Am Ostermontag treffen sich Tausende Menschen am Fischmarkt und kaufen „Péckvillercher“. Wieso eigentlich? Ein Streifzug durch die Geschichte der Éimaischen.

Von Robert L. Philippart

Die Ursprünge der Éimaischen, die im nationalen Inventar der immateriellen Güter Luxemburgs geführt wird, reichen wohl auf das 14. Jahrhundert zurück. Manche Historiker sehen sie in Verbindung mit den Osterspielen über die Jünger von Emmaus und einem Markt, der sich gegenüber der „Méchelskierch“ abgehalten haben soll. Claude Esch, Mitglied des „Comité Alstad“, bestätigt, dass die Quellen zum Abhalten eines Marktes schweigen, die Feier einer Messe jedoch belegt ist. Vor 1769 konnte der heutige Fischmarkt nicht genutzt werden, da sich hier der Bau des Provinzialrates befand.

Für die Michaelskirche spricht außerdem, dass dieses Gotteshaus von mehreren Körperschaften genutzt wurden. Die Töpfer waren der Sankt-TheobaldusGilde angegliedert. Die Französische Revolution löste am zwölften Thermidor An III (30.7.1795) die luxemburgischen Gilden auf.

Das Gildensystem war jedoch damals bereits überholt. Zwischen 1765 und 1794 hatten die hauptstädtischen Gilden 21,15% ihrer Mitglieder eingebüßt. 1795 wurde die Michaelskirche zuerst für militärische Zwecke, dann als Theaterraum genutzt. Seit 1803 dient sie kirchlichen Zwecken. Eine Unterbrechung der Tradition scheint demnach stattgefunden zu haben.

Seit 1827 am Fischmarkt

In seinen zahlreichen Recherchen zeigt Claude Esch, dass am 3. April 1827 auf eine „petite foire principalement en poterie en face de Saint-Michel“ aufmerksam gemacht wird. Sie erfreute sich großen Zuspruchs, besonders von Kindern. (Claude Esch, „De Comité Alstad, d’Éimaischen an och aneres“ in Altstad-News 13/2012). Ab dem 16. April 1827 Jahres wird die Éimaischen aus Sicherheitsgründen – Schlägereien werden als Argument angeführt – verlegt und findet nun am Fischmarkt statt. Ob sie auch in den Jahren der belgischen Revolution veranstaltet wurde, ist nicht belegt.

Interessant ist jedoch die Studie des Historikers Norbert Frantz „Die Stadtgemeinde Luxemburg im Spannungsfeld politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen 1760-1890“, der für den Zeitraum 1806 bis 1852 keine Töpfer, weder unter den Handwerkern noch unter den Tagelöhnern, in Luxemburg-Stadt identifizieren konnte. Damit bestätigt er auch Paul Webers „Histoire de l’économie luxembourgeoise“, in der der Töpferei nur ein sehr geringer Anteil der luxemburgischen Wirtschaft beigemessen wird.

Trotz dieser bescheidenen Position des Töpferhandwerks sind die Aulebäcker und die Éimaischen nicht voneinander zu trennen. 1883 spricht Dicks (Edmond de la Fontaine) in „Luxemburger Sitten und Gebräuche“ von der Ausstellung von Kinderspielwaren aus Tonerde, namentlich Vogelpfeifen, kleinen Rauchfässchen und Sprudeltöpfen als Hauptattraktion des Marktes (S. 47).

Karl Mersch versuchte dem Brauchtum auf die Spur zu kommen und erinnerte im „Büchlein für die Schuljugend“ dem „Kinderfreund“ 1883 an die Geschichte von Jesus und dem zerbrochenen Krug, den er für ein Kind wieder „schöner als zuvor“ zusammensetze. „Und seither werden auf dem Tage Messen abgehalten, die man Emäuschen nennt“, schlussfolgert Karl Mersch.

