Die ersten Fassadenteile liegen am Boden, die ersten Mauern sind eingerissen, weitere Bagger rollen heran… Das Agrocenter, einst das Prunkstück der Cepal, wird langsam, aber sicher verschwinden. Die Abrissarbeiten sollen insgesamt zwei Jahre andauern. Auf dem 53 Hektar großen Areal entsteht ein neues Stadtviertel.

Von Roger Infalt

Es hat den Anschein einer Geisterstadt. Nur noch wenige Fahrzeuge stehen vor den Verwaltungsgebäuden, in einzelnen Büros brennt noch Licht. Es ist still, sehr still. Von weitem hört man plötzlich lautes Knacken und Krachen. Fast alle Gebäude sind mit Absperrgittern abgeriegelt, aus einer dunklen Halle rast ein Hubfahrzeug mit einer fast leeren Palette auf den Vorplatz. Restbestände aus dem Materiallager werden auf einen Lastwagen gehievt. In der benachbarten Halle machen Rohre Bekanntschaft mit einer Trennscheibe. Ein Blick durch das längst zertrümmerte Fenster lässt nur noch vermuten, was dort im Innern einst gelagert oder verarbeitet wurde. An der nächsten Ecke liegen haufenweise Metallteile, die wohl auf den Abtransport warten. Und plötzlich ist es wieder still. Totenstille. Allein an den Lagerhallen im südlichen Teil des Agrocenters sowie an der ehemaligen Milchpulverfabrik wird es laut. Hier wird alles Stück für Stück und materialtrennend abgetragen.

Während unseres Rundgangs über das Areal gegenüber dem Merscher Bahnhof werden Erinnerungen an Zeiten wach, in denen hier noch der Puls der Luxemburger Landwirtschaft zu spüren war. Wir blättern zurück bis ins Jahr 1944, als die „Bauernzentrale“ gegründet wurde. Sie war lange Zeit die einzige landwirtschaftliche Interessenvertretung Luxemburgs. Ein Jahr später wurde sie von der Regierung sogar als offizielle landwirtschaftliche Berufskammer anerkannt.

Erste Ernte: 1959

In den 1950er Jahren machte sich die Bauernzentrale an die Planung und Errichtung des Agrocenters in Mersch und rief hierfür die „Société de gestion du patrimoine de la Centrale paysanne“, kurz Cepal, ins Leben, die von da an als Dachorganisation für die Wirtschaftsunternehmen der Zentrale angesehen wurde.

Am 10. Februar 1958 wurde das erste Projekt in Angriff genommen. Dabei handelte es sich um die Siloanlagen, in die bereits die Ernte des Jahres 1959 eingelagert werden konnte. Die Betreiberfirma hieß damals Silocentrale s.à r.l. Einige Jahre später wurde mit dem Bau mehrerer Produktionsstätten begonnen, so z.B. für die am 16. Januar 1962 gegründete Firma Luxlait Produits oder auch noch für die im April gleichen Jahres gegründete Gesellschaft Eskimo Europ, die sich in der Herstellung von Speiseeis spezialisiert hatte.
Ein Jahr später kam die Gesellschaft zum Ein- und Verkauf von Agrarprodukten hinzu. Sie trug den Namen Centralmarketing. Und es dauerte wiederum nur ein Jahr, bis dass sich das Planungsbüro Agriconsult dazugesellte, das den Landwirten bei der Hofplanung zur Seite stehen sollte. Noch im gleichen Jahr, genauer gesagt am 11. November 1964, wurde der Bau des Merscher Schlachthofes in Angriff genommen, der später von der Firma Centralfood betrieben wurde.

Der Bauernkrieg

Im Buch „De Verband 1909 bis 2009“ heißt es: „Im Juli 1967 nimmt die Futtermittelfabrik ihre Produktion auf und auch die Erweiterung der Siloanlagen auf eine Gesamtkapazität von nunmehr 36.000 Tonnen kann in diesem Sommer abgeschlossen werden. Mit der stufenweisen Inbetriebnahme des Schlachthofes ab Januar 1970 ist der Ausbau des Agrocenters vorerst abgeschlossen. In etwas mehr als zehn Jahren sind in Mersch Produktions- und Vermarktungsstrukturen für sämtliche Agrargüter entstanden, so dass die Luxemburger Landwirtschaft bestens gerüstet scheint für den Gemeinsamen Markt.“
Nach ersten sehr erfolgreichen Jahren folgten sehr bewegte Zeiten für die Bauernzentrale.

 

Lohn gab es Mitte des Monats

An der längst verlassenen und komplett heruntergekommenen Pförtnerloge des Agrocenters hängt noch ein Rundschreiben aus dem Jahre 2011. Hierauf wurde dem Personal der Gesellschaften Luxviande und Agriconsult schriftlich versichert, dass sie ihren Lohn via Raiffeisen-Bank jeweils Mitte des Monats erhalten werden und dies über das gesamte Jahr 2011 hinweg. Unterzeichnet war das Schreiben vom Personaldirektor.

Es sollte zu einem Streit kommen, der die gesamte Landwirtschaft entzweite und die Bauernzentrale arg ins Wanken brachte. Bei den Vorstands- und Aufsichtsratswahlen der drei Molkereigenossenschaften Laduno, Celula und Luxlait im Juli 1978 gerieten der Generalsekretär Mathias Berns und der Anführer der Kritiker in der Bauernzentrale, Robert Mehlen, ein erstes Mal aneinander. Die Kritiker wollten mehr Mitbestimmungsrecht und Transparenz und bemängelten gleichzeitig den ihrer Meinung nach „autoritären Führungsstil“ des Generalsekretärs. Es sollte nicht bei diesem Wortgefecht bleiben, denn in den Folgejahren spitzte sich der Streit zu.

