Sie hat gelitten, sie hat gekämpft und vor allem hat sie nie daran gedacht, ihren Traum von einer Teilnahme bei den Olympischen Spielen 2020 aufzugeben: Am Samstag kürte sich die Luxemburger Karateka Jenny Warling in einem sehr harten Duell zur Europameisterin – und hat nicht einmal acht Monate nach ihrem Kreuzbandriss mit der Qualifikation für die European Games einen weiteren Meilenstein in Richtung Tokio gesetzt.

Ihr Traum glich bis vor wenigen Tagen noch einem Ding der Unmöglichkeit: Pro Gewichtsklasse qualifizieren sich nur zehn Karatekas für die Olympischen Spiele. Neben Kontinenten-Quota und der Weltrangliste wird möglicherweise bei den European Games in Minsk ebenfalls ein direktes Ticket nach Tokio vergeben. Dafür müsste Jenny Warling, Sportlerin des Jahres 2014, allerdings Ende Juni in Weißrussland drei Monate nach dem Triumph bei der Europameisterschaft in Guadalajara (Spanien) eine weitere Goldmedaille holen.

930 Punkte

In der Karate-Szene ist man sich einig: Noch nie war es so schwer, sich überhaupt für Olympische Spiele zu qualifizieren. Genauso kompliziert ist der Modus. In Tokio werden bei den Damen die beiden Gewichtsklassen -50 kg und -55 kg zusammengewürfelt – trotzdem sind nur zehn Frauen startberechtigt. Vor der EM stand Warling auf Platz 30 der Weltrangliste, im Olympia-Ranking (das nur 20 Monate läuft) aufgrund ihrer schweren Knieverletzung allerdings nur auf Platz 250 (15 Punkte). Dies ändert sich heute: Im neuen Klassement dürfte sie mit den zusätzlichen 930 Punkten bis in die Top 25 vorpreschen. Ein Riesenschritt. Allerdings: Nur die vier Ersten (nach dem Punktestand aus beiden Gewichtsklassen) sind in Tokio startberechtigt.

Dabei war mit diesem enormen Sprung nicht zu rechnen. Am 28. August 2018 wird die Athletin wegen eines Kreuzbandrisses operiert. Ihr großer Traum droht schon zwei Jahre vor dem größten Sportevent der Welt zu zerplatzen. Drei Tage nach der OP beginnt die Reha. Unter den Augen des behandelnden Arztes Dr. Romain Seil sowie der vom LIHPS (Luxembourg Institute for High Performance in Sports) gerade erst eingestellten Physiotherapeutin Nina Goedert beginnt am 1. September ein achtmonatiger Wettlauf gegen die Zeit: Nach einem ersten Formcheck beim Serie-A-Turnier in Salzburg soll die EM das große Comeback der COSL-Eliteathletin sein. Eiserner Wille, Disziplin und ein ungewöhnlich starker Charakter – so fasst ihr Walferdinger Vereinstrainer Misch Feidt die Konstanz ihrer täglichen Physiotherapie-Einheiten zusammen. „Sie stellt sich nicht selbst in den Vordergrund, es sind ihre Resultate, die das tun“, analysierte der Präsident des Kampfsportverbands, Serge Schaul.

Die Ruhe bewahren

Während auf Vorstandsebene die Gewitter über den Karate hereinbrechen, kämpft sich Warling im Schatten wieder zurück zur alten Form – die sie ausgerechnet zum Zeitpunkt der Verletzung aufwies. „Mein Arzt hat sich gefreut, dass das Knie standgehalten hat“, schmunzelte die Europameisterin gestern. „Ich werde in den nächsten Monaten ohnehin nur Wettkämpfe bestreiten, bei denen ich Olympia-Punkte sammeln kann. Ich werde keine Risiken eingehen“, blickte sie voraus.