Luxemburger Gesellenverein

Die Éimaischen erfuhr eine bedeutende Aufwertung durch Dechant Bernard Haal (1832-1913). Dieser hatte nach dem Modell des Kolping-Vereins 1864 noch zur Zeit der Bundesfestung den „Gesellenverein“ ins Leben gerufen. Ab Juli dieses Jahres stand dem neugegründeten Verein am Fischmarkt ein Saal in der Wiltheimstraße zur Verfügung, wo ein Dutzend Handwerkerlehrlinge Abendkurse belegten.

Nach Abzug der Garnison konnte der „Geselleveräin“ 1868 ins ehemalige Militärkasino, das frühere Haus Neunhäuser, in die Côte d’Eich verlegt werden. Mehr als 160 Schüler zählte der Verein zu dem Zeitpunkt, der an der Wiege der Luxemburger Staatshandwerkerschule steht.

Am 28. April 1889 bestätigte das Luxemburger Volks-Blättchen: „Der Ostermontag ist seit 25 Jahren das eigentliche Frühlingsfest des Luxemburger Gesellenvereins.“ Mit einem feierlichen Festzug von der Michaelskirche zum Sitz des Vereins wurde Emmaus gefeiert. Gegen 7.30 Uhr ging das Jägerbataillon in die Messe. Die Rauchfässer, die auf der Éimaischen verkauft wurden und mit gebranntem Harz funktionierten, fanden großen Zuspruch bei den Jungs, welche gerne, als Priester gekleidet, „heilige Messe“ spielten. Doch auch „Ranossen“ waren äußerst beliebt.

„An patriotischen Gesinnungen hat es ja dem Gesellenverein nie gefehlt“, bemerkte das Luxemburger VolksBlättchen. Liest man die zahlreichen Berichte zur Éimaischen, erkennt man den Willen zur Vermarktung von regionalen Produkten, einheimischer Folklore und luxemburgischen Volksliedern. Die Verfasser unterstrichen die Anwesenheit von Mitgliedern der großherzoglichen Familie bei der Einweihung, beschrieben die feierlichen Messen und die Konzerte der Blaskapellen. Der Hinweis auf Helden der Nationalgeschichte fehlte nicht. Luxemburg war nicht am französisch-deutschen Krieg von 1870 beteiligt und konnte sich somit stolz als unabhängiger Staat darstellen.

Dank Autoren wie Edmond de la Fontaine und J.B. Wachthausen erhält das Rest einen Platz in der luxemburgischen Literatur. Seine Bedeutung wird allgemein regelmäßig unterstrichen. So berichtet die Obermoselzeitung am 31. März 1891, dass ein Jüngling seinem Mädchen eine „Emäuschen“ kauft. Damit schenkt er der Dame sein Herz. Übers Jahr sitzen die beiden als brave Eheleute zu Hause und überlassen den Besuch der Emäuschen anderen.

Die „Péckvillercher“ und Töpfe, die vor 1925 meistens in Nospelt oder in der Rosporter Steingutindustrie hergestellt worden waren, wurden von Jahr zu Jahr bunter. Auch Eifeler Steingut wurde angeboten. Die mit Liebessprüchen und Lebensweisheiten versehenen Tassen verschwanden allerdings kurz nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Verkauf, ebenso wie das Porzellan. Beide Waren tauchten aber 1922 für kurze Zeit wieder auf.

Die Tram

Hatte 1913 die Öffnung der Straßenbahn von Eich zum Roten Brunnen zahlreiche Kunden in die Altstadt gezogen, so beeinträchtigte ab 1923 der Verkehr der Linie ab Neudorf über den Fischmarkt das bunte Treiben. Bürger beklagten sich, bei der Éimaischen würden nur mehr „Schund und Ladenhüter verkauft“ werden. Eine Verkäuferin kritisierte, dass die „großen Warenhäuser der Stadt“ vor ihren Geschäften Tische aufstellten und eigene Emmaus-Artikel verkauften. Sie verlangte ein öffentliches Verbot dieser Praxis. Auf dem Glacis wurden 1922 während der Éimaischen Schaukeln, Kaffeemühlen und Aeroplanen angeboten, sodass der Verlust des eigentlichen Charakters des Festes befürchtet wurde.

