich gesagt, wenn ich manchmal die Tagespresse durchblättere und lese, was einem da in puncto Musikberichterstattung aufgetischt wird, denke ich, dass die geschriebene Presse zum Teil selbst schuld ist – hier fehlt einfach der Mehrwert, der den Lesern das Gefühl gibt, dass der Journalist sein Fach kennt.” Ebendiesen Mehrwert hat das Tageblatt mit seiner Berichterstattung im Anschluss an das Rammstein-Konzert seinen Lesern zu bieten versucht.

Aber nicht nur die Medien sind bedroht – die aggressive Haltung von Konzertorganisatoren wie Live Nation, die dabei sind, in Europa jedes erfolgreiche Festival aufzukaufen, bewirkt, dass unabhängige Organisatoren immer seltener werden. “Privatbetriebe im Kulturwesen haben irgendwie eine seltsame Stellung. Das merke ich in der Art, wie wir wahrgenommen werden. Ich habe manchmal den Eindruck, wir stören, nur weil wir quirliger als andere Organisatoren sind.” Diese Zappeligkeit kennzeichnet das Atelier durchaus – etwas kritikfähiger könnte man dennoch sein.

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