Angst verspürt sie trotz der noch nicht abgeschlossenen Reha bei ihrer Vorbereitung und den Kämpfen nicht: „Nina hat für mich ein perfektes Programm aufgestellt. Ich fühlte mich in Sicherheit und war deshalb auch vom Kopf her bereit für diese Einsätze.“ Das Auftaktprogramm in Spanien spielt ihr in die Karten, wie sie erklärte. Manchmal brauche es ein bisschen Glück in ihrer Sportart. Zwei Tage nach den überstandenen Vorrunden steht sie im Finale einer ihrer härtesten Konkurrentinnen gegenüber. Gegen die Türkin Tuba Yakan ist ihr in den vorigen sechs Duellen nur ein Sieg gelungen – und wie der Zufall es so wollte, hatte sie in der gleichen Halle ein Jahr zuvor ein Serie-A-Finale in der Kategorie -55kg gegen die gleiche Karateka knapp mit 0:1 verloren. „Mein erster Punkt war überraschend“, analysierte Warling die frühe Führung im EM-Finale vom Samstag. Nicht nur eine Überraschung, sondern ebenfalls auf mentaler Ebene enorm wichtig: Im Fall eines Gleichstands nach drei Minuten geht der Sieg nämlich an den Athleten, der sein Punktekonto zuerst eröffnet. „Sie hat aufgeholt und lag ja dann mit 3:1 vorne. Ich habe mir gesagt: ‘Bleib ruhig, du wirst sie einholen.’“

Das tut sie, in beeindruckender Manier. Auch die Proteste der Türken nach einem angeblichen „contact“, also einem unkontrollierten Schlag, bringen sie nicht aus ihrem Konzept. Beim Stand von 4:4 muss Yakan volles Risiko gehen und wird von der Luxemburgerin wenige Sekunden vor Schluss ausgekontert. „Besser hätte es ja nicht laufen können“, formulierte es Warling. „Es gab schon Europameisterschaften, bei denen ich mir weitaus mehr erhofft hatte und bei denen es nicht so gut lief. Ich hatte Glück bei der Auslosung und bei den Schiedsrichterentscheidungen.“

Qualitätskontrolleurin

Genauso konsequent wie bei ihrem Comeback an die Spitze ist Warling im Privatleben. Die Chemikerin, die im Oktober während der Verletzungspause verkündete, ihr Masterstudium in „Analytischer Chemie und Qualitätssicherung“ abgeschlossen zu haben, ist inzwischen bei DuPont de Nemours als Laborantin verantwortlich für die Qualität des Plastikgranulats. „Dort sind sie alle begeistert von ihr. Sie ist intelligent und pflichtbewusst“, wusste der FLAM-Präsident zu berichten.

Doch manchmal hilft auch Lockerlassen, wie Warling noch etwas müde von ihrer verdienten spontanen Feier in Guadalajara hinzufügte: „Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass es besser läuft, wenn ich mir nicht gleich zu viele Ziele setze.“ Gemeint sind nur die kurzfristigen – Olympia bleibt der große Traum.

Ein klares Verbot gibt es trotzdem: Fußballspielen, ihre zweite große Leidenschaft. „Bis Tokio darf ich nicht mehr“, lachte die ehemalige Stürmerin. Ein Kompromiss, den die Chemikerin wohl gerne eingeht.


Die Gratulanten standen Schlange

Der Karate-Europameistertitel kam für viele Sportbegeisterte nicht ganz überraschend: Sportminister Dan Kersch verschickte sein Gratulations-Telegramm am Samstag bereits um 14.18 Uhr, rund eine Stunde nach dem fantastischen Finish: „Dies ist, was ich nach den schweren Monaten deiner Knieverletzung als eine erfolgreiche Rückkehr ins europäische und internationale Niveau beschreiben würde.“

FLAM-Präsident Serge Schaul hatte ebenfalls am Samstag mit der Ausnahmeathletin telefoniert. Beim Gespräch hatte das Verbandsoberhaupt mehrfach betont, wie sehr er sich für die 25-Jährige freute, die sich monatelang akribisch auf ihr Comeback vorbereitet habe. „Ihre Verletzung war eine große Belastung, die auch moralisch schwer zu verkraften war. Mit diesem Titel hat sie erneut bewiesen, dass sie zur Weltspitze gehört.“

Nicht mit ins spanische Guadalajara durften übrigens Warlings Eltern – aus guten Grund: „Bei meinem Vater ist das unproblematisch, aber meine Mutter ist schrecklich aufgeregt und das überträgt sich dann auf mich“, erklärte die -55-kg-Kämpferin. So werden Mutter Chantal und Vater Luc heute bei der Rückkehr der Sportlerin viel zu erzählen haben. Die Maschine der Kampfsport-Delegation landet übrigens um 22.30 Uhr auf dem Findel.

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