So kam es auch, dass die Luxlait-Generalversammlung vom 22. März 1979 mit einem Eklat endete. Die Opposition kritisierte, dass ihr nicht genügend Einblick in die Geschäftsaktivitäten gewährt wurde und weigerte sich, dem Vorstand Entlastung zu geben. Daraufhin wurde die Jahresversammlung kurzerhand abgebrochen. Dieser Streit sorgte u.a. für eine massive Abwanderung der Mitglieder. Im Sommer gleichen Jahres kam es zu einer weiteren Spaltung, als sich das „Mouvement vun den engagéierte Baueren“, kurz MEB, gründete. Der erste Präsident war … Robert Mehlen. 1982 wurde aus der MEB dann der „Fräie Lëtzebuerger Bauereverband“. Mehlen blieb bis 1998 Präsident, sein Nachfolger wurde Aloyse Marx. Erst 2008 normalisierte sich die Situation wieder, als Bauernzentrale, FLB und Allianz mit einer gemeinsamen Liste bei den Wahlen zur Landwirtschaftskammer antraten.

Ende der Cepal

Aber zurück zur Cepal: Im gleichen Jahr, als die genannten Berufsorganisationen offiziell das Kriegsbeil begraben hatten, ging es bei der Cepal drunter und drüber. Viele Unternehmen der Gruppe schrieben rote Zahlen, was 2003 zu einem Restrukturierungsplan führte. Als Gründe für die prekäre Situation wurden damals u.a. schlechtes Management und schwerfällige Strukturen genannt. Rund hundert Arbeitsplätze fielen der Restrukturierung zum Opfer. Im Sommer 2003 mussten die beiden Direktoren Jos und Guy Ewert die Kommandobrücke verlassen.

Wenige Monate später kam die nächste Hiobsbotschaft: Luxlait stellte die Milchlieferungen an die Centralmarketing ein. Diese Gesellschaft musste daraufhin seine Tore schließen. Während die Cepal ums Überleben kämpfte, bereiteten andere Akteure der Agrarszene mit hochgekrempelten Ärmeln ihre Zukunft vor.

Gemeinsame Gesellschaft von Verband und Cepal

Am 14. Mai 2004 unterzeichneten Victor Feyder (Präsident von „De Verband“) und Marco Gaasch (Cepal) ein Abkommen zur Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft, an der „De Verband“ 72 Prozent und die Cepal 28 Prozent der Anteile hielt. Am 30. Juni gleichen Jahres wurde die Gesellschaft Versis ins Leben gerufen, die die Aktivitäten von „De Verband“, Silocentrale und Cap+ übernahm.

Was den Standort Mersch anbelangte, so übernahm Versis auch die komplette Futtermischanlage mit Silos für Rohstoffkomponenten, die Mühlen und Mischanlagen mit einer Jahreskapazität von 40.000 Tonnen und die daran anschließende Lagerhalle (Fläche: 5.000 Quadratmeter). Die Siloanlagen mit der dazugehörenden Infrastruktur wurden mit einem längeren Vertrag angemietet, mit einer Option auf einen späteren Kauf. Die 45 Meter hohen Siloanlagen konnten in der Zwischenzeit insgesamt 45.000 Tonnen aufnehmen. Mit der Zeit zeichneten sich die Anlagen aber vor allem durch einen hohen Reparaturaufwand aus, doch da man bereits an einem neuen Standort für diese plante, wurden nur mehr die allernötigsten Unterhaltsarbeiten durchgeführt.

Mittlerweile haben sich die Aktivitäten von „De Verband Group“ und „Lëtzebuerger Saatbaugenossenschaft“ bekanntlich in Richtung Perl (D) und Colmar-Berg verlagert und das Areal in Mersch liegt seitdem brach.

Ein umfangreiches Projekt

Seit zehn Jahren ist bekannt, dass auf dem Areal des Agrocenters in Mersch ein umfangreiches Wohnbauprojekt entstehen soll. Für die Realisierung des neuen Stadtviertels „Quartier de la Gare“ wurde eine internationale Ausschreibung gemacht. Jetzt geht das Projekt in die Realisierung. „Der neue Stadtteil bietet hochwertigen Wohnraum für ca. 2.500 Einwohner sowie ergänzende Flächen für Büros, Hotel und Gastronomie sowie einen Gemeindesaal. Ein großzügiger Quartiersplatz, durchgrünte Wohnviertel und der direkte Zugang zur Alzette schaffen eine besondere Atmosphäre“, steht auf der Internetseite des Architekten-, Stadtplaner- und Ingenieurbüros RHA (Reicher Haase Assoziierte), das 2010 den Zuschlag erhielt.

Auch wenn voraussichtlich Ende dieses Jahres bereits mit den Bauarbeiten an einem Parkhaus mit über 400 Stellplätzen entlang des Schienenstrangs begonnen wird, so wird das Kernstück des neuen Stadtviertels, das Großprojekt „Rives de l’Alzette“, erst in etwa zwei Jahren Form annehmen können, da die Abrissarbeiten diese Zeit in Anspruch nehmen. Hierzu sei u.a. bemerkt, dass ein Großteil des abgetragenen Mauerwerks vor Ort zerkleinert und zu einer 50 bis 70 Zentimeter hohen Aufschüttung des gesamten Areals dienen wird.

 

(Quellennachweis: Buch „De Verband 1909-2009“ – 100 Joer am Déngscht vun der Landwirtschaft“, Tageblatt-Archiv, „De Lëtzbuerger Bauer“)

 

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