Trotz Emanzipation und Geschlechterkampf galt in der Kindererziehung bis vor Kurzem eine traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter. Die Reform des Elternschaftsurlaubs von Familienministerien Corinne Cahen legt jedoch den Schluss nahe, dass sich das in Luxemburg gerade ändert.

Kinderhaben sei die natürlichste Sache der Welt – hieß es lange Zeit. Heute ist es zur Option geworden, zu einem Gegenstand des Abwägens, Planens, Entscheidens. Aus dem Kinderhaben ist die Kinderfrage geworden. „Störfall Kind“, so hat die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim diese Entwicklung genannt. Denn in der „individualisierten Leistungsgesellschaft“, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa entwickelt hat, ist Mutterschaft sowie Kindererziehung eine Herausforderung, die schlecht zur Karriereplanung passt.

Diese Entwicklung führte laut der Soziologin nicht nur zu einer strukturellen Benachteiligung von Frauen, sondern auch zu einem Rückgang der Geburtenrate. Kurz: „Wenn die moderne Gesellschaft mehr Kinder will, dann muss sie dafür mehr Gleichberechtigung bieten“, erklärt Beck-Gernsheim.

Anzeige

Entwicklung von Politik ignoriert

Die Politik hat viele Jahre gebraucht, um diese problematische Entwicklung als solche zu erkennen. Zwar gibt es seit Anfang der 1950er in den europäischen Ländern Familienministerien, in Luxemburg seit 1951, aber noch Anfang der Nullerjahre hat etwa der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder Familienpolitik als „Gedöns“ bezeichnet. Im deutschen Familienbericht von 2006 hieß es noch, dass die Kindererziehung weiterhin nach der traditionellen Rollenverteilung verlaufe.

Dabei zeigen neueste Zahlen, dass Luxemburg innerhalb kurzer Zeit einen gewaltigen Sprung in Richtung Gleichberechtigung gemacht hat. Diese Deutung legen jedenfalls die Zahlen nahe, die Familienministerin Corinne Cahen (DP) Anfang der Woche in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Marc Spautz (CSV) präsentiert hat. Konkret geht es um den Elternschaftsurlaub. Noch bis 2016 waren es vorwiegend Frauen, die eine berufliche Pause einplanten und in Elternzeit gingen. 2016 stammten lediglich 1.672 von den rund 6.800 Anträgen von Männern – also knapp 25 Prozent.

Doch seither ist nicht nur die Zahl der Anträge deutlich angestiegen, auch das Geschlechterverhältnis hat sich verändert. 2017 gab es fast 15.000 Anträge, 2018 rund 13.000; davon wurden 7.109 von Frauen und 6.002 von Männern gestellt.
Und wenn man die Zahlen der Personen betrachtet, die 2018 tatsächlich in Elternschaftsurlaub waren, lässt sich sogar eine Geschlechtergleichheit feststellen. So profitierten bis Dezember 2018 4.721 Männer (49,2 Prozent) davon, im Vergleich waren es bei den Frauen 4.875 (50,8 Prozent).

Cahen’sche Refom von 2016

Hintergrund ist die Cahen’sche Reform von 2016. Seither steht es Männern und Frauen frei, jeweils flexibel die Elternzeit zu planen ohne große Gehaltseinbußen. Dabei sind es vor allem Männer, die auf die neue Möglichkeit des Teilzeit-Elternurlaubs zurückgreifen. Rund 40 Prozent der Männer haben einen Elterntag während einer Periode von 20 Monaten gewählt oder vier Elternmonate flexibel gestaltet, bei den Frauen waren es lediglich 10 Prozent.

Corinne Cahen hat unlängst angekündigt, den Elternschaftsurlaub noch weiter zu reformieren. Im Koalitionsabkommen geht die Rede von einem „Congé parental plus“, wonach die Möglichkeit auf Teil- und Halbzeit weiter ausgedehnt werden soll. Für die Rentenbeiträge soll die öffentliche Hand aufkommen. Ziel ist, dass Frauen nicht mehr strukturell benachteiligt werden und Familienplanung keine Belastung mehr darstellt. Oder um es mit den Worten der Soziologin Beck-Gernsheim zu sagen: dass Kinderkriegen kein Störfall mehr ist.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here