1930 meldete sich auch der Publizist Batty Weber zu Wort und bemerkte, die Altstadt sei kein angenehmer Ort zum Verweilen: „Einer der schönsten Teile unserer Stadt ist Festung geblieben, und was direkt dahinterliegt, leidet unter diesen Umständen, wie ganz Luxemburg bis 1866 darunter litt“ (Luxemburger Wort vom 19. April 1904). 1937 wurde mit dem Abriss der Häuserzeile am Rost begonnen. Die Altstadt sollte saniert werden – ein Projekt, das bereits auf Pläne aus dem Jahr 1901 zurückführte.

Neuer Anlauf

1937 versuchten die hauptstädtische Festkommission und ein Organisationskomitee vom Fischmarkt – aus dem das „Comité Alstad“ hervorgehen wird – einen neuen Anlauf. Neben Fischmarkt und Fleschiergasse wurde nun auch die erweiterte rue du Rost mit ins Fest einbezogen. Ein Tor mit einem als Wappenbild dienenden „Péckvillchen“ kennzeichnete das Areal, wo sich die „echte“ Éimaischen abspielte. Die Beleuchtung der historischen Bauten und ein reiches Animationsprogramm zogen zahlreiche Besucher an. Eierticken gehörte nach wie vor zum Fest. 1938 wurde das Éimaischen-Areal zudem mit Girlanden und Tannen geschmückt. Kindertheater stand an, junge Menschen erschienen in nationaler Tracht.

Die Prinzen und Prinzessinnen Jean, Elisabeth, MarieAdélaïde, Marie-Gabrielle, Charles und Alix nahmen an dem Volksfest teil. Ihr Besuch läutete eine Tradition ein, die sich bis heute bewahrt hat. Bis spät in die Nacht hinein wurde in den Gaststätten der Altstadt gefeiert.
Neu war, dass die Veranstalter ab 1938 jedes Jahr ein Souvenirobjekt durch einen Luxemburger Künstler entwerfen ließen, dessen Erlös vom Verkauf einem Sozialwerk zur Verfügung gestellt wurde.

Mit einem feierlichen Konzert am Sonntagabend begannen die Festlichkeiten. Im Rahmen der 100-Jahr-Feiern zur Unabhängigkeit des Großherzogtums erhielt die Éimaischen einen noch stärkeren patriotischen Aspekt. Die Zeitungsberichte von damals unterstrichen das Singen von neuen und alten Volksliedern bis spät in die Nacht hinein. Eine Ausstellung mit dem Titel „Saachen aus der aler Zäit“ war im Cercle-Gebäude zu sehen.

1940 fand die Éimaischen ein letztes Mal am Fischmarkt statt. Zwischen 1941 und einschließlich 1945 wurde das Volksfest auf dem Knuedler veranstaltet. Ursache dafür war, dass die Besatzer die Éimaischen in eine Kirmes mit Karussells, Schießbuden, Wurfbuden, Lachkabinett, Kraftmesser, Riesenrad, Glücksräder und „Hau-den-Lukas-Spiel“ verwandelt hatten. Aus Verkehrssicherheit-und Überwachungs-Überlegungen heraus wurde das einst patriotische Fest aus dem malerischen Kern und „Urbild“ des Luxemburgischen entfernt, zugunsten des Knuedler.

Seit 1946 hat die Éimaischen, als echtes Volksfest, ihren Platz in der Altstadt zurückerobert und ihren typischen einheimischen Charakter weiter verfestigt. Ohne die Unterstützung des „Comité Alstad“, dessen Satzungen in Artikel 3 besonders den Einsatz für den Erhalt der Éimaischen hervorheben, und der Unterstützung der verantwortlichen Dienststellen wäre uns dieses typisch luxemburgische Fest sicherlich nicht erhalten geblieben.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here