Luxemburg bezeichnet sich seit Jahren als „Start-up-Nation“. Tatsächlich sind die Gründerzahlen in den vergangenen Jahren gestiegen. Dennoch tut sich das Land beim Abbau von administrativen Hürden immer noch schwer.

Marc Burelbach hat im vergangenen Jahr den Schritt gewagt. Gemeinsam mit zwei Freunden hat er ein Unternehmen gegründet, sich selbstständig gemacht. Media 4 all, ein Start-up-Unternehmen für Direktübertragung im Internet. Der 38-Jährige hat dafür seine feste Stelle als Filialleiter der Raiffeisen-Bank aufgegeben. Der Komfort eines festen Gehalts gegen unternehmerisches Risiko – ein ungewöhnlicher Schritt, den nur wenige Luxemburger wagen.

Dabei hat sich die Regierung in Eintracht mit der Arbeitgeberseite seit Jahren das Label „Start-up-Nation“ auf die Fahne geschrieben. Junge Menschen sollen dazu ermutigt werden, Start-ups zu gründen. „Wir brauchen eine Start-up-Kultur, bei der es auch erlaubt sein muss, zu scheitern“, so Handelskammer-Direktor Carlo Thelen vor kurzem bei einer Pressekonferenz. Und auch Michel Wurth, ehemaliger Vorsitzender sowohl des Arbeitgeberverbands (UEL) als auch der Handelskammer, hat gestern in einem Interview mit Le Quotidien gesagt: „Wenn ich heute noch mal 30 wäre, würde ich mich in ein unternehmerisches Abenteuer stürzen.“

Tatsächlich steigt die Zahl der Unternehmensgründungen in Luxemburg seit Jahren: von rund 2.300 zu Beginn des Jahrhunderts auf jährlich über 3.500 neue Firmen, wie einer Studie des Thinktanks der Arbeitgeberkammer „Idea“ zu entnehmen ist. Und auch die Handelsermächtigungen sind von 4.500 im Jahr 2010 auf 6.600 im vergangenen Jahr gestiegen. Zur Realität gehört jedoch auch, dass die Zahlen der Insolvenzen seit Jahren ebenso steigen: Im vergangenen Jahr war es die Rekordzahl von 1.189 insolventen Unternehmen. Dabei gehört der Misserfolg insbesondere bei Start-up-Firmen dazu. Als Faustregel gilt: Vier von fünf Start-ups scheitern. Es kann deshalb nicht überraschen, dass laut Handelskammer das Armutsrisiko bei Selbstständigen deutlich höher ist als bei Angestellten.

Dabei entscheidet sich für viele Unternehmer bereits in den ersten Monaten, ob ihr Start-up erfolgreich sein wird oder eben nicht. Schweden, das Land, aus dem Minecraft und Spotify stammen, hat deshalb vor Jahren ein Modell entwickelt, um Unternehmergeist zu fördern und Risiken zu minimieren. Bereits seit mehr als 20 Jahren haben angehende Firmengründer dort die Möglichkeit, sechs Monate „unbezahlten Urlaub für Firmengründungen“ zu nehmen. Natürlich ist das an Bedingungen geknüpft: So muss der Antragsteller bereits eine Zeit im Unternehmen arbeiten, die neue Firma darf der aktuellen keine Konkurrenz machen und der Mitarbeiter darf nicht unabdingbar für den aktuellen Arbeitgeber sein.

Schwedisches Modell

„Ein tolles Modell“, sagt Marc Burelbach. „Das hätte den Schritt sicherlich erleichtert.“ Das sieht auch der Politiker und Unternehmer Sven Clement so. Vor kurzem richtete der Abgeordnete der „Piratepartei“ deshalb eine parlamentarische Anfrage an die zuständigen Minister Dan Kersch (LSAP) und Lex Delles (DP), ob die Regierung nicht ähnliche Pläne für die „Start-up-Nation“ hege. Clement erhielt nun eine Absage. „Nicht im Koalitionsprogramm vorgesehen und aktuell auch kein Thema“, so die konzise Antwort der Regierung.

Clement hat jedoch auch danach gefragt, wie schnell eine Unternehmensgründung in Luxemburg möglich ist. Immerhin hat die Europäische Union vorgegeben, dass Gründungen innerhalb von drei Tagen möglich sein sollten. Zudem wollte er wissen, ob man sämtliche Schritte digital vornehmen kann, der Gründer also das Haus bzw. die Garage nicht verlassen muss.

Laut Antwortschreiben von Delles und Kersch lässt sich ein Unternehmen in Luxemburg im Idealfall in fünf Tagen bei 24 Euro Gesamtkosten gründen. Das trifft jedoch nur für Einzelunternehmer zu, die keine Kapitalgesellschaft gründen müssen – wenn sich der Gang zum Notar also erübrigt. Von der Garage aus lässt sich jedoch kein Start-up in Luxemburg gründen, die Handelsermächtigung muss jeder in persona abholen.

Im Normalfall dauert eine Gründung jedoch deutlich länger. Das musste auch Marc Burelbach erfahren. Jene seiner Start-up-Firma dauerte von Mai bis September, also rund vier Monate. TVA-Nummer, Handelsermächtigungen, eigenes Betriebskonto, Gang zum Notar – alles administrative Hürden, die für die Gründung einer Kapitalgesellschaft notwendig sind. Als Banker habe er dazu bereits einiges an Vorwissen mitgebracht, was es bei einer Gründung zu beachten gilt. Möglicherweise hätte es sonst wohl noch länger gedauert. „Ein Start-up in drei Tagen“ hält er jedoch für nicht möglich. „Das ist vollkommen utopisch“, so Burelbach. Allerdings habe die Dauer von rund vier Monaten doch überrascht. Dennoch will der Jungunternehmer mit Luxemburg als „Start-up-Nation“ nicht negativ ins Gericht gehen. Die Beratungsstellen der „Chambre de commerce“ und der „Chambre des métiers“ seien äußerst fachmännisch und zielführend gewesen.

Den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben, bereut er übrigens nicht: „Es ist ein Traum, wenn das Hobby zum Beruf wird.“ Zwar würde er in der Anfangszeit deutlich weniger verdienen als in seiner Zeit als Banker. Aber es sehe gut aus für die Zukunft. Und das ist bei allen Herausforderungen immer noch die wichtigste Eigenschaft als Start-up-Gründer: Optimismus